Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1107/84956.html    Veröffentlicht: 14.07.2011 18:38    Kurz-URL: https://glm.io/84956

Touch & Travel in Berlin

Fahrscheinloser Nahverkehr mit Smartphone und Tücken

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die Deutsche Bahn weiten das Handyticketsystem auf die Stadt Berlin aus. Wer will, kann mit einem Android-Smartphone oder iPhone seine Bahnfahrt bezahlen. Golem.de hat sich vor Ort das System angesehen, das aus gutem Grund noch nicht in großem Stil bekanntgemacht wird.

Das Touch-&-Travel-System der Deutschen Bahn wird nun auch auf den Berliner Nahverkehr ausgeweitet. 2008 als Feldversuch gestartet, hat der Dienst laut Deutsche Bahn mittlerweile 10.000 Kunden, die ohne Fahrschein fahren und stattdessen ihr Smartphone oder Handy nutzen, um eine Fahrt zu bezahlen und nachzuweisen.

Touch & Travel sollte ursprünglich als Handyticket großen Zuspruch erhalten. Momentan ist das System jedoch eher ein Smartphone-Ticket, da die NFC-Technik für Mobiltelefone praktisch keine Verbreitung gefunden hat. Entsprechend verhält sich auch die BVG: Während die meisten Bahnhöfe mit NFC-Technik ausgestattet sind, gilt das nicht für die Haltestellen von Bus und Straßenbahn. Dort wird die Installation vorerst nicht vorgenommen, solange es keine nennenswerte Verbreitung von NFC-Geräten gibt. Es ist jedoch weiterhin geplant.

BVG recycelt ihre QR-Codes

Stattdessen setzt die BVG auf Zweitverwertung. In Berlin sind bereits alle Haltestellen mit QR-Codes versehen. Diese können abfotografiert werden und leiten den Nutzer auf eine Webseite, die aktuelle Abfahrtszeiten zur Verfügung stellt, inklusive Verspätungsinformationen. Das System wird schon länger genutzt, auch wenn es in Berlin kaum Fahrgäste gibt, die tatsächlich QR-Codes von den Fahrplänen abfotografieren. Das könnte sich jetzt ändern.

Die Touch-&-Travel-App verwendet genau diese Codes, um Start- und Zielpunkt einer Fahrt zu bestimmen und den Tarif zu berechnen. Alternativ reicht aber auch eine Standortbestimmung aus. Der Anwender wählt dann seinen nächsten Abfahrtsort in der Anwendung. In beiden Fällen meldet er sich an einer Haltestelle an und bei seinem Ziel wieder ab. Dabei werden gegebenenfalls Fahrten zusammengefasst. Wer zwei Kurzstrecken in die gleiche Richtung innerhalb von zwei Stunden fährt, der bezahlt das 2-Stunden-Ticket, da dies günstiger ist. Ebenfalls berechnet werden kann der Tagestarif, sobald er sich lohnt. Normalerweise ist dies nach Regel-Einzelfahrten der Fall.



Touch & Travel bildet nur einen sehr kleinen Bereich der Tarifsysteme ab

Bei den Tarifen beschränkt die BVG zusammen mit der Deutschen Bahn das System erst einmal künstlich. Es gibt nur die Fahrscheintypen Kurzstrecke, Einzelfahrt und Tageskarte und das auch nur für Anwender über 18 Jahren. Monatskarten und andere Spezialkarten werden in Betracht gezogen, aber noch nicht angeboten. Es sind also erst einmal nur Gelegenheitskunden, die die BVG in der Millionenstadt anspricht. Diese müssen entweder ein Android-Smartphone (Version 2.1 oder höher) oder ein iPhone haben. Alle anderen bleiben vorerst außen vor.

Außerdem ist das System auf die Stadtgebiete Berlin und Potsdam (ViP) beschränkt, also auf die Zonen A und B. Die Umlandzone C der beiden Tarifgebiete wird noch nicht unterstützt. Besonders ärgerlich ist das, weil der Flughafen Berlin-Schönefeld (SXF) im C-Bereich von Berlin liegt. Die Umlandzonen sollen aber schnellstmöglich integriert werden. Die BVG hofft, das noch vor Schließung des Flughafens Berlin-Tegel (TXL) und vor der geplanten Erweiterung von Schönefeld zum neuen Flughafen Berlin-Brandenburg (BER) im Juni 2012 machen zu können.

Auch die App-Nutzung selbst wird nicht immer gelingen. Mitunter ist die Touch & Travel App nicht zu finden. Android-Nutzer müssen beispielsweise auf die richtige Schreibweise achten. Hier will die Deutsche Bahn noch nachbessern. Bei Apples App Store ist die Anwendung ausschließlich über den deutschen App Store zu beziehen. Ausgerechnet Berlin-Touristen aus dem Ausland können mit dem System nichts anfangen - vorerst.

Es wird derzeit eine deutsche Kontoverbindung für das Lastschriftverfahren vorausgesetzt - ein Problem für die internationale Verteilung. Kreditkartenzahlung und ähnliche Zahlungsverfahren werden noch nicht unterstützt. Wie die Deutsche Bahn auf Nachfrage mitteilte, ist aber eine internationale Version geplant.

Es ist klar ersichtlich, dass die BVG hier zusammen mit der Deutschen Bahn einen größeren Testlauf durchführt, schließlich kommen zu den 10.000 Fernreisenden nun plötzlich viele Teilnehmer des Öffentlichen Personennahverkehrs von Berlin und Potsdam hinzu.

Die Firmen tasten sich vorsichtig an die Nutzung heran - aber mit dem klaren Ziel vor Augen, einen großen Anteil der Nutzer zum Umstieg zu bewegen. 30 Prozent sind bis zum Jahr 2020 angepeilt. Dementsprechend wird es wohl in Zukunft auch weniger Automaten für den Fahrscheinverkauf geben. Eine Umgewöhnung ist notwendig, die nicht jedem gefallen wird. Die Ortung ist, genauso wie das Abmelden vom System für Touch & Travel, beispielsweise Pflicht. Wer sich nicht abmeldet, bekommt nach vier Stunden eine Kurzmitteilung als Erinnerung per SMS geschickt, damit er sich beim Kundenservice über eine 0800er Nummer abmelden kann und nicht zu viel zahlt.



Schwierigkeiten sind zu erwarten

Bei der Pflichtortung sehen wir Probleme, da vom Anwender grundsätzlich eine oberirdische Ortung verlangt wird. In Tunneln sollte sich der Anwender nicht einbuchen. Zwar gelten die QR-Codes an Haltestellen und Bahnhöfen als eindeutige Orte, aber es kann passieren, dass die Hintergrundortung der Anwendung versagt. GPS-Empfang benötigt seine Zeit und so ist davon auszugehen, dass in vielen Fällen eine GSM- oder WLAN-Ortung durchgeführt wird. Die kann unterirdisch durchaus ungenau sein und mehrere Kilometer falschliegen. Vergisst der Anwender dann auch noch die Abmeldung, kann er sich im Streitfall für die Berechnung des richtigen Tarifs nicht auf die Ortungsdaten verlassen. Ein Problem, das mit der NFC-Technik übrigens nicht passieren soll, da diese Tags im Unterschied zu QR-Codes nicht kopierbar sind.

BVG-Vertreter wollten sich zu diesen Problemstellungen nicht äußern, betonten aber, dass solche Schwierigkeiten während der Anfangsphase vom Kundenservice kulant geregelt werden sollen. Wie das in der Praxis aussehen wird, lässt sich noch nicht beurteilen. Der mögliche Schaden ist aber gering, da maximal eine Tageskarte für 6,30 Euro fällig wird, wenn eine Einigung mit der BVG nicht gelingt oder eine Beschwerde einfach vergessen wird. Der Nutzer muss auch nicht damit rechnen, dass er für die nächsten Tage ebenfalls zahlen muss. Letztendlich liegt damit jedoch viel Verantwortung beim Nutzer.

Für Beschwerden werden die dafür notwendigen Daten der Nutzer sechs Monate gespeichert. Die Deutsche Bahn versichert, dass nur sehr wenige Personen überhaupt Zugriff auf die Daten haben und auch nur bei der Abrechnung im Problemfall. Sonst seien die Daten anonymisiert.

Fahrscheinkontrolle mit Technik

Bei Fahrscheinkontrollen muss die BVG technisch aufrüsten. Sie benutzt Scangeräte, die das Bild von einem Smartphone ablesen können. Bisher wurde nur eine Sichtprüfung durchgeführt. Für eine elektronische Kontrolle reicht das aber nicht mehr aus. Auf dem Smartphone ist dann ein QR-Code zu sehen, der beweisen soll, dass der Anwender ein gültiges Touch-&-Travel-Ticket besitzt. Wer mit einem leeren Akku erwischt wird, wird so behandelt, wie derjenige, der seinen Fahrschein verloren hat. Er fährt erst einmal schwarz. Immerhin kann der Touch-&-Travel-Nutzer im Nachhinein nachweisen, dass er sich eingebucht hat.

Insgesamt erfordert das System bei Berlinfahrten ein Umdenken, zumindest für Ortsansässige, die mit dem Tarifsystem vertraut sind. Statt einfach einen Fahrschein zu kaufen, muss sich nun bei jeder Fahrt an- und abgemeldet werden. Wer häufig fährt, hat aber ohnehin eine Zeitkarte, beispielsweise für den aktuellen Monat. Für Gelegenheitsfahrer ergeben sich durchaus Vorteile, da ihnen das Tarifsystem egal sein kann und sie so schnell ihre Fahrten überprüfen können.

Durch die bewussten Einschränkungen ist der Nutzen von Touch & Travel derzeit noch nicht zu erkennen. Wenn BVG und Deutsche Bahn es schaffen, das ganze Tarifsystem in Touch & Travel abzubilden, wird sicher der ein oder andere auf dieses System umsteigen. Vor allem eine bundesweite Einführung klingt vielversprechend, denn selbst Nahverkehrsprofis haben in anderen Städten mitunter ihre Schwierigkeiten, die Tarifsysteme nachzuvollziehen.

Weitere Informationen zum Smartphone-Ticket gibt es für Berliner und Berlin-Interessierte unter bvg.de/handyticket.  (ase)


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