Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1105/83577.html    Veröffentlicht: 18.05.2011 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/83577

Spieletest L.A. Noire

Rockstars Leben und Sterben in L.A.

Brutale Morde und korrupte Polizisten auf der einen, cooler Jazz und elegante Damen auf der anderen Seite: Das Los Angeles der Nachkriegszeit ist ein schillernder und düsterer Schauplatz für einen Mix aus Thriller, Adventure und Actionspiel.

Detective Cole Phelps glaubt an das Gute - was auch der Grund dafür ist, dass er nach dem Krieg zur Polizei geht: Kriminelle gehören hinter Gitter, Mörder bestraft, unschuldige Menschen geschützt, davon ist er überzeugt. Als er in L.A. Noire, dem jüngsten Werk von Rockstar Games und dem australischen Entwicklerstudio Team Bondi, bei den Cops anheuert und die ersten Einsätze erfolgreich absolviert hat, merkt er allerdings schnell, dass die Welt nicht so einfach in Schwarz und Weiß aufgeteilt ist, wie er sich das vorgestellt hat. Und dass der Kampf für das Gute manchmal auch seine Schattenseiten hat.

Der Spieler steuert Phelps durch Missionen, im Spielverlauf folgt Beförderung auf Beförderung, Einsätze als Streifenpolizist gibt es ebenso wie Aufträge als Detective, bei der Verkehrsbehörde oder der Sitte. Der Ablauf der Aufträge ähnelt sich trotzdem: Meist gibt es eine kurze Zwischensequenz des eigentlichen Verbrechens, eine Einsatzbesprechung und darauf folgend das Absuchen des Tatortes und das Befragen von Zeugen und Verdächtigen. Phelps kann Leichen unter die Lupe nehmen, Waffen zurückverfolgen und im Laden nach dem registrierten Besitzer fragen. Er kann Verwandte besuchen oder vermeintliche Komplizen hochnehmen.

Neben viel Spürarbeit - das Absuchen von Schauplätzen wird durch lauter werdende Musik in der Nähe von relevanten Objekten vereinfacht - ist auch Intuition gefragt. Bei der Vernehmung potenzieller Verdächtiger gilt es, die Mimik des Gegenübers zu erforschen und herauszufinden, ob er die Wahrheit sagt oder lügt. Wenn Letzteres der Fall ist, darf der Spieler die Aussage per Tastendruck anzweifeln und den Beschuldigten der Falschaussage bezichtigen. Um dabei erfolgreich zu sein, sollte Phelps dafür aber in seinem Notizbuch einen Beweis notiert haben - sonst ist das Gespräch schnell beendet.

Kicks und Kugeln in Kalifornien

Actionpassagen gibt es auch, für einen Titel von Rockstar Games sind sie allerdings ungewohnt selten. Sowohl zu Fuß als auch in einem der zahlreichen schicken Oldtimer gilt es etwa, einen Verdächtigen zu verfolgen und zu stellen. Schießereien, beispielsweise bei einem Banküberfall, sollte Phelps ebenso überleben wie das eine oder andere Nahkampfduell. In beiden Fällen ist die Bedienung denkbar einfach und die Auseinandersetzung schnell erledigt - ein paar Tritte, ein paar Blocks oder wenige gut platzierte Kugeln reichen aus, schon sinkt der Adrenalinpegel auf normales Niveau.

Auch beim Openworld-Szenario unterscheidet sich L.A. Noire von den meisten anderen Spielen aus dem Hause Rockstar Games. Zwar ist das weitgehend authentisch nachgebildete Los Angeles durchaus frei befahrbar, allerdings gibt es zwischen den Haupt- und Nebenmissionen nicht so viel zu tun wie in GTA. Weder Restaurant- oder Shop-Besuche noch echte Interaktion mit den Bewohnern ist möglich. Das Spiel scheucht Phelps linear von Auftrag zu Auftrag, ohne den Aktionsradius so radikal einzuschränken wie es etwa bei Heavy Rain der Fall ist.

Prunkstück des Spiels ist dafür die Story - und die Art und Weise, wie sie in Szene gesetzt wird. Zu Beginn wirken die einzelnen Fälle noch etwas losgelöst voneinander, es stellt sich fast eine gewisse Ermüdung beim Untersuchen der zahlreichen Leichen ein. Mit zunehmender Spieldauer erschließen sich aber immer mehr Verbindungen, die Rückblenden ergeben mehr Sinn, die Geschichte wird immer spannender.

Einen großen Anteil daran hat die Mimik und Gestik der Akteure: Die Entwickler nutzen eine Technik namens Motion Scan, um nahezu jede Nuance vom Mienenspiel eines realen Schauspielers auf die virtuellen Personen zu übertragen. Dabei wurde auf bekannte Akteure zurückgegriffen - Cole Phelps etwa dürfte TV-Serien-Experten bekannt sein, da der aus Mad Men bekannte Aaron Staton diese Rolle übernommen hat.

Ausschließlich englische Sprachausgabe

Gelungen sind auch die englische Sprachausgabe - hierzulande gibt es nur Untertitel - sowie der hervorragende Soundtrack. Von den Jazznummern bis zur immer wieder in passenden Situationen dramatisch anschwellenden Hintergrundmusik ist die Vertonung rundum erstklassig. Für die Grafik gilt das nur eingeschränkt: Trotz realistischer Gesichtszüge ist L.A. Noire in Sachen Optik kein Meisterwerk. Straßenzüge wirken oft bieder, die Fernsicht matschig, die Gebäude, Hinterhöfe oder Innenräume teils detailarm.

L.A. Noire ist ab dem 20. Mai 2011 für Xbox 360 und Playstation 3 erhältlich. Das Spiel kostet etwa 60 Euro und hat eine USK-Freigabe ab 16 Jahren erhalten. Die Spieldauer beträgt zwischen 15 und 20 Stunden - je nachdem, wie geschickt die Befragungen ausgeführt und die versteckten Extras eingesammelt werden. Das Wiederspielen einzelner erfolgreich gelöster Missionen ist ebenfalls möglich.

Fazit

L.A. Noire definiert kein neues Genre, ist aber deutlich mehr als ein interaktiver Film: Rockstar Games gibt dem Spieler viel mehr Aktionsmöglichkeiten an die Hand, als es etwa die Entwickler von Heavy Rain getan haben. Trotzdem ist das Gameplay die kleine Schwachstelle von L.A. Noire. Die Actioneinlagen sind selten und zu einfach, die Adventureelemente für Rätselexperten ebenfalls kaum der Rede wert. Wenn das Spiel trotzdem zu fesseln und zu begeistern weiß, liegt das an der gelungenen Animationstechnik, vor allem aber an der tollen Story und Atmosphäre. Da darf und sollten interessierte Heimermittler über die teils seichte Spielmechanik gnädig hinwegsehen.  (tw)


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