Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1104/82805.html    Veröffentlicht: 14.04.2011 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/82805

Jasminrevolution

Es war nicht das Internet allein

re:publica 2011 Sind die modernen Revolutionen digital? Mit dieser Frage hat sich eine Diskussionsrunde auf der re:publica 2011 beschäftigt.

Im vergangenen Jahr erklärte der Tunesier Sami Ben Gharbia, wie seine Landsleute das Internet zum Protest gegen den damals noch amtierenden Staatspräsidenten Zine el-Abidine Ben Ali nutzten. Ein Jahr später, auf der re:publica 2011, analysierten Amira Al Hussaini, Bloggerin aus Bahrain, Claire Ulrich von Global Voices und Ludger Schadomsky, Experte für Ostafrika bei der Deutschen Welle, die Auswirkungen der Jasminrevolution, die in Tunesien ihren Ausgang genommen hat.

Bilder übers Netz verbreitet

Die Revolution war durch die Selbstverbrennung eines jungen Mannes ausgelöst worden. Bilder der Protestaktion wurden über das Internet verbreitet, etwa von Lina Ben Mhenni auf ihrem Blog A Tunesian Girl, das die Deutsche Welle gerade als bestes Blog ausgezeichnet hat.

Über das Internet habe sich dann auch unter Mitwirkung von tunesischen Nutzern und Google der Aufruhr verbreitet. Es seien geradezu "Nachahmungsrevolutionen" gewesen, sagte Al Husaini. Zeitpläne für die Aufstände in Ägypten und anderen arabischen Länder seien aufgestellt und über das Internet in Umlauf gebracht worden - ein nicht ungefährliches Verfahren.

Angst vor Verhaftung

Den autoritären Regierungen in den arabischen Ländern sind die sozialen Medien, die Individuen die Möglichkeit bieten, ihre Inhalte zu veröffentlichen, ein Dorn im Auge. Sie würden noch stärker zensiert als traditionelle Medien, berichtete Al Hussaini. Das liege daran, dass die traditionellen Medien regierungsnah oder in Besitz der Regierung seien. Sie selbst habe nichts über die Ereignisse in Bahrain in ihrem Blog geschrieben, erzählte Al Hussaini - aus Angst vor den Behörden.

Dass Zensur auch einen gegenteiligen Effekt haben kann, zeigte sich in Ägypten: Ende Januar ließ Präsident Husni Mubarak das Internet sperren - und brachte dadurch laut Al Hussaini die Revolution erst richtig in Gang. Anfangs hatten viele Ägypter die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz über das Internet verfolgt. Als die Bildschirme plötzlich schwarz wurden, befürchteten sie, es werde etwas Schreckliches passieren, und zogen in Scharen zum Platz, um das zu verhindern.

Ambivalenz an der Elfenbeinküste

Nicht immer habe das Internet bei den aktuellen politischen Ereignissen in Afrika positiv gewirkt, schränkte Ulrich ein. An der Elfenbeinküste habe es "die beste und die schlimmste Rolle" gespielt. Zu Beginn der Auseinandersetzung zwischen dem abgewählten Präsidenten Laurent Gbagbo und dem Wahlsieger Alassane Ouattara etwa veröffentlichten die Anhänger beider Parteien Seiten auf Facebook, Fotos und Videos, die Folter und Mord an den jeweiligen Gegnern zeigten oder kommentierten sie positiv.

Die gute Seite des Internets zeige sich in einem Angebot, das zwei nach Ghana Geflüchtete aufgesetzt haben: Dort können Menschen aus der Elfenbeinküste anrufen und beispielsweise melden, wenn Plünderer sich in ihrer Gegend befinden, wenn Leichen auf der Straße liegen oder sie einen Arzt brauchen. Die beiden Flüchtlinge schicken die Hilfegesuche dann über Twitter.

Zensurmaßnahmen unterschiedlich

Auch wenn viele Länder in Arabien und Afrika den Zugang zum Internet behinderten, gelte das nicht durchgängig, sagte Schadomsky: In Äthiopien etwa betreibe die Regierung großen Aufwand, traditionelle Medien zu zensieren. Das gehe so weit, dass das Radioprogramm der Deutschen Welle im Land gestört werde. Auch SMS seien schon einmal während Demonstrationen im Jahr 2005 komplett gesperrt worden.

Der Internetzugang hingegen ist in dem Land weitgehend frei. Allerdings ist das Netz auch in dem ostafrikanischen Land nicht sehr weit verbreitet: Die Internetpenetration liegt noch unter dem Durchschnitt der übrigen Länder im subsaharischen Afrika, der gerade mal zwei Prozent beträgt. Von den 80 Millionen Äthiopiern haben nur 0,2 Prozent ein Nutzerkonto bei Facebook.

Nachrichten per SMS

Vielfach helfen sich die Menschen mit SMS. Über diesen Dienst werden in den afrikanischen Ländern viele Neuigkeiten verbreitet, auch Informationen über die Jasminrevolution. SMS sind auch im Alltag ein wichtiges Kommunikationsmittel; auch Hochzeiten werden schon mal per Kurznachrichten arrangiert. Das wissen auch die Regierungen. Sie sperren den Dienst zuweilen, nutzen ihn aber auch für Propaganda. So verschickte in Uganda das staatliche Telekommunikationsunternehmen vor einer Wahl eine SMS, die besagte, wer für den amtierenden Präsidenten stimme und zudem die Nachricht an sieben Personen weiterleite, nehme an einer Verlosung von 100 US-Dollar teil.

Tatsächlich habe die Jasminrevolution die gesamte frankophone Welt zusammengebracht, sagte Ulrich: Früher seien die verschiedenen Blogosphären - vom französischsprachigen Teil Kanadas über Frankreich bis hin zu den französischsprachigen Ländern Afrikas - sehr auf sich bezogen gewesen. Das habe sich durch die Jasminrevolution verändert. Plötzlich, so erzählt Ulrich, nähmen sich die Blogger gegenseitig wahr, verlinkten einander, und es entstünden Beziehungen.

Internet, Bildung, Zivilgesellschaft

Einig waren sich Al Hussaini, Ulrich und Schadomsky darin, dass nicht das Internet allein die Aufstände in den arabischen Ländern ausgelöst hat. Dazu bedürfe es neben den Werkzeugen wie dem Internet einer Zivilgesellschaft und Bildung.

So habe sich die Jasminrevolution deshalb verbreiten können, weil es in den arabischen Ländern keine Sprachbarriere gebe, sagte Al Husaini. Außerdem lebten die Menschen in diesen Ländern in ähnlichen Situationen: in Diktaturen, deren Herrschende korrupt seien. Sie alle kennten Zensur und Polizeiwillkür. Gleichzeitig hätten diese Länder eine recht gut funktionierende Zivilgesellschaft.  (wp)


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