Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1108/85715.html    Veröffentlicht: 16.08.2011 15:26    Kurz-URL: https://glm.io/85715

CC-Camp 2011

Höfliche Hacker, besetzte Datenklos, schimpfende Schwalben

Ein großes Fest sollte es werden. Abgesehen von dem Streit um Openleaks war es das auch: Auf dem Chaos Communication Camp 2011 trafen sich fünf Tage lang Hacker aus aller Welt unter freiem Himmel.

Frei nach dem Motto: Sei realistisch, verlange das Unmögliche haben rund 4.000 Hacker auf dem Chaos Communication Camp 2011 über den Sprung ins Weltall diskutiert, aber auch über löcherige GSM-Netze und undurchsichtige Chips auf Smartcards. Sie sprachen über Recycling ebenso wie über aktuelle Technik - und scheiterten am Einpflocken ihrer Zelte. Grassroots traf auf Innovation. Und wie immer versuchten die Hacker, alles in Einklang zu bringen - eine Subkultur aus versponnenen, aber auch pragmatischen Weltverbesserern.

Angetrieben von wachhaltendem Mate-Getränk wurde fünf Tage lang jeweils 24 Stunden geredet und gehackt. Die friedliche Zeltlageratmosphäre auf dem ehemaligen sowjetischen Militärflughafen bei Finowfurt nahe Eberswalde im Brandenburgischen, über dem abwechselnd Sportflieger, Quad-Copter, selbst gebaute Raketen und Schwalben schwirrten, wurde diesmal allerdings von einem Streit gestört.

Der Vorstand des Chaos Computer Clubs sah den Ruf des Vereins von Daniel Domscheit-Berg bedroht, der auf dem Camp seine Whistleblower-Plattform Openleaks vorstellte - und dabei gegen Wind und Regen kämpfen musste. Domscheit-Bergs Ausschluss aus dem Club wurde auf dem Camp bis spät in die Nacht diskutiert.

Auch in mindestens zwei Vorträgen (Cyberethics, Hackerethics) wurde der Ruf des CCC und der Hackergemeinschaft thematisiert. Einer von ihnen kritisierte Anonymous und Lulzsec. Sie seien unbedacht und verstießen oft gegen den Grundsatz: "Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen".

Zwischendurch gab es immer wieder einen Schuss Natur für die anwesenden Hacker, wenn die nistenden Schwalben durch den Vortragssaal kreisten, um ihren Nachwuchs zu verteidigen. Unter ihrem wütenden Schimpfen wurde über die Zukunft gesprochen, über die wahrscheinlichen Folgen einer Ressourcenknappheit: eine Deglobalisierung mit einer erstarkenden lokalen Ökonomie. Der Rat an die Hacker: alte Hardware behalten und dafür sorgen, dass Technik so gebaut ist, dass sie reparierbar ist.

Hacker wollen auf den Mond

Reale Zukunft, nicht etwa Science-Fiction betraf auch das Motto des Camps, einen Hacker auf den Mond zu schicken. Schnell in die Schlange hinter die anderen, höflich wartenden Hacker eingereiht und ein neues Getränk gekauft, dann weiter in die zahlreichen Vorträge zu Raketentechnik, Weltraumschrott und Weltraumstrahlung zwischen 12 und 24 Uhr. Die Hacker gingen die geplante Eroberung des Weltalls recht pragmatisch an: In einem Vortrag erfuhren sie, wie schwierig es ist, die 35 Millionen Euro aufzutreiben, die dafür benötigt werden, ein Gefährt auf den Erdtrabanten zu schießen. Das haben die Part Time Scientists vor, um den von Google ausgeschriebenen Lunar X-Prize zu gewinnen.

Dennoch gehen die Hacker davon aus, dass in wenigen Jahren die Raketentechnik so preiswert ist, dass sie ein eigenes Satellitennetz aufspannen und ein unabhängiges Netzwerk parallel zum Internet einrichten können - frei von Sperren und sonstigen Einschränkungen.



Die Organisatoren hatten das Hacker-Fest und die Infrastruktur gut im Griff. Die Netzwerkverbindung war hervorragend. Dafür sorgte auch eine effiziente Unterteilung der aufgespannten WLAN-Netzwerke. Es gab zwei SSIDs. Eine wurde auf das 5-GHz-Band festgesetzt und gab sich als ccc-2011-5ghz zu erkennen. Die andere nutzte das 2,4-GHz-Band und gab sich analog zur 5-GHz-SSID zu erkennen. Das hatte den Vorteil, dass WLAN-Geräte mit 5-GHz-Hardware gar nicht das tendenziell instabilere 2,4-GHz-Band benutzten, auf der vor allem auch Mobiltelefone und günstigere oder ältere Hardware herumfunkte und bremste.

Für den letzten Lauf eines Mate-Getränks war ebenfalls reichlich gesorgt. Klos gab es auf dem Camp genug. Die Plastikhäuschen wurden allerdings auch zweckentfremdet: Die sogenannten Datenklos beherbergten die WLAN-Infrastruktur samt Access Point unter einem Farbeimer-Dach. Insgesamt wurden über 20 davon über das Gelände verteilt und sorgten damit für eine Infrastruktur, die in ländlichen Gebieten ungewöhnlich ist.

Abstürzende Handys und freche Journalisten

Die Hacker spannten auch ihr eigenes GSM-und Dect-Netzwerk auf und testeten offenbar ihre neu gewonnenen Kenntnisse über das Hacken von Smartphones auf den Geräten der Besucher, die sich regelmäßig über Abstürze oder Aufforderungen zur Standortbestimmung wunderten. Obendrein war der Mobilfunkempfang doch ziemlich eingeschränkt, wenn nicht das lokale GSM-Netzwerk benutzt wurde. 3G-Geschwindigkeiten gab es auf dem Gelände nur an wenigen Stellen und dann auch eher im Bereich von -100 dB. Meist konnte nur GPRS verwendet werden. In den Bunkern brach der Empfang auch gerne komplett ab.

Gegenüber der versammelten Weltpresse verhielten sich die Hacker höflich, obwohl sie oft wenig Grund dazu hatten. Das generelle Filmverbot ignorierten einige Journalisten nicht nur gelegentlich. Wie viele Hacker der schriftlichen Aufforderung der Organisatoren nachkamen, Journalisten höflich, aber bestimmt aufzufordern, sie in Ruhe zu lassen, "wenn sie nerven", ist uns nicht bekannt.

In der Zeltstadt konnte gut gegessen werden - und auch mal geschlafen. Wer wach war, bewunderte, wie sich im Dunklen das Gelände in ein Lichterkunstwerk verwandelte, das die Gruppe Blinkenlights über das gesamte Gelände verteilte. Dabei wurden auch die auf dem Luftfahrtmuseum abgestellten Flugzeuge miteinbezogen und mit zahlreichen Leuchtmitteln modifiziert und von Nebelmaschinen eingenebelt. Obendrein zeigten die Quadrocopter-Besitzer, warum sie LEDs brauchen. So konnten die Hacker ihre Fluggeräte auch nachts demonstrieren. Und dann tags in den Vorträgen kurz einnicken und vom Geräusch der umfallenden Mate-Flasche wieder erwachen.



Alle Golem-Artikel des Camps sind in unserem CC-Camp-Special aufgelistet. Das nächste Chaos Communication Camp findet voraussichtlich im Jahr 2015 statt. Als nächste größere Veranstaltung ist vorher der 28. Chaos Communication Congress (28C3) geplant. Wie üblich zwischen den Jahren, dieses Mal 2011 und 2012, in Berlin unter einem festen Dach.  (jt)


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