Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1105/83700.html    Veröffentlicht: 25.05.2011 11:35    Kurz-URL: https://glm.io/83700

Handy-Universalladegerät

UN-Organisation ITU bekämpft europäischen Standard

Das UN-Standardisierungsgremium ITU lehnt das im Februar 2011 von der EU vorgestellte universelle Ladegerät für Mobiltelefone ab. Es sei "nachträglich und ohne Abstimmung mit der ITU entwickelt" worden. Die ITU bewirbt ihr eigenes Standardnetzteil - das sich von dem der EU kaum unterscheidet.

Die Internationale Fernmeldeunion (ITU) hat den Standard der EU für ein Handy-Universalladegerät kritisiert. Die UN-Organisation bewirbt dagegen ihr eigenes universelles Micro-USB-Ladegerät für mobile Endgeräte.

ITU-Sprecher Toby Johnson sagte Golem.de auf Anfrage: "Der ITU-Standard passt für alle Mobiltelefone, während der EU-Standard nur datenfähige Handys unterstützt, was nur 25 Prozent des Marktes ausmacht, der ITU-Standard ist global und nicht rein europäisch. Dies, kombiniert mit einem standardisierten Endstecker und einem abnehmbaren Kabel, erlaubt Konnektivität zu einem weitaus breiteren Spektrum von Handheldgeräten als der EU-Standard. Der ITU-Standard minimiert gegenüber dem der EU zudem den Energieverbrauch und den elektronischen Müll."

Johnson weiter: "Die ITU ermutigt alle Branchenunternehmen, diesen Standard zu unterstützen, und wendet sich gegen parallele Entwicklungen. Die EU-Norm wurde nachträglich und ohne Abstimmung mit der ITU entwickelt. Firmen wie Telecom Italia, France Télécom-Orange, China Academy of Telecommunication Research (CATR), Research In Motion, Swisscom, Belgacom, AT&T, Telefónica, TDC, Huawei, Telia Sonera und A1 Telekom Austria haben sich bereits auf den Standard verpflichtet."

Dem Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, Antonio Tajani, war am 8. Februar 2011 von Bridget Cosgrave, der Chefin des europäischen Digitaltechnik-Industrie-Verbands Digitaleurope, ein kompatibles Ladegerät überreicht worden. Das universelle Micro-USB-Ladegerät für Mobiltelefone, die am Computer angeschlossen werden können, war im Juni 2009 vom deutschen IT-Branchenverband Bitkom ankündigt worden.

Die ITU hatte ihr Universal Charging Solution schon im Oktober 2009 für alle Mobiltelefone weltweit zugelassen. Am 11. Mai 2011 wurde der Standard für weitere Endgeräte aktualisiert.



Welcher Standard ist besser?

Große Unterschiede zwischen den beiden konkurrierenden Lösungen gibt es nicht. Der Verweis auf das abnehmbare Kabel von Johnson ist kein Argument gegen das von der EU favorisierte Netzteil mehr. Dieses sah in der ersten Version zwar ein fest angebrachtes Kabel mit einem Stecker nach Micro-USB vor. In einem Anhang zur Spezifikation der EU (PDF), der bereits im Januar 2010 veröffentlicht wurde, schlägt das zuständige EU-Gremium die gleiche Lösung wie die ITU vor.

Wenn ein Netzteil mit einem abnehmbaren Kabel versehen ist, muss sich an diesem Gerät eine Buchse für einen USB-Port vom Typ A befinden. In diese passen auch die üblicherweise mit Mobiltelefonen gelieferten sogenannten Datenkabel, die an der einen Seite einen Stecker für den auch in PCs passenden USB Typ A, an der anderen einen Micro-USB-Stecker besitzen.

Auch in der Leistungsfähigkeit der Ladegeräte unterscheiden sich die Versionen der ITU und der EU kaum. Beide sehen maximal 1.500 Milliampere als Ladestrom vor, die ITU aber minimal 750 Milliampere, die EU 500 Milliampere. Dieser Wert ist auch das, was ursprünglich für Ports nach USB 2.0 spezifiziert ist.

Das halbe Ampere reicht jedoch für viele Geräte nicht mehr aus, das bekannteste Beispiel dürfte das iPad sein, das sich nicht an jedem USB-Port laden lässt. Ein höherer Ladestrom sorgt auch für schnellere Ladevorgänge bei solchen Geräten, die schon mit 500 Milliampere auskommen würden, aber einen höheren Ladestrom unterstützen.

Unterschiede der konkurrierenden Standards lassen sich höchstens bei der Effizienz ausmachen, die ITU schreibt hier 0,03 Watt vor, wenn sich das Ladegerät in einer Steckdose befindet, aber nicht genutzt wird. Eine entsprechende Angabe der EU ist noch nicht bekannt.

Da sich beide Standards im Wesentlichen auf die "Battery Charging Specification" des USB-Gremiums berufen, kann es auch keine großen Unterschiede geben. Die ITU verweist jedoch auch darauf, dass ihr Vorschlag nicht nur für Smartphones, sondern auch für eine Vielzahl anderer mobiler Geräte wie Medienplayer und Navigationssysteme dienen soll. Auch das ist jedoch schon seit Jahren Alltag: Die meisten dieser Geräte setzen ebenfalls bereits auf die Standards, die durch USB schon definiert sind.

Wann liefern die Hersteller?

Laut Aussagen aus dem Bitkom wurde das universelle Ladegerät im Frühjahr 2011 erwartet. Golem.de hat Smartphone-Hersteller in Deutschland gefragt, wann das universelle Ladegerät auf den Markt kommt. RIM und HTC haben nicht geantwortet.

Ein Samsung-Sprecher erklärte: "Samsung Mobile setzt bereits seit Mitte letzten Jahres bei allen Geräten auf ein Ladegerät mit einem universellen Anschluss (Mini-USB). Alle Geräte aus dem Hause Samsung sind so mit denselben Ladegeräten aufzuladen."

Nokia will noch 2011 mit neuen Geräten mitziehen. "Wir liefern bereits viele Smartphones mit einem Micro-USB-Ladegerät aus. Mit der Einführung des Universalladegerätes wird stufenweise ab dem Jahr 2011 mit neu auf den Markt kommenden Geräten begonnen", sagte eine Sprecherin Golem.de. Wichtigstes Ziel des Weltmarktführers sei es, den Ladevorgang für den Verbraucher komfortabler zu gestalten.

"Viele Nokia-Geräte können bereits jetzt - neben dem bisherigen Nokia-Standard-Ladegerät - über einen Micro-USB-Anschluss aufgeladen werden. Für Geräte, die nur über einen 2-mm-Stecker verfügen, werden auch weiterhin entsprechende Ladegeräte zur Verfügung stehen."

Derzeit würden über 700 Millionen Ladegeräte mit 2-mm-Stecker verwendet, sagte die Nokia-Sprecherin. Damit diese Geräte mit der Einführung des neuen gemeinsamen Standards nicht nutzlos werden, "werden viele unserer Telefone neben dem neuen Universalladegerät auch für Ladegeräte mit unserem 2-mm-Stecker kompatibel sein."
[von Nico Ernst und Achim Sawall]  (asa)


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