Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1104/82580.html    Veröffentlicht: 06.04.2011 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/82580

IMHO

Hitler, Gaddafi, die Stasi - und Sony

Die Anhänger der Gruppe Anonymous und ihrer jüngsten DoS-Attacken auf Sony gerieren sich auch im Forum von Golem.de als Retter der Demokratie - an die sie offenbar selbst nicht recht glauben.

Hitler, Stasi, Gaddafi: Alle möglichen Vergleiche mit Diktaturen werden im Forum von Golem.de von den Anhängern der Anonymous-Gruppe für den Konzern Sony bemüht. Die Aktivisten, die derzeit offenbar einige Webseiten von Sony mit DoS-Angriffen lahmlegen, werden als Helden gefeiert, als Freiheitskämpfer, als modernes Äquivalent zu den Hitler-Attentätern um Stauffenberg. Für ihre illegalen Angriffe auf den Konzern wird ihnen "Mut" bescheinigt. "Nicht nur die Geschichte lehrt uns, dass totale Hörigkeit zum Ende jeder Zivilisation führt", schreibt ein Nutzer bei Golem.de.

Tatsächlich ist es verständlich, dass Käufer sich ärgern, wenn sie für ein Produkt Geld ausgeben, dessen Funktionen im Nachhinein eingeschränkt werden, wenn sie mit dem Gerät also nicht tun dürfen, was ihnen beim Kauf versprochen wurde, wie es bei der Playstation 3 der Fall war. Und die Frage ist legitim, ob die von Sony gegen die Hacker George "Geohot" Hotz und Graf_Chokolo eingesetzten Mittel verhältnismäßig sind oder ob der Konzern seine zweifellos große Macht missbraucht. Sony klagt unter anderem gegen Hotz, weil er mit seinem PS3-Hack gegen den Digital Millennium Copyright Act und andere Gesetze verstoßen haben soll.

Dennoch kann man einwenden, dass Sony keine diktatorische politische Staatsgewalt ausübt. Es ist niemandem verboten, öffentlich unzufrieden mit Entscheidungen des Konzerns zu sein. Dass Sony nicht einverstanden damit ist, dass zwei junge Hacker die Sicherheitssysteme seiner Playstation 3 nicht nur knacken, sondern die Informationen dazu im Internet frei verfügbar machen, muss niemand gut finden, ebenso wenig das Vorgehen des Konzerns gegen die beiden jungen Männer.

Ob Sony oder die Hacker laut Gesetz im Recht oder Unrecht sind, werden Gerichte entscheiden, doch moralisch darf jeder das nach Gutdünken beurteilen und seine Meinung darüber verbreiten, ohne um sein Wohlergehen oder sogar sein Leben fürchten zu müssen. Er muss das nicht einmal befürchten, wenn er - der Gerichtsbarkeit misstrauend - zu illegalen Mitteln greift. Weniger ungefährlich dürfte es sein, sich als Libyer gegen Gaddafi zu stellen. Der Vergleich mit Anonymous ist eine Herabwürdigung derer, die im Kampf gegen Gaddafi ihr Leben riskieren.

Man kann auch darauf hinweisen, dass Sony vielleicht Nutzerdaten sammelt, sie aber anders als der Staatssicherheitsdienst der DDR nicht dafür verwendet, das Leben derjenigen völlig zu zerstören, die den Konzern kritisieren. Zweifel an der Verhältnismäßigkeit, einem Konzern den Krieg zu erklären, weil er den Zugang zu einer Spielekonsole einschränkt und versucht, das mit rechtlichen Mitteln durchzusetzen, kann man anmelden. Und schließlich mag man anführen, dass Sony-Kunden dieser Gruppe nicht qua Geburt angehören, sondern sich anders als Libyer, die sich nicht aktiv dagegen entscheiden können, Libyer zu sein, ganz einfach ihre Zugehörigkeit beenden können, indem sie keine Sony-Produkte kaufen und benutzen.

Anonymous-Anhänger halten die Mehrheit für blöd

Sinn haben diese Einwände nicht. Denn die Antwort lautet zuverlässig: Das ist ja erst der Anfang! "Wehret den Anfängen!" heißt daher der Schlachtruf. "Ich sehe ganz klar eine Schnittmenge zwischen Sony und einem irren Diktator", schreibt ein Golem.de-Leser, denn Sony "diktiere" seinen Nutzern ja auch, wie sie sich verhalten sollten. Obgleich Sony seine große - auch politische - Macht derzeit noch nicht mit physischer Gewalt durchsetze, sei ein solches Szenario für die Zukunft durchaus denkbar, ist ein beliebtes Argument.

Ein Leser hält es auf Nachfragen nicht für ausgeschlossen, dass Sony-Mitarbeiter ins Haus unliebsamer Konsumenten eindringen, die Familien abschlachten und töten könnten. Ein weiterer argumentiert nachvollziehbar: "Konzerne zerstören unseren Planeten, kaufen unsere Regierungen, zerstören die Demokratie, feuern Kriege an, unterbinden den Wettbewerb mit Patenten" und schlussfolgert dann, sie ließen "uns keine andere Wahl".

Anfänge einer Gefährdung für die Demokratie sind in solchen Aussagen tatsächlich zu erkennen, allerdings an anderer Stelle, als die Autoren meinen. Die Gefahr liegt in der Überzeugung der Anonymous-Anhänger, keine andere Wahl zu haben, als zu illegalen Mitteln zu greifen, also Selbstjustiz zu üben. Demokratische Mechanismen werden ausgeschlossen: Öffentlich gegen Sony vor Gericht zu ziehen oder die Meinungsbildung mit Hilfe der Medien zu beeinflussen, um die Öffentlichkeit auf unliebsame Praktiken des Konzerns aufmerksam zu machen, gilt nicht als Option. Selbst das einfachste Instrument zur Kontrolle von Konzernen in einer freien Wirtschaft wird nicht in Betracht gezogen: der Boykott.

Es ist entlarvend, wie Befürworter der DoS-Attacken die Entscheidung begründen, nicht die in Demokratien legalen Mittel gegen Sony einzusetzen: Sie halten ihre Meinung nicht für mehrheitsfähig. Demokratie beruht aber auf dem Konsens, dass die Mehrheit bestimmt, dass eine Interessengruppe, um sich durchzusetzen, also Mehrheiten finden muss - ein langwieriger und anstrengender Prozess, der mehr Durchhaltevermögen und Mut erfordert als ein DoS-Angriff vom heimischen Rechner aus.

Doch die Anhänger von Anonymous halten es für unmöglich, "genug Leute dazu zu bringen, keine Produkte von Sony mehr zu kaufen." Sie halten offenkundig die Masse für dumm und sich für diejenigen, die sie zu ihrem Glück zwingen müssen. "Es wäre schön, wenn es mit Konsumverzicht klappen würde", schreibt ein Nutzer des Golem.de-Forums. "Dafür gibt's aber zu viele Deppen auf der Welt."

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).  (jg)


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