Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1104/82976.html    Veröffentlicht: 21.04.2011 13:58    Kurz-URL: https://glm.io/82976

Spieletest Operation Flashpoint 3

Teamkämpfe in Tadschikistan

Islamistische Extremisten und die chinesische Volksbefreiungsarmee: Viel mehr Gegner kann ein Spieler kaum haben. In Operation Flashpoint Red River kämpfen Einzelspieler aber auch mit der KI ihrer Kameraden - und erleben trotzdem spannende Abenteuer. Im Koopmodus machen die sogar richtig viel Spaß.

Ein Land zum Träumen: Fern am Horizont glüht ein Bergmassiv rot in der untergehenden Sonne, vor uns erstreckt sich eine Ebene. Links schlängelt sich idyllisch ein Fluss, rechts lockt ein Wäldchen, dazwischen liegt ein kleines Dorf. Tadschikistan muss ziemlich schön sein - jedenfalls macht der Taktikshooter Operation Flashpoint Red River nebenbei ganz vorzüglich Werbung für die Landschaft der zentralasiatischen Republik. Schade nur, dass sie bereits jetzt von Armut und allerlei Konflikten geplagt ist. In der Spielewelt des Jahres 2013 ist die Lage aber noch schlimmer: Da terrorisieren einerseits islamistische Extremisten die Bevölkerung, andererseits unternimmt die chinesische Volksbefreiungsarmee einen Invasionsversuch.

Der Spieler tritt als US-Marine namens Kirby an, der gemeinsam mit seinen - wahlweise vom Computer oder von Freunden gesteuerten - Gefährten Taylor, Soto und Balletto unter dem Oberbefehl von Staff Sergeant Knox kämpft. In der ersten Hälfte der zehn Missionen langen Kampagne hat er es vor allem mit Tadschiken zu tun, dann kommen die Chinesen mit dazu - ab dort steigt der Schwierigkeitsgrad beträchtlich an. Zehn Einsätze klingt nach wenig, allerdings ist der Spieler selbst im niedrigsten der drei Schwierigkeitsgrade mit so gut wie jedem Auftrag mindestens eine Stunde beschäftigt, teils spürbar länger.

Die Einsätze in Operation Flashpoint Red River beginnen mit einem ausführlichen Briefing, dann setzt ein Jeep oder Helikopter die Soldaten im Gelände ab. Von dort geht es dann trotz des offenen, riesigen Geländes so gut wie immer ziemlich linear voran: Vorgesetzte geben meist sehr klare Anweisungen, was der Spieler zu tun hat, und zumindest in der Schwierigkeitsstufe "Normal" zeigt eine rote Markierung, wo der Spieler was erledigen muss - stellenweise fühlt sich das an, als ob man wie bei einer Schnitzeljagd nur den Markierungen hinterherläuft. Je nachdem, was im Einsatz passiert, müssen die Soldaten dann eine Stellung verteidigen, ihren Konvoi durch die engen Straßen einer Siedlung mit Scharfschützen begleiten oder mit dem Nachtsichtgerät auf der Nase in tiefster Dunkelheit Gegner eliminieren.

"Gewehrschütze 500 Meter Norden": Solche automatisch generierten Sätze der Begleiter sind ziemlich wichtig in Red River, denn anders als in Call of Duty tauchen Gegner nur selten vor der MG-Mündung des Spielers auf, sondern greifen aus großer Entfernung an, oder verstecken sich irgendwo im Gelände. Wer nicht im Koopmodus mit Kumpels antritt, ist deshalb auf die KI-Kollegen angewiesen. In Standardsituationen kämpfen die gar nicht schlecht und sind insbesondere bei der Feinderkennung eine Hilfe. Sobald es aber an komplexere Manöver geht, wirken die Gefährten schnell überfordert. Wer ihnen etwa im eigentlich ganz gut gemachten Kommunikationsmenü Befehle wie "Sperrfeuer" oder schlicht "Deckung suchen" erteilt, muss mit allem rechnen - nur nicht damit, dass die Elitesoldaten den Befehl tatsächlich ausführen. Anfangs stört das nicht weiter, bei steigendem Schwierigkeitsgrad ist es aber ein echtes Problem.

Mission doch nicht abgeschlossen

Ab und an hatten wir mit weiteren Bugs zu kämpfen: So hatte das Programm trotz langer Wartezeit nicht kapiert, dass wir Team Charlie erfolgreich verteidigt hatten, oder wollte eine erfolgreiche Mission nicht beenden, obwohl alle unsere Jungs - trotz besagter KI-Probleme - ausnahmsweise mal den Weg auf die Ladefläche eines Jeeps gefunden hatten.

Gewehrschütze, Granatwerferschütze, Kundschafter und MG-Schütze - das sind die vier Klassen, in denen der Spieler in Red River antreten kann. Wahlweise kämpft er allein mit den computergesteuerten KI-Kumpels in der Kampagne, oder er tritt im Koopmodus gemeinsam mit bis zu drei menschlichen Mitstreitern an, die jederzeit ein- und aussteigen können. Menschliche Spieler sammeln Erfahrungspunkte, mit denen sie die Fähigkeiten ihres Alter Egos nach und nach in Bereichen wie Sprintausdauer oder Treffsicherheit verbessern und zusätzliche Waffenoptionen freischalten können.

Manuelles Speichern ist in Red River nicht erlaubt, das Programm sichert den Spielstand automatisch an ausgewählten Stellen - von denen es ein paar mehr geben könnte. Obwohl der Spieler auch mal durch einen einzelnen Treffer sterben kann, kommt man doch mit erstaunlich wenigen Toden durch die Kampagne. Das liegt daran, dass man sowohl seine Teamgefährten als auch sich selbst mit dem Verbandswerkzeug in der Tasche unbegrenzt oft vollständig heilen kann. Einzige Voraussetzung: ein paar ruhige Minuten, etwa hinter einer Mauer. Wer dann doch mal handlungsunfähig am Boden liegt und kurz vor dem Verbluten ist, kann per Menü nach medizinischer Hilfe rufen - was meistens sogar die computergesteuerten Soldaten kapieren - und steht dann ohne lange Pause wieder gesund auf dem Schlachtfeld.

Anders als der Vorgänger hat Red River keinen Grünfilter über der gesamten Grafik verpasst bekommen, sondern wirkt mit blauem Himmel, grünen Hügeln und oft knallroten Sonnenuntergängen sogar recht farbenfroh. Besonders die Bergketten im Hintergrund sehen teils toll aus - die Objekte in der Nähe dann aber meist nicht mehr: Die Gesichter von Kameraden etwa wirkten grobpixelig, Siedlungen und Landschaften haben teils sehr detailarme Texturen, Büsche und Bäume ploppen erst beim Näherkommen ins Bild. Etwas übertrieben wirken einige der Lichteffekte der Ego Engine 2.0, etwa sehen lichtbeschienene Flächen in Gebäuden aus wie mit Goldfarbe aufgemalt. Gut gefallen hat uns hingegen eine Mission, in der wir fast eine Stunde lang in Richtung der untergehenden Sonne gekämpft haben - mit allen Problemen wie noch schwerer erkennbaren Feinden, die aber auch echte Soldaten haben würden.

Operation Flashpoint 3: Red River ist für Xbox 360, Playstation 3 und Windows-PC erschienen. Die PC-Fassung muss bei der Installation online aktiviert werden. Trotzdem muss wegen des zusätzlich verwendeten Kopierschutzsystems Securom die DVD im Laufwerk liegen, und nach dem ersten Programmstart muss das Game ein zweites Mal aktiviert werden, nämlich bei Games for Windows Live. Erst dann kann der Spieler auch offline antreten. Um Elemente wie die Achievements zu verwenden, muss er allerdings immer online sein.

Das Programm erscheint hierzulande ohne inhaltliche Schnitte mit einer USK-Freigabe ab 16 Jahren. In den meisten Zwischensequenzen ist die englische Sprachausgabe zu hören. Wahlweise mit Untertiteln, was angesichts des ungehemmten und sehr kreativen Umgangs mit oft homophoben Slang- und Kraftausdrücken auch nötig ist; leider ist Red River in diesem Punkt wohl schlicht authentisch. In den Missionen selbst sprechen die US-Marines mit deutscher Sprachausgabe. Die ist professionell gemacht, wirkt aber steril und passt nicht zur Atmosphäre des Spiels.

Fazit

Der ganz große Wurf ist Operation Flashpoint Red River nicht geworden. Für ein Programm, das sich von den Call of Dutys dieser Welt durch so etwas wie Glaubwürdigkeit und Simulationstiefe abgrenzen möchte, geht es in den Einsätzen zu linear und voraussehbar zu - und krachende Action können andere besser. Ein Ärgernis sind auch die vielen Aussetzer bei den KI-Kameraden und die sonstigen Bugs. Echte Highlights sind hingegen das spannende Szenario Tadschikistan, das die Entwickler von Codemasters ganz authentisch auf den Bildschirm bringen. Vor allem aber macht Red River zusammen mit Freunden im Koopmodus richtig viel und langfristig Spaß - wer gerne mit seinen Kumpels ins virtuelle Feld zieht, sollte dem Titel trotz der Schwächen eine Chance geben.  (ps)


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