Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1107/84575.html    Veröffentlicht: 01.07.2011 12:32    Kurz-URL: https://glm.io/84575

Test Final Cut Pro X

64 Bit, aber kein finaler Schnitt

Der Preis ist heiß: Für 239 Euro verkauft Apple Final Cut Pro in der Version 10.0 über den App Store. Golem hat das Schnittprogramm im Test mit Version 7 verglichen und erklärt die großen Stärken und Schwächen.

Mit Final Cut Pro X (FCPX) hat Apple einen harten Schnitt vollzogen und lässt den Vorgänger Final Cut Pro 7 zurück. Statt des knapp 1000 Euro teuren Final Cut Studio kann seit dem 21. Juni 2011 nur noch die neue Version 10.0 über den App Store für 239 Euro erworben werden. Komplementär gibt es auch neue Versionen von Motion und Compressor.

Genau genommen kann die neue Version von Final Cut Pro als Version 1.0 bezeichnet werden. Das auf Basis von Apples Programmierschnittstelle Cocoa von Grund auf neu entwickelte 64-Bit-Programm hat mit dem auf Carbon-Basis entwickelten Final Cut Pro 7 und seiner 32-Bit-Struktur nur noch wenig gemein. Viele Funktionen des Vorgängers fehlen Final Cut Pro X. So findet sich in FCPX keine Unterstützung für Multicam, Export als EDL, XML oder auf Band sowie wichtige Hollywood-Codecs wie RED. Besonders der Wegfall von Multicam, also das komfortable Aufzeichnen, Übertragen und Editieren einer Szene aus mehreren Kamerawinkeln, ist tragisch, da Final Cut Pro in diesem Bereich bisher führend war. Die anderen Kürzungen schränken vor allem die Möglichkeiten zur Weitergabe von Projekten an externe Programme zur Weiterverarbeitung ein. Wer ein Projekt in Final Cut Pro 10 beginnt, ist isoliert.

Die Magnetic Timeline in der Praxis

FCPX ersetzt die klassische Timeline mit mehreren Spuren für Audio- und Videoinhalte durch ein neues Konzept mit dem Namen Magnetic Timeline. In der Praxis ist die Umgewöhnung auf die Magnetic Timeline das zeitaufwändigste Unterfangen für Cutter, die zuvor mit Adobe Premiere oder Final Cut Pro 7 gearbeitet haben. Löscht der Nutzer einen Clip aus der Magnetic Timeline, rutschen alle Inhalte, die dahinter liegen komplett mit allen verknüpften Inhalten nach vorne - genau wie in iMovie 11. Soll das nicht geschehen, kann mit der Tastenkombination "shift und backspace" ein sogenannter Gap Clip gesetzt werden. Das Freie Einsetzen von Clips ist auf Wunsch ebenfalls möglich, dann setzt FCPX automatisch Gap Clips.

Die einzige Timeline, die FCPX bietet, heißt primäre Storyline. Wer mehrere Clips in der Magnetic Timeline übereinander setzt, erzeugt in FCPX nicht länger gleichwertige Spuren, sondern ausnahmslos Verknüpfungen zur primären Storyline. Wer in der Vergangenheit oft mit Übergängen gearbeitet hat, wird bemerken, dass diese in FCPX ausschließlich in der primären Storyline funktionieren. Das Gleiche gilt für Filter und Effekte. Um dennoch den umfangreichen mitgelieferten Fundus an Effekten, Filtern und Übergängen auf verknüpften Clips nutzen zu können, müssen sie als Handlung deklariert werden. Dies geschieht durch einen Druck auf "cmd und G".

Das Schneiden von Szenen, die aus mehreren Kamerawinkeln aufgenommen wurden, oder der klassische Splitscreen ist in der Magnetic Timeline dadurch fummeliger als früher. Abhilfe schafft aber der neue "zusammengesetzte Clip" und die Funktion "in der Timeline öffnen". Auf diese Weise lässt sich beispielsweise ein Splitscreen in einer eigenen Timeline schneiden und nach dem Schnitt auf einen zusammengesetzten Clip vereinfachen, so dass er in der Projektansicht weniger Platz einnimmt.

Das Ende von Soundtrack Pro und Color

Apple hat die Entwicklung an den Final-Cut-Studio-Applikationen Soundtrack Pro, DVD Studio Pro und Color offiziell beendet. Bei Apple ist man der festen Überzeugung, alle wichtigen Funktionen, die diese drei Programme bieten, in FCPX beziehungsweise Compressor 4 untergebracht zu haben.

Für den Test nehmen wir den Schnitt unserer Sprachaufnahmen für Videos auf Golem.de in FCPX statt in Soundtrack Pro vor. Die bekannten Filter wie Compressor, Limiter, De-Hum oder De-Ess haben alle den Sprung zu FCPX geschafft. Somit fehlt uns bei der Bearbeitung kein "alter" Filter. Editiert wird die Tonspur in einer extra generierten, primären Storyline und der maximalen Zoomstufe für Audiobearbeitung. So großzügig wie in Soundtrack Pro werden die Waveforms in FCPX aber nicht angezeigt.

Pausen, Atmer und Störgeräusche sind mit der Bereichsauswahl (über die Taste R) leicht ort- und löschbar. Auch hier erstellt FCPX direkt viele neue Gap-Clips. Die Pausen können dadurch komfortabel per "Drag & Drop" verlängert oder verkürzt werden. Das "Einfügen von Stille" in Soundtrack Pro ist somit nicht länger nötig. Im späteren Videoschnitt ist es außerdem durch einen Doppelklick auf das Voice-Over möglich, den Schnitt erneut in der zugewiesenen Timeline nachträglich zu verfeinern.

Primäre und Sekundäre Farbbearbeitung

Die ausgefallenen Farbfilter in FCPX sind ein umfangreicher und nützlicher Mix aus ein paar iMovie-11- sowie alten FCP7-Filtern. Im Test fällt es uns oft leichter einen vordefinierten Filter an unsere Zwecke anzupassen, als die automatische Farbkorrektur oder das neue Color-Matching zu nutzen. Die Autokorrektur beschränkt sich meist auf den Kontrast und arbeitet ähnlich wie iPhoto oder Aperture im Automatikmodus mit den immer gleichen Werten. Beim Color-Match berechnet ein Algorithmus passende Werte zu einem anderen Clip, über den die Maus gehalten wird. Je nachdem, wie ähnlich sich die Clips bereits sind, klappt das mal gut, mal gar nicht.

Manuelle Anpassungen an die Filter gehen flott von der Hand und unterscheiden sich kaum von Final Cut Pro 7. Nach dem Öffnen des Inspektors ("cmd und 4") können die Werte mit dem Numpad eingegeben werden. Das sorgt für hohe Präzision. Das Kopieren und Einfügen von Effekten ist ebenfalls möglich, allerdings nicht länger für selektierte Werte. Das Gleiche gilt für das Trimmen, Beschneiden und Transformieren von Clips. Wenn kopiert und eingefügt wird, dann direkt alles.

Für die erweiterte Farbbearbeitung sind primäre und sekundäre Masken anwendbar. Das funktioniert genauso wie in Color 1.5. Detaillierte RGB-Farbcodes können nicht manuell eingetragen werden, um eine bestimmte Farbe zu wählen. Ein Pipettentool ist ebenfalls nicht auffindbar. Damit lässt FCPX insgesamt die Komplexität und Präzision von Color 1.5 vermissen, bietet aber die grundlegenden Funktionen, die die meisten Nutzer brauchen werden und mehr als Final Cut Pro 7.

Import mit Metadaten und Probleme mit Überblendungen

Der Import von Dateien und die Projektverwaltung geschieht in FCPX immer im Verbund mit Metadaten. Nutzer haben jederzeit vollen Zugriff auf die Ereignis-Mediathek, egal, an welchem Projekt sie arbeiten. Ereignisse werden immer dann erstellt, wenn neue Dateien importiert werden. Auf Wunsch analysiert FCPX die Filme direkt auf Personen, Art der Szene, Verwackelungen und Audioprobleme. Gleichzeitig versieht das Programm die Dateien auch mit intelligenten Keywords und legt Keyword-Collections an. Eine unserer Urlaubsszenen wird beispielsweise in drei Clips aufgeteilt und mit den Keywords "Stark verwackelt" oder "Steady Shot" clever vorsortiert.

Für sehr umfangreiche Projekte ist das neue Schlagwortsystem nützlich. Wer wie bisher mit einer simplen Ordnerstruktur arbeiten will, kann das ebenfalls tun. Zwar heißen die Ordner dann nicht mehr Ordner, sondern haben ein Keyword, das den Namen des Ordners trägt. Im Alltag fällt das jedoch nicht auf. Das Kopieren und Duplizieren von Projekten für die Weitergabe an andere Cutter ist ebenfalls vorhanden und funktioniert im Test einwandfrei.

Probleme mit Überblendungen

Es ist nicht mehr ganz so einfach, Überblendungen auf mehrere Clips zu ziehen. Clips in der primären Storyline übernehmen beispielsweise bei einer Überblendung standardmäßig ein Stück vom vorherigen Clip, sofern dieser genügend überlappendes Material bietet. Bei einem verknüpften Clip über der primären Storyline, der als Handlung deklariert wurde, würde die gleiche Überblendung zu Beginn dieses Clips angesetzt werden. Resultat sind zwei asynchrone Blenden.

Um diese Probleme zu umgehen, müssen Nutzer manuelle Keyframes setzen. Das geht komfortabler als früher durch den Klick auf ein kleines Dreieckssymbol in jedem Clip oder die Tastenkombination "alt und v". So blenden zumindest auch Handlungen synchron ein und aus. Die mitgelieferten Effekt-Überblendungen lassen sich dadurch aber noch immer nicht ohne aufwändige Anpassungen nutzen. Für sie muss jeder Clip einzeln in einer eigenen Timeline geöffnet werden, um die Überblendung anzuwenden.

Sollte der Nutzer zwischen zwei Splitscreenszenen einen Clip überblenden wollen, dann sind sechs Arbeitsschritte notwendig: Das Auswählen der Clips, der Verbund beider Clips in einen zusammengesetzten Clip, das Öffnen in der eigenen Timeline, die Anpassung der Überblendung und der Schritt zurück in die primäre Storyline. Das gleiche Ergebnis konnte in FCP7 mit einem Rahmen und "Drag & Drop" der Überblendung erledigt werden.

Analysieren und Rendern im Hintergrund

Den besten Workflow erreichen Nutzer in FCPX, wenn sie in Apple Pro Res arbeiten. Apples eigens entwickelter Codec eignet sich ideal, um Filter, Blenden und Titel in Echtzeit darzustellen. Die Performance des Schnittprogramms beeindruckt. Ohne große Verpixelungen, verwaschene Bilder oder Ruckler gibt Final Cut Pro X Filter über 1080p25-Pro-Res-Material in einer Echtzeitvorschau wieder. Der Nutzer muss keine Sekunde warten und nur die Maus über den Effekt halten. Das Gleiche gilt für DV- und HDV-Material, mit dem Final Cut schon immer gut umgehen konnte. Legt der Nutzer Filter über H.264-Dateien aus dem Internet, fallen die Echtzeitfilter dagegen leicht verwaschen und verpixelt in der Vorschau aus.

Bei H.264-Videodateien tat sich bereits Final Cut Pro 7 sehr schwer. Nicht umsonst kamen Batch-Encoding-Tools wie der Magic Bullet Grinder in den letzten Jahren in Mode. Mit ihnen lässt sich beispielsweise DSLR-Footage unter Nutzung möchlichst vieler CPU-Kerne in Pro Res umwandeln. Final Cut Pro X kann die H.264-Dateien jetzt nativ und ohne Ruckler lesen und schneiden. Sobald aber Filter, Blenden und Titel hinzukommen muss das Schnittprogramm rendern.

Aus diesem Grund bietet FCPX an, Dateien im Hintergrund in Pro Res zu optimieren, während Nutzer bereits schneiden dürfen. Sobald eine Datei optimiert ist, wird die Ursprungsdatei automatisch durch das besser geeignete Material ausgetauscht - alle Schnitte bleiben erhalten. In der Praxis bedeutet das aber meist Warten, bis das Transcodieren der Dateien in Pro Res fertig ist. Gerade mobile Schnittrechner wie Macbook Pros waren bereits durch das Transcodieren am Leistungslimit - an flüssiges Schneiden war da nicht mehr zu denken.

Der automatische Rendervorgang von Dateien in der Timeline aktiviert sich standardmäßig nach zwei bis fünf Sekunden, in denen sich nichts tut. Wird die Maus bewegt oder etwas Material gesichtet, schaltet das Rendering wieder auf Stopp. Der manuell gestartete Rendervorgang - jetzt "ctrl und r" - kann auf Wunsch ebenfalls genutzt werden.

Performance und Stabilität

Auf einem Macbook Pro (2010) mit Intels auf 2,66 GHz getakteten Core i7, 8 GByte Arbeitsspeicher und einer Nvidia Geforce GT 330M stürzt Final Cut Pro X acht Mal während des Tests ab. Alle Abstürze passieren entweder beim Anlegen von Überblendungen oder beim Öffnen von zusammengesetzten Clips. Etliche Bugs bei Überblendungen in zusammengesetzten Clips treten ebenfalls auf. So wird eine Bildebene zum Beispiel ohne Grund für zwei Sekunden schwarz oder zoomt zuckend ins Bild. Der nützliche Skimmer zum schnellen Durchforsten von Material fiel ebenfalls nach längerem Arbeiten in einem Projekt aus und war nur durch den Neustart des Programms wieder zur Mitarbeit zu überreden.

Beim Schnitt auf einem Mac Pro (2009) mit zwei Quadcore-Xeons mit 2,8 Ghz, 8 GByte Arbeitsspeicher und einer ATI Radeon HD 5770 stürzt FCPX zumindest nicht ab. Die Bugs treten dennoch auf. Insgesamt eignet sich der ältere Mac Pro besser für Final Cut Pro X als das Macbook Pro. Die acht Kerne der CPUs werden bis aufs Letzte ausgenutzt. Rendervorgänge sind durchgängig mindestens mehr als doppelt so schnell.

Ein Benchmark

Beim Transcodieren und Editieren von H.264-Material in 1080p25 einer Canon 5D Mark 2 zeigt sich die hohe Leistung von Final Cut Pro X. Zum Vergleich transcodieren wir den Test-Clip auf dem Mac Pro in Pro Res. Das gelingt im Workflow mit Final Cut Pro 7 am schnellsten mit dem Magic Bullet Grinder. Die 33-sekündige Szene ist in 1:07 Minuten encodiert. Danach öffnen wir in FCP7 ein neues Projekt, importieren die Datei und legen den Smoothcam-Filter auf die Szene, um Verwackelungen auszugleichen. Das Analysieren und Rendern der Szene nimmt 6:51 Minuten in Anspruch. Zwei der acht CPU-Kerne lastet dieser Vorgang zu 65 Prozent aus, die restlichen sechs liegen bei 20 Prozent. Zuletzt rendern wir die stabilisierte Szene in 1:24 Minuten in Pro Res wieder heraus. Das Projekt nimmt insgesamt 9:22 Minuten in Anspruch, das Wechseln und Öffnen der verschiedenen Programme nicht mitgerechnet.

Um das gleiche Ergebnis in Final Cut Pro X zu erzielen, benötigen wir 2:16 Minuten. Beim Import der ursprünglichen Datei fragt uns das Programm, ob wir die Datei optimieren wollen - also in Pro Res transcodieren möchten. Außerdem setzen wir ein Häkchen beim Punkt "Analysieren auf Stabilisierung und Rolling Shutter". Das Transcodieren der Datei schafft FCPX in 33 Sekunden, die folgende Analyse in 1:04 Minuten. Danach ziehen wir den Clip in die primäre Storyline und setzen Haken für "Stabilisierung und Rolling Shutter". Final Cut rendert die Szene in weiteren 30 Sekunden. Der Export der fertigen Datei auf den Schreibtisch nimmt danach nur 8 Sekunden in Anspruch.

Während des gesamten Workflows waren die acht Prozessorkerne permanent unter voller Last. Insgesamt ist Final Cut Pro X hier 313 Prozent schneller als der Vorgänger auf gleicher Hardware. Selbst das Macbook Pro war mit 4:52 mit FCPX beinahe noch doppelt so schnell wie der Mac Pro mit FCP7.

Das Fazit

Es beeindruckt, wenn Final Cut Pro X bestimmte Aufgaben zehnmal schneller erledigt als sein Vorgänger. Kein anderes Schnittprogramm kann - die entsprechende Hardware vorausgesetzt - so rasant transcodieren, Echtzeiteffekte anwenden oder Footage anzeigen.

Die Umgewöhnung auf die Magnetic Timeline ist sehr zeitintensiv. Manches geht viel schneller, anderes wiederum ist deutlich mühseliger geworden. Bei der komplexen Arbeit mit Überblendungen ist FCPX zeitweise eine Zumutung. Mehr Übersicht bieten die vielen verbundenen oder zusammengesetzten Clips nicht. Das Prinzip vom Clip im Clip im Clip erinnert entfernt an den Hollywoodfilm Inception, wo die Protagonisten von Traum zu Traum zu Traum immer tiefer fallen, bis sie im Limbus landen und nicht mehr wissen, wo sie sind.

Einfache Projekte lassen sich aber ohne Frust schon jetzt sehr gut mit Final Cut Pro X verwirklichen. Gerade für Anwender, die bisher nur iMovie genutzt haben, bietet Apples neues Schnittprogramm einen leichten Einstieg und vielfältige Effekte, Filter und Möglichkeiten, die eigenen Filme zu verschönern - zu einem günstigen Preis.

Für Final-Cut-Pro-7-Veteranen lohnt sich Final Cut Pro X derzeit nur komplementär zur alten Software. Erstens ist FCPX noch nicht stabil genug und Bugs verhindern verlässliche Ergebnisse. Zweitens fehlen noch zu viele Funktionen wie Multicam, XML- und Band-Export oder die Unterstützung von Capturekarten. Reizvoll ist Apples neues Schnittprogramm vor allem wegen der hohen Leistung, die es aus moderner Hardware ziehen kann. Ein Ersatz für das Final Cut Studio 3 ist es in der derzeitigen Form aber noch nicht.  (mw)


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