Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1107/85001.html    Veröffentlicht: 19.07.2011 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/85001

Blackberry Playbook im Test

Kompaktes Tablet mit intuitiven Gesten

Mit dem Blackberry Playbook tritt RIM gegen die Tabletkonkurrenten wie iPad, Android-Tablets und HPs Touchpad an und setzt dabei auf das Echtzeitbetriebssystem QNX Neutrino. Im Test gefallen vor allem Multitasking und die flotte Bedienung durch Gesten. Softwareseitig enttäuscht das Tablet aber.

RIMs Tablet, das vor der offiziellen Ankündigung gerüchteweise "Blackpad" hieß, trägt in der Verkaufsversion den Namen Playbook. Schon beim ersten Kontakt gefällt die Verarbeitung des kompakten Geräts. Als Betriebssystem nutzt das Playbook RIMs Blackberry Tablet OS, das auf dem Unix-ähnlichen Echtzeitbetriebssystem QNX Neutrino basiert.

Flott und flüssig

Die Einrichtung des Tablets ist nur mit einer Blackberry-ID möglich. Zum Abgleich mit den Servern wird direkt zu Beginn eine WLAN-Verbindung vorausgesetzt. Firmwareupdates zieht das Playbook automatisch, wobei diese nicht manuell abgebrochen werden können.

Das Bedienkonzept hat sich RIM von HPs WebOS abgeschaut. Der Rand wird für Ein-Finger-Gesten genutzt, die in den Touchscreen führen. Auf diese Weise wird zum Beispiel das Playbook aus dem Ruhezustand geweckt. Versehentlich könnte sich das Gerät also in der Tasche von alleine einschalten. Auch beim traditionellen Einschalten über den Power-Knopf ist das Playbook direkt betriebsbereit - es kommt kein Sperrbildschirm.

Ein weiterer Wisch von unten nach oben öffnet die Programmübersicht. In der Mitte werden die aktiven Anwendungen angezeigt, zwischen denen Nutzer auch im Vollbildmodus jederzeit mit einem Wisch vom rechten oder linken Rand aus wechseln können. Leider ist dieser Vorgang unnötig aufwendig animiert. Damit hat RIM den Gestenbereich von WebOS-Smartphones angepasst in die Tablet-Welt gebracht, was HP mit dem Touchpad nicht gelungen ist. Um Programme zu schließen, werden sie mit einem Finger nach oben aus dem Bild geschubst.

Im Test funktionierte das Multitasking einwandfrei: Das vorinstallierte Rennspiel Need for Speed Underground lief aktiv im kleinen Fenster weiter, während gleichzeitig ein 1080p-Video im Mediaplayer startete. Das Playbook stottert nicht einmal, wenn zusätzlich noch ein Word-Dokument geöffnet wird.

Einen Dock-Anschluss für externes Zubehör bietet das Gerät ebenfalls. Wenn das Schreibtischzubehör nicht in Reichweite ist, müssen Anwender die Softwaretastatur benutzen. Die Bildschirmtastatur reagiert sehr schnell. Trotz des viel kleineren Displays im 16:9-Format können wir darauf genauso gut tippen wie auf jeder größeren Tastatur in 10-Zoll-Tablets. Umlaute erscheinen beim längeren Drücken auf den passenden Vokal - eigene Umlauttasten fehlen. Für Nummerneingaben muss ebenfalls umgeschaltet werden. Im Querformat lassen sich mit den Daumen gerade so alle Buchstaben erreichen, komfortabel ist das aber nicht.

Eine Wischgeste vom oberen Rand nach unten in den Touchscreen öffnet die Systemeinstellungen. In der oberen rechten Ecke zeigt das Playbook den Akkuladestand sowie einen Regler für die Helligkeit des Bildschirms. Eine automatische Helligkeitseinstellung bietet das Playbook nicht.

Hardwareausstattung und Leistung

Im Playbook steckt ein ARM-Prozessor von Texas Instruments mit zwei Kernen, die mit 1 GHz getaktet sind. Hinzu kommen 1 GByte Arbeitsspeicher und ein SGX540-Grafikchip von PowerVR. Momentan gibt es das Playbook mit 16, 32 und 64 GByte internem Speicher. Es kostet zwischen 500 und 700 Euro.

Eine auf den Nutzer gerichtete 3-Megapixel-Kamera wird für Videotelefonie genutzt. Nach außen ist eine Kamera mit 5 Megapixeln gerichtet. Sie hat keinen LED-Blitz und ist daher nur für Schnappschüsse im Hellen gedacht. Videos werden in einer Auflösung von 1080p aufgezeichnet. Über die Qualität der Aufnahmen von anderen Tablets kommt auch das Playbook nicht hinaus.

Die automatische Ausrichtung des Bildschirms erfolgt zuverlässig, aber mit leichter Verzögerung. Das 11 Millimeter hohe und 430 Gramm schwere Tablet hat einen 7 Zoll großen kapazitiven Touchscreen mit einer Auflösung von 1.024 x 600 Pixeln. Das Display spiegelt sehr stark und bei direkter Sonneneinstrahlung sind Texte trotz der hohen Helligkeit nur schwer zu lesen. Den Bildschirm umgibt ein zwei Zentimeter breiter schwarzer Gehäuserand.

Ohne 3G, aber mit Bridge

Zur Verbindung mit dem Internet ist unser Testgerät auf WLAN beschränkt, es unterstützt sowohl 2,4 als auch 5 GHz. Eine 3G-Version des Playbook soll kommen, wann, hat der Hersteller aber noch nicht verraten.

Für mobiles Internet verbindet sich das Tablet über Bluetooth mit herkömmlichen Mobiltelefonen, beispielsweise einem E55 von Nokia. Nur iOS-Geräte wollten im Test ihre Internetverbindung nicht mit dem Playbook teilen. RIMs aktuelle Blackberry-Smartphones können dafür besonders elegant über die Blackberry-Bridge-Funktion verbunden werden. Sie spendet dem Playbook nicht nur die mobile Internetleitung, sondern stellt auch den Kalender, Kontakte, Notizen und Dateien zur Verfügung.

Im Test hielt die Blackberry Bridge alle Daten zuverlässig zwischen den beiden mobilen Geräten synchron. Nach der Bearbeitung eines Kalendereintrags auf dem Playbook war dieser zehn Sekunden später auch auf dem Smartphone aktualisiert. Dokumente werden in den mitgelieferten Anwendungen Documents to Go bearbeitet. Sie können vom Playbook aus auch auf dem Blackberry gesichert werden. Die hauseigenen Produkte hat RIM vorbildlich miteinander verzahnt.

Um Daten vom Computer auf das Playbook zu übertragen, muss der Nutzer eine Software installieren. Im Test funktionierte das mit Windows 7 und Mac OS X problemlos. Über Bluetooth oder Wifi kann auf den Datenspeicher des Tablets zugegriffen werden. Beeindruckt sind wir von der automatischen Dateierkennung des Geräts. Der Playbook-Mediaplayer und die Office-Anwendungen finden alle Dateien automatisch, egal in welchen Ordner wir MP3s, H.264-Videos, Word-Dokumente oder PDFs legen.

Nichts Gutes in der App World

Um zusätzliche Anwendungen auf dem Playbook zu installieren, müssen Nutzer die App World, RIMs Gegenstück zum Android Market oder Apples App Store, starten. Die App World ruckelt lästigerweise beim Scrollen durch die Anwendungen. Sie ist unordentlich und mäßig kategorisiert. Nützliche Anwendungen sind ebenfalls noch Mangelware.

Einen nativen Dateimanager bietet das Playbook nicht. Über die Blackberry App World gibt es nur den zweckmäßigen, kostenlosen AIR-Browser. Viele Anwendungen für das Playbook sind kostenlos, basieren auf Adobe Air und ruckeln beim Scrollen. Im Angesicht der sehr flüssigen Darstellung von nativen Playbook-Anwendungen kann es sich nur um schlechte Anpassungen handeln. Besonders im Zusammenspiel mit dem Bewegungssensor verursachen viele Apps von Drittherstellern Fehler beim Drehen des Geräts. In der Programmübersicht dreht sich die Vorschau der Anwendungen beispielsweise nicht mit.

Gerade im direkten Vergleich mit Apps für iOS- oder Android-Geräte fällt der Entwicklungsrückstand der Blackberry-Plattform deutlich auf. Nutzer, die die täglichen Nachrichten einmal mit Apps wie Reeder und Instapaper verfolgt haben, fühlen sich auf dem Playbook ins letzte Jahrzehnt versetzt. Dort finden sie nur ruckelige RSS-Reader, die Headlines mit den passenden Links anzeigen. Da fällt es leichter, Google Reader direkt im Browser anzusurfen.

Der Internetbrowser

Der Webkit-basierte Internetbrowser reagiert schnell auf Eingaben und unterstützt Flash-Inhalte, Tabbed-Browsing sowie die gängigen Gesten zum Zoomen und Zentrieren. Flash-Videos bereiten dem Playbook in der Regel keine Probleme. Manche Videoplayer in Flash verursachen aber Darstellungsfehler und stürzen beim Wechsel in den Vollbildmodus ab. Browserspiele auf Facebook funktionieren: Bejeweled Blitz waren zum Testzeitpunkt ohne Abstürze spielbar. Die Open Beta von Civ World lief nur mit Grafikfehlern.

Die Einstellungen erreichen Nutzer durch einen Fingerstrich vom oberen Rand in den Touchscreen. Dort werden auch die Tabs eingeblendet. Eine direkte Geste zum Wechseln der Tabs gibt es nicht. Der Playbook-Browser bietet die üblichen Optionen in mobilen Browsern. Javascript kann ein- und ausgeschaltet werden, genau wie Flash. Sobald Flash ausgeschaltet ist, tauscht der Browser Videoplayer nicht durch HTML5-Elemente aus. Flash-Inhalte werden auch nicht auf Wunsch des Nutzers angezeigt, wie man es von Android und WebOS kennt. So sind auf vielen Seiten keine Videos mehr anschaubar. Einen Inkognito-Modus gibt es ebenfalls.

In den gängigen Benchmarks kommt der Browser auf gute Werte. Den Javascript-Benchmark Sunspider 0.9.1 durchläuft er zum Beispiel in 2.3 Sekunden, eine gute Sekunde schneller als Safari auf dem ersten iPad. Beim Acid3-Test erreicht er die volle Punktzahl, stockt aber etwas beim Durchlauf.

Akkuleistung und Stromsparmodi

Während des Tests mussten wir das Playbook in der Regel alle zwei Tage wieder komplett aufladen, bei intensiver Internetnutzung über WLAN. Für zwei zweistündige Filme bei maximaler Helligkeit reicht die Akkuleistung gerade so.

Mit einem vollständig aufgeladenen Playbook und eingeschalteter Blackberry-Bridge über Bluetooth konnten wir auf einer vierstündigen Bahnfahrt regelmäßig E-Mails kontrollieren, surfen, eine Stunde Tetris spielen sowie Dateien von einem Macbook transferieren, ohne dass uns die Akkuleistung beunruhigte. Bei der Ankunft hatten wir noch 20 Prozent der Akkuleistung.

Einen praktischen Notstrommodus wie das Flyer von HTC hat das Playbook nicht. Nutzer, die Strom sparen wollen, müssen auch darauf achten, in welchem Multitaskingmodus sie sich befinden. Im Präsentationsmodus hält das Playbook alle Anwendungen auch im Hintergrund aktiv; das verbraucht sehr viel Energie und ist nur für Messen und Vorträge geeignet. Im Standardmodus laufen Spiele und Videos im Hintergrund weiter. Etwas Laufzeit gewinnt das Playbook im Angehaltenmodus, der Anwendungen stoppt, sobald sie nicht mehr im Vollbild angezeigt werden.

Erreicht die Akkustandsanzeige 10 Prozent, beginnt das Playbook, ein recht schrilles Tonsignal aus den Stereolautsprechern von sich zu geben und das Akkusymbol färbt sich rot. 30 Minuten kann mit dem Tablet dennoch sorgenfrei weitergearbeitet werden.

Ist der Akku bei 0 Prozent, erscheint eine Minute, bevor der Bildschirm endgültig schwarz wird, ein Dialog, der den Nutzer bittet, das Tablet an eine Stromversorgung anzuschließen. Die verbleibenden Sekunden zählen herunter und das Tablet reagiert nicht länger auf weitere Eingaben. Das Dokument, an dem Nutzer bis zuletzt gearbeitet haben, kann also nicht in letzter Sekunde auf das Smartphone übertragen werden.

Fazit und Ausblick

Derzeit ist das Playbook nur für Blackberry-Nutzer interessant, die auch das passende Smartphone von RIM im täglichen Einsatz haben. Für sie könnte das Tablet auf Dienstreisen dank des Micro-HDMI-Ausgangs den Laptop ersetzen. Das Playbook eignet sich gut für Präsentationen, Internet oder Textverarbeitung.

Abseits dieser Qualitäten kann nur noch das Bedienkonzept begeistern. Zwischen mehreren Anwendungen hin- und herzuwechseln bereitet dank der flüssigen Darstellung und direkt umgesetzter Eingaben viel Bedienkomfort. Nutzer gewöhnen sich sehr schnell an die Gesten und vermissen sie dann in der Bedienung anderer Tablets.

Was die verfügbare Software anbelangt, gibt es dringenden Nachholbedarf. Native Anwendungen für E-Mails, Kontakte und Termine fehlen. Das Angebot in der App World ist schwach und der Shop müsste überarbeitet werden. Unter Umständen sorgt in dem Bereich bald der Android-Player für Abhilfe, der Android-Apps auf dem Playbook emulieren kann.

Je schneller gute Software für das Playbook kommt, desto besser, denn die Hardware wird nicht jünger und ist zudem verhältnismäßig teuer. Die Verarbeitung des Geräts ist erstklassig und das Betriebssystem Blackberry Tablet OS hat großes Potenzial. Wenn RIM das mitgelieferte Softwarepaket ausbaut und 3G nachrüstet, könnte das Playbook eine gute Alternative zum 7-Zoll-Galaxy-Tab von Samsung und HTCs Flyer werden.  (mw)


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