Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1106/83826.html    Veröffentlicht: 01.06.2011 12:26    Kurz-URL: https://glm.io/83826

HTC Flyer im Test

Gelungenes Android-Tablet mit eigener Handschrift

HTCs Flyer unterscheidet sich deutlich von aktuellen sowie älteren Tablets mit Android als Betriebssystem. Das aktuelle Android 3.0 hat er noch nicht, dafür gibt es aber einen Stift und ein umfangreich angepasstes Android 2.3 inklusive HTC Sense als Oberfläche - und die gefiel uns im Test sehr gut.

Derzeit kommen viele Tablets mit Android auf den Markt, die sich in zwei Kategorien aufteilen lassen: preisgünstige Tablets mit Android 2.x und allerlei fehlenden Funktionen und Android-3-Tablets, die sich kaum voneinander unterscheiden, da Google bisher keine größeren Anpassungen erlaubt. HTC geht mit dem Flyer einen anderen Weg und hat viel Zeit investiert. Dafür wird Android 3 nachgeliefert. Das 7-Zoll-Tablet Flyer setzt auf Android 2.3.3 und den aufwendigen HTC-Aufsatz mit dem Namen Sense. Obendrein hat der Flyer einen Digitizer mit Stift zum Schreiben und Zeichnen. Bisher hat sich HTC vor allem als Hersteller von Smartphones hervorgetan, Tablets sind hingegen ein neues Feld für HTC. Eines vorweg: Die Befürchtung, dass HTC einfach nur ein Smartphone in Groß produziert hat, bestätigte sich im Test nicht. Stiftbedienung per Digitizer

Eine Besonderheit des HTC Flyer ist die Möglichkeit, das Tablet mit einem Stift zu benutzen. Allerdings gibt es einige Einschränkungen: Android arbeitet nicht mit dem Stift, und nur wenige Schaltflächen lassen sich damit bedienen, darunter die Auswahl der Zeichenwerkzeuge. Wer auf dem Tablet schreibt, macht einen Screenshot. Beim Surfen werden etwa Textinhalte eingekringelt und dann als Bild im Notizprogramm abgespeichert. Durchaus praktisch.



Ideal für Notizen unterwegs

Eine virtuelle Tastatur ist prinzipiell gut, aber mit dem Stift einfach loszuschreiben, ist selbst im digitalen Zeitalter noch schneller. Es funktioniert blind, während eine virtuelle Tastatur immer wieder zur Orientierung angeschaut werden muss. Für eine Hardwaretastatur fehlt Tablets in der Regel der Platz. Notizen oder mit Notizen vollgekritzelte Screenshots werden in einer Notizanwendung von HTC gespeichert. Diese kann ihre Daten mit Evernote über das Internet synchronisieren, so dass die Notizen auch am heimischen PC zur Verfügung stehen. Neben den Android-Tasten befindet sich rechts unterhalb des Bildschirms eine weitere Taste. Wird diese mit dem Stift berührt, werden die Notizwerkzeuge auf dem Bildschirm eingeblendet.

Wer schon einmal mit einem Tablet-PC gearbeitet hat, der wird diese Funktionen durchaus zu schätzen wissen und sich freuen, beispielsweise einen Vortrag im Stehen mitschreiben zu können. Angenehm ist dabei auch, dass der Flyer mit 420 Gramm auch deutlich leichter ist als ein Tablet-PC, der meist rund ein Kilogramm wiegt. Convertibles sind häufig sogar fast 2 Kilogramm schwer.

Samsungs Galaxy Tab mit 7-Zoll-Display ist mit 380 Gramm nur wenig leichter als der Flyer. Erstaunlich: Bei Golem.de hatten fast alle das subjektive Gefühl, der Flyer sei deutlich schwerer als das Samsung-Tablet.

Stifttechnik von N-Trig?

Technisch unterscheidet sich der Stift von vielen anderen Stiftsystemen bei Tablets und Tablet-PCs: Da der Flyer einen kapazitiven Touchscreen hat, gibt es einen Digitizer, und der ist recht fortschrittlich. HTC erklärte auf Nachfrage, der Stift sei eine eigene Entwicklung. Wir bezweifeln das allerdings. Vermutlich handelt es sich um N-Trig-Hardware. Dafür sprechen einige Fakten. N-Trig hat einen Android-Stift bereits angekündigt. Außerdem ähnelt der Stift erstaunlich einem Stift des Fujitsu Convertible T580, das sich eine Zeit lang in unserer Redaktion befand.

Dementsprechend befindet sich in dem Stift auch eine kleine Batterie. Das Display kann wie andere Digitizer von N-Trig oder Wacom keine Stifte mit Energie versorgen. Die Batterie ist eine wenig verbreitete AAAA-Zelle, die auch als LR8/LR61 oder Minizelle bekannt ist.

Der Stift bietet mehrere Knöpfe, so lassen sich Notizen auch wieder löschen. Wer stark drückt, zeichnet dickere Linien. Feine Linien gibt es bei schwachem Druck. Einen Schwebezustand über dem Display unterstützt der Flyer nicht. Das unterscheidet ihn von Stiften bei Tablet-PCs für Windows. Der Schwebezustand ist dort essenziell.

Eine Halterung für den Stift fehlt leider. Trotz der kleinen AAAA-Zelle ist der Stift offensichtlich zu dick, um ihn in ein kleines 7-Zoll-Tablet zu stecken. Eine Tasche liegt auch nicht bei. Die Gefahr, den Stift zu verlieren, ist damit sehr groß. Ein teures Vergnügen: Ein Ersatzstift kostet 50 Euro.



Erst einmal HTC Sense statt Android 3

HTC liefert den Flyer erst einmal nur mit Android 2.3.3 aus. Dafür wurde das Tablet aber aufwendig angepasst. HTC Sense ist in der Version 2.1 installiert und macht aus dem Mobiltelefonbetriebssystem ein gelungenes Tablet-System. Eine reine Anpassung reicht aber nicht, das weiß auch HTC, und dementsprechend sind nützliche Anwendungen vorinstalliert. Dazu gehört zum Beispiel auch ein Task Manager.

Die Anpassungen von HTC sind recht umfangreich. Bei der Anwendungsverwaltung gibt es einen Punkt für heruntergeladene oder besonders häufig genutzte Anwendungen. Das sorgt für Übersicht. Wer will, kann sich auch alle Anwendungen anzeigen lassen. Wer viele Anwendungen installiert hat, muss hier allerdings viel scrollen. Leider muss per Schaltfläche zwischen den drei Ansichten hin- und hergeschaltet werden. Ein Wischen zum Wechsel zwischen den Ansichten wird nicht unterstützt.

An einigen Details fällt auf, dass kein Android 3 zum Einsatz kommt und das Betriebssystem eigentlich für Smartphones entwickelt wurde. Die Tastatur bietet etwa kein Multitouch. Zwischen Tasks lässt sich zwar per lange gedrückter Home-Taste umschalten, aber die dedizierte Multitask-Taste von Android 3 ist komfortabler. Außerdem sind die Widgets zum Teil sehr groß. Auf einem Smartphone wäre das in Ordnung, beim Flyer wirkt das wie Platzverschwendung. Leider kann der Anwender nur durch Ausprobieren erfahren, welche Widgets wie groß sind. Außerdem ist es nicht möglich, die Widgets von HTC in der Größe zu verändern.

Angepasst wurden auch die Android-Tasten. Zum einen fehlt eine Suchen-Taste - genau wie bei Dells Streak. Zum anderen gibt es gleich zwei Sätze Android-Tasten. Je nach Lage des Tablets werden entweder die Tasten auf der Längsseite beleuchtet und aktiv geschaltet oder die Tasten auf der Querseite.

Zu der Oberflächenanpassung gehört auch das Umschwenken der Sensortasten. Das Tablet hat Sensortasten an zwei Seiten, die je nach Lage des Tablets aktiv sind. In den beiden Haltepositionen sind die Sensortasten also jeweils unten. Kopfüber kann der Anwender das Tablet nicht halten, weder im Querformat noch hochkant.

HTC verspricht Update auf Android 3

Android 3 soll auf jeden Fall für den Flyer kommen, wie HTC verspricht, und darauf sind wir gespannt: HTC Sense in Kombination mit den Vorteilen von Android 3 würde uns gefallen. Wie HTCs Android-3-Adaption für den Flyer aussehen wird, ist aber noch nicht bekannt, ebenso wenig das Datum für die Veröffentlichung des Updates.



Hardwareausstattung und Leistung

Bei der Ausstattung der Hardware hat das Gerät einige Mängel. In der Preisklasse von 700 Euro sollte schon ein Dual-Band-WLAN-Chip im Gerät stecken. Der HTC Flyer beherrscht leider nur 802.11b/g/n (2,4 GHz). Bei den WWAN-Bändern ist es flexibler. Es hat für das mobile Internet eine Quad-Band-GSM-Einheit und im HSPA-Betrieb wird neben 900 und 2.100 MHz auch das sogenannte AWS-Band (1.700 MHz) unterstützt. Praktisch für Anwender, die in den USA das T-Mobile-Netz benutzen wollen. Es gibt auch eine Variante ohne Mobilfunkeinheit.

Im Inneren befinden sich 32 GByte Speicher. Rund 20 GByte sind als Datenspeicher partitioniert, der Rest gilt als interner Speicher. Auf einer Micro-SDHC-Karte können weitere Daten abgelegt werden. Sie wird, wie die SIM-Karte, hinter der Kameraabdeckung versteckt.

Das Display bietet eine Auflösung von 1.024 x 600 Pixeln, ist recht hell und blickwinkelstabil. Bei Android-2.x-Tablets sind gute Displays eher die Ausnahme. Der Prozessor hat zudem nur einen Kern, der dafür aber mit recht hohen 1,5 GHz getaktet ist. Wir haben kurz Asus' Eee Pad Transformer, den wir vor kurzem getestet hatten, mit dem HTC Flyer verglichen. Dafür haben wir Sunspider im Firefox-Browser vermessen. Der Flyer schafft den Test in etwa 1.900 ms, das Eee Pad in 1.700 ms. Merklich langsamer ist der Flyer also nicht bei typischen Single-Core-Aufgaben.

Austin Meyers X-Plane für Android zeigte ebenfalls kaum Unterschiede. Die Bildrate war geringfügig niedriger auf dem Flyer. Allerdings muss der Flyer auch kein Display mit 1.280 x 800 Pixeln ansteuern, hat also weniger Arbeit als der Transformer.

Insgesamt erscheint uns bei typischen Aufgaben der Single-Core-Prozessor kein Nachteil zu sein.



Akkulaufzeit und Stromsparmodi

HTCs Lichtsensor zur Erkennung vom Umgebungslicht wird besser ausgenutzt als bei vielen anderen Tablets. Der Automatikmodus war zwar etwas zu dunkel und eine Semiautomatik gibt es nicht, allerdings ist die Einstellung deutlich besser als bei vielen anderen Tablets. Natürlich hat das Einfluss auf die Akkulaufzeit, da HTC das Display nicht übertrieben abdunkelt.

Ein erweiterter Standbymodus des Tablets ist vor allem nachts praktisch. In einem definierten Zeitrahmen kann das Tablet auf Wunsch Komponenten wie WLAN- und Mobilfunkeinheit während der Nachtruhe abschalten, wenn es im Akkubetrieb läuft. Eine sehr sinnvolle Funktion.

Notstrommodus

Praktisch ist auch der einstellbare Notstrommodus. Ab einer gewissen Grenze setzt HTC nach Möglichkeit Funktionen außer Betrieb, um das Tablet über den Tag zu retten. Die niedrigste Grenze liegt bei 10 Prozent verbleibender Akkulaufzeit. Dann wird etwa das Display abgedunkelt und nicht benötigte Teile des Systems werden abgeschaltet.

Trotz allem erscheint uns die Laufzeit für das kleine Gerät zu kurz. Während des Testens war schon mit wenig Last der fest verbaute Akku recht schnell leer. Wir haben tagsüber in unserem recht hellen Büro die Helligkeit auf Maximum gestellt. WLAN und WWAN waren aktiv. Nach 5:25 Stunden war der Akku geleert, obwohl wir nicht einmal 10 Minuten das Tablet wirklich gefordert hatten.

Wir mussten also schnell einen USB-Stecker suchen, um nachzuladen. An einem solchen Anschluss lädt das Tablet sehr langsam auf, deshalb ist es besser, das Netzteil zu verwenden. Der Flyer benutzt übrigens geräteseitig einen USB-Stecker, der zwar proprietär aussieht, es aber nicht ist. Es ist ein Kombislot, welcher sowohl HTCs Steckerformat verträgt als auch einen normalen Micro-USB-Stecker aufnimmt. Praktisch: Eine Ladeleuchte am Ein- und Ausschalter zeigt an, ob das Tablet noch lädt.



Fazit und Verfügbarkeit des HTC Flyer

Die 3G-Variante des HTC Flyer ist bereits verfügbar und kostet rund 700 Euro mit 32 GByte internem Speicher. Wer auf Mobilfunk verzichten kann, der bekommt für 500 Euro eine WLAN-Variante. Diese hat dann allerdings nur 16 GByte Speicher. Die WLAN-Einheit ist noch nicht verfügbar. Laut HTC hat auch die WLAN-Variante Zugriff auf den Android Market.

Fazit

Dass HTCs Flyer Android 2.3 hat und nicht 3.0, ist für uns kein Kritikpunkt. Offenbar hat HTC Zeit gebraucht, um ein gut durchdachtes Tablet herzustellen, und es hat sich gelohnt: Nur Samsung hat es geschafft, ein ähnlich gutes Android-2.x-Tablet auf den Markt zu bringen. Auch der hochgetaktete Single-Core-Prozessor ist zunächst kein großes Problem. Erst wenn Anwendungen Dual-Core-Prozessoren brauchen, tut sich der Flyer schwer.

HTC Sense ist zwar vor allem Kosmetik, erleichtert aber trotzdem sehr deutlich die Bedienung. Es macht einfach Spaß, mit dem Tablet zu arbeiten. Wirklich gut gefällt uns die Stiftfunktion. Konkurrenz ist hier rar und findet sich eher in anderen Betriebssystemen. Wünschenswert wäre allerdings, dass der Stift stärker in Android integriert wird und der Akku etwas länger hält.

Da HTC zu den Herstellern gehört, die ihre Geräte auch nach dem Verkauf noch pflegen, gehen wir fest davon aus, dass HTC sein Versprechen hält, Android 3.0 alias Honeycomb als Update anzubieten. Wer ein kleines 7-Zoll-Tablet sucht, das zukunftsfähig ist, liegt beim Flyer also richtig. Mit den noch nicht gestarteten Diensten HTC Watch und dem Spielestreamingdienst Onlive wird das Gerät sogar noch interessanter werden.  (ase)


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