Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1105/83460.html    Veröffentlicht: 13.05.2011 11:53    Kurz-URL: https://glm.io/83460

Münchner Freiheit

Bayern schlagen Berliner mit Linux-Migration

Linuxtag 2011 Das Auswärtige Amt ist an der Migration zu Linux gescheitert, München zeigt nun, dass es doch geht: Mehr als 6.100 Rechner der Stadtverwaltung sind bereits umgestellt. Zum Bergfest vermeldet Projektleiter Andreas Heinrich nur Erfolge - und verrät das Erfolgsgeheimnis.

Die Migration der Rechner in der Münchner Stadtverwaltung zu freier Software feiert Bergfest, wie es in Bayern heißt. Ende April 2011 ist auf rund 6.100 Rechnern der Client installiert, etwas mehr als die Hälfte der geplanten PCs. Limux - Die IT-Evolution heißt das Projekt, mit dem München erfolgreich das umsetzt, woran das Auswärtige Amt (AA) in Berlin gescheitert ist. Das Rezept dafür: die Nutzer bei der Umstellung begleiten, erklärt Projektleiter Andreas Heinrich auf dem Linuxtag 2011 in Berlin.

Sprechen Heinrich oder Release Manager Robert Jähne von den Mitarbeitern der Stadtverwaltung, deren Rechner sie umstellen, sprechen sie nicht von Angestellten oder Beamten, sondern von "Kunden". Eine Migration auf freie Software könne nicht funktionieren, wenn die Kunden im Stich gelassen würden, sagen sie. Sie müssten über jeden Schritt aufgeklärt werden. Dementsprechend konzentriert sich ein Teil der externen Mitarbeiter von IBM nur auf die Kommunikation.

Der Chef muss es vormachen

Vor einer Umstellung erhalten die Betroffenen eine ausgiebige Schulung über die neuen Funktionsweisen. Erst dann wird die Installation durchgeführt. An den darauffolgenden ein bis zwei Tagen steht jedem eine Betreuung am Arbeitsplatz zur Verfügung. Im weiteren Verlauf kümmert sich ein Supportteam um Fragen und Probleme der Nutzer. Von der Chefetage wird erwartet, dass sie mit gutem Beispiel vorangeht. Denn dies habe großen Einfluss auf die Lernwilligkeit des "kleinen Beamten", sagt Heinrich. Und die ist wichtig: Ziel ist es, mindestens 12.000 Rechner bis Ende 2013 komplett auf Linux umzustellen. Die Arbeitsplätze sind auf 51 Standorte mit 21 eigenständigen IT-Bereichen verteilt. Daher ist die Umsetzung nicht einfach. Seit Ende 2006 sind die ersten Limux-Clients im Einsatz. Diese sollten zuerst die Akzeptanz in der gesamten Belegschaft für das Limux-Projekt erhöhen.

Kugelschreiber und Sticker zur Eingewöhnung

Parallel zu der Umstellung auf Linux-Systeme ist die Stadt München zu Openoffice.org auf allen Arbeitsplätzen migriert. Diese Phase wurde vor einem Jahr abgeschlossen - mit großem Erfolg. Um die Einarbeitungsphase zu verkürzen und die Umgewöhnung zu erleichtern, bekamen die Angestellten Installations-CDs für die private Nutzung; sogar Kugelschreiber oder Sticker mit dem Openoffice.org-Logo wurden verteilt, um die Identifikation der Nutzer mit der Software zu steigern.

Das Betriebssystem und die Infrastruktur

Die Migration der Rechner in der Stadtverwaltung zu freier Software hat der Münchner Stadtrat im Jahr 2003 beschlossen. Von Anfang an war klar, dass nicht alle PCs auf Linux umgestellt werden können. Ausgenommen werden beispielsweise Arbeitsplätze, die proprietäre Software zwingend benötigen wie die Kommunikation mit der Bundesdruckerei, deren Software nur auf Windows läuft.

Der sogenannte Limux-Client basierte anfangs auf Debian Sarge. Heute ist die Grundlage Ubuntu, wobei sich das Entwicklerteam an den jeweiligen Long-Term-Support-Releases orientiert. 90 Prozent der genutzten Pakete stammen direkt aus den Repositories von Ubuntu. Die restlichen zehn Prozent sind selbst gebaute Pakete. Denn die für die Verwaltung eingesetzte Software weist oft komplexe Abhängigkeiten auf.

Die Administration der genutzten Clients erfolgt mittels GOsa und FAI. Damit lassen sich auch Berechtigungen bis ins kleinste Detail regeln, zum Beispiel für die Verwendung von USB-Sticks. Die IT-Abteilungen pflegen eigene Server mit einem Repository, über die die Software und Updates verteilt werden. Darin sind etwa 2.500 bis 3.000 Pakete enthalten, je nachdem, welche Programme die einzelnen Referate der Stadt für spezielle Anforderungen einsetzen.

Darüber hinaus wird die eingesetzte Software sicherheitstechnich gehärtet und es kommen Virenscanner zum Einsatz. Ebenfalls wurde im Limux-Client ein eigenes Branding umgesetzt und die Profile der Nutzer werden mit Servern synchronisiert, damit der eingerichtete Computerarbeitsplatz auf verschiedener Hardware zur Verfügung steht. Technisch stehen noch einige Entscheidungen an. So kommt zurzeit noch KDE 3.5 als Oberfläche zum Einsatz. Über einen Wechsel des Desktops ist jedoch noch nicht entschieden worden. Auch wird die Entwicklung Ubuntus von Jähne kritisch betrachtet. Es sei schwer zu sagen, was Canonical umsetzen wird und in welche Richtung sich die Distribution entwickelt.

Aus Fehlern lernen

Die Entwicklung des Limux-Clients für die Nutzer und der Software für die Administration begann nach der Phase der Feinkonzeption, die bis 2005 dauerte. Zunächst setzten die Entwickler nur das erstellte Konzept um. Mit der Installation der ersten Betriebssysteme auf die Rechner zeigten sich die Nachteile dieser Herangehensweise: Es wurde an den Wünschen der Nutzer vorbeientwickelt, und für die Umsetzung ihrer Bedürfnisse gab es keine funktionsfähige Infrastruktur.

Die erste Version des Clients war sehr fehleranfällig und die Software erwies sich im Anwendungsszenario als wenig ausgereift. Das änderte sich mit dem Einstieg von IBM. Das Unternehmen kam als Sieger einer Ausschreibung der Stadt München zu Limux und stellte die Projektinfrastruktur um. Die Entwickler erhielten ein Testteam und überarbeiteten ihre Dokumentation. Damit konnten die Administratoren der jeweiligen IT-Abteilungen weitgehend eigenständig arbeiten. Die Wünsche der Kunden wurden kategorisiert und entsprechend ihrer Notwendigkeit umgesetzt.

Was macht das Auswärtige Amt falsch?

Genau hier könnte einer der Gründe für das Scheitern der freien Software im Auswärtigen Amt (AA) in Berlin liegen. Was dort schiefgelaufen ist, beschäftigt auch die Stadtverwaltung München, und sie hat zahlreiche Gespräche mit den Verantwortlichen in Berlin geführt. Laut Bundesregierung haben sich Beamte im AA über die mangelnde Benutzerfreundlichkeit beschwert. Hier ist wohl die Unterstützung durch Schulungen und Nachbetreuung viel zu kurz gekommen. Auch wird in München anders als in Berlin kein Dual-Boot eingesetzt.

Heinrich will sich nicht explizit zu den Fehlern des AA äußern. Wichtig sei aber auch, dass das ausgelieferte Produkt technisch sehr gut sei, erläutert er. Auch das Vertrauen in die IT-Abteilungen spiele eine Rolle. Was letztlich zähle, sei jedoch der politische Wille und die Konsequenz, hinter der Entscheidung zu stehen. Wenn beide Punkte nicht vorhanden seien, sei eine Migration zu freier Software wohl zum Scheitern verurteilt.

Politischen Einfluss nehmen für Linux

Das Auswärtige Amt (AA) migriert nun zu Windows 7 und Office 2010. München dagegen wird sein Ziel von 12.000 Rechnern wohl noch vor dem geplanten Zeitpunkt 2013 erreichen. Heinrich hofft sogar auf die Möglichkeit, die Anzahl der gesamten Installationen noch weiter zu erhöhen. Die Entscheidung des Stadtrates München bringt auch den Bürgern Vorteile. Das durch den Wegfall von Lizenz- und Hardwarekosten eingesparte Geld kann an anderer Stelle eingesetzt werden. Außerdem steht das Tool zur Verwaltung von Vorlagen- und Formulardokumenten Wollmux als freie Software zum Download bereit. Die guten Erfahrungen will München in Zukunft in Gesprächen mit allen Interessenten weitertragen und im Kleinen politisch Einfluss nehmen. Denn um Limux weiter auszubauen, müssen auch die Bundesbehörden in einem gewissen Maß mitspielen - und auch die schon erwähnte Bundesdruckerei.  (sg)


Verwandte Artikel:
München: Tschüss Limux, hallo Chaos!   
(24.11.2017, https://glm.io/131292 )
Limux: München prüft Rückkehr zu Windows   
(15.02.2017, https://glm.io/126188 )
Limux-Ende: München beschließt 90 Millionen für IT-Umbau   
(23.11.2017, https://glm.io/131302 )
Linuxtag 2011: Unternehmen treffen Open Source   
(12.05.2011, https://glm.io/83434 )
Dienste, Programme und Unternehmen: Was 2017 eingestellt und geschlossen wurde   
(22.12.2017, https://glm.io/131781 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/