Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1105/83297.html    Veröffentlicht: 08.05.2011 18:01    Kurz-URL: https://glm.io/83297

Uncharted 3

Neue Bühne in Hollywood

Uncharted 3 ist 2011 die Flagschiffproduktion für Sonys Playstation 3. In keinen anderen First-Party-Titel wird mehr Geld investiert. Golem.de konnte in den Studios von Sony Pictures einen Blick hinter die Kulissen werfen und berichtet von der Fusion zwischen Hollywood und Spielewelt.

Die Soundstage in den Sony Pictures Studios von Los Angeles sieht aus wie der Drehort des neuen Spider-Man-Films. Aber die Szenen, die hier jede Woche mit wenigen Schauspielern gedreht werden, sind nicht für einen Kinoblockbuster gedacht: In dem neun mal 13,5 Meter großen, beigen Studio entsteht die Geschichte für Uncharted 3: Drake's Deception.

Authentische Charaktere und Bewegungen sind der Schlüssel zum Erfolg von Uncharted. Das gilt für beide Titel, die bisher erschienen sind und wird auch den dritten Teil der Saga ausmachen. Hauptcharakter Nathan Drake zu virtuellem Leben zu erwecken und ihn über Straßen, auf Dächern oder durch Katakomben schleichen, gehen und laufen zu lassen, nimmt viel Zeit in Anspruch - mehr als in jedem anderen Videospiel. In Drake's Deception müssen Charaktere sogar auf Wüstensand laufen, eine neue Herausforderung für die detailbesessenen Entwickler von Naughty Dog.

Der Aufwand kostet Geld, das Sony bezahlt. Sie sei sehr froh darüber, dass Sony diese in der Spielebranche einzigartigen Aufnahmen für Naughty Dog ermögliche, sagt Amy Henning. Sie ist der kreative Kopf hinter dem Casting und der Hintergrundgeschichte jedes Uncharted-Teils. An den vier Wänden des Studios hängen insgesamt 80 Kameras, die die Schauspieler, genauer gesagt ihre schwarzen Motion-Capturing-Anzüge mit den weißen Markern, aufzeichnen. Gesichter und Mimik werden nicht gesichert, sondern kommen nachträglich in rein digitaler Form auf die Spielfigur aus Polygonen.

Nolan North, Schauspieler zwischen Spiel und Film

Wie in einer Hollywood-Produktion steht der Hauptdarsteller an diesem Nachmittag im Zentrum der Aufmerksamkeit. Nolan North, der Uncharted-Held Nathan Drake Bewegungen und Stimme leiht, sagt aber, dass "der Erfolg der Spiele auf einer großartigen Teamleistung basiert". Er selbst könne "gerade mal einen Toaster bedienen und verstehe wenig von Videospielen", erzählt er. Jedoch bemerkt an diesem Nachmittag jeder, dass North mit seiner Art, seinen Scherzen und der schauspielerischen Leistung das Team inspiriert. Noch viel ausschlaggebender ist aber: Ein großer Teil der Persönlichkeit von Nathan Drake ist die von Nolan North. Deswegen lässt ihm Amy Hennig auch viele Freiheiten am Set.

North ist kein Anfänger in der Spieleindustrie. Seine Stimme ist in vielen Games zu hören, vor allem in gut gemachten wie Call of Duty, Prince of Persia und Assassin's Creed. Dennoch sagt er, es gehe nirgends so professionell zu wie bei den Aufnahmen zu Uncharted: "Nur hier werden Ton und Bewegungen gleichzeitig aufgenommen, es ist wie in einem Theaterstück."

Kollege Richard McGonagle, der Darsteller für Drake's Freund Sully, fügt hinzu: "Wir nennen es lieber Performance-Capture als Motion-Capture, da hier viel mehr aufgenommen wird als Bewegungen. Wir kennen zu Drehbeginn zudem nicht alle Details, sondern haben nur ein kurzes Script. Wir wissen nicht, wer oder was als Nächstes wie oder wo passiert und sind selbst gespannt." Im Endeffekt ergeht es den Darstellern also wie den Hauptcharakteren im Spiel, die von einer ungünstigen Lage in die nächste stolpern und nicht wissen, wohin die Reise sie führt. So entsteht die große Authentizität der Zwischensequenzen durch das Improvisationstalent der Darsteller.

Teil 3 - Das Ende der Uncharted-Serie?

Hat die Uncharted-Serie ihren Zenit erreicht, wird es vielleicht der letzte Teil sein? North befürchtet das nicht: "Teil 2 war nicht der Höhepunkt und die Fans oder besser Verkäufe werden entscheiden, ob Uncharted 3 oder 4 der Höhepunkt wird. Solange wir Drake nicht ins Weltall schießen und gegen Alien-Haie kämpfen lassen, dürften wir auf der sicheren Seite sein." Ohne Frage ist Uncharted, wie schon die Indiana-Jones-Filme, abhängig von den Geschichten, die auf historischer Basis erzählt werden können. Wie viele das sein werden, weiß auch Amy Hennig noch nicht genau: "Es gibt kein Limit. Das Genre des Actionadventures bietet sich für viele Fortsetzungen an."

Die Abstände zwischen Theater, Film und Fernsehen und jetzt Games verschwinden immer mehr. In Uncharted überlappen sich die Bereiche eindeutig. Manche Kollegen in Hollywood sähen die Arbeit für Videospiele skeptisch, sagt North. Stören tut ihn das nicht: "Wenn die ein Problem damit haben, was wir hier machen, ist das doch gut für uns - bleibt weg von unserem Spielplatz."

Wie ein großer Spielplatz sieht das Uncharted-Set auch aus. Autos werden wie aus überdimensionierten Legosteinen in zwei Minuten zusammengeschraubt, Stative und Sporttaschen werden zu Ästen und Zweigen eines Dschungels. In Echtzeit zeigen vier Monitore das Set simpel texturiert in der Grafikengine an, wodurch sich die Schauspieler in einer Rohfassung live im Videospiel sehen.

Schwierigkeiten gibt es vor allem bei Szenen mit vielen Charakteren, da maximal acht Schauspieler gleichzeitig aufgezeichnet werden können. Ein weiteres Problem stellen Treppen dar. Deswegen sind diese im Spiel auch sehr selten und nur kurz zu sehen: "Es ist einfach zu aufwendig oder unmöglich, hier ständig neue Treppenkonstruktionen aufzubauen. Deswegen lassen wir die Darsteller nur zwei Stufen raufgehen, haben dann einen Schnitt und die nächste Szene zeigt, wie die Figur fast schon oben angekommen ist", erklärt Hennig.

Ob und wie die Uncharted-Saga zukünftig ein würdiges Ende finden könnte, steht noch nicht fest. Amy Hennig will sich alle Optionen offenhalten und schließt auch den Tod des Helden Nathan Drake nicht aus: "Ich denke, wir könnten jeden Charakter am Ende sterben lassen. Wichtig ist, dass es sich nicht billig anfühlt. In Fanfiction wird dieser Ansatz heutzutage oft zu schnell gewählt. Nolan würde das womöglich auch nicht zulassen wollen, aber am Ende habe ich das letzte Wort."  (mw)


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