Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1103/82456.html    Veröffentlicht: 31.03.2011 12:06    Kurz-URL: https://glm.io/82456

Angeschaut

Gnome 3 fehlt der Zeitgeist

Gnome will seinen Desktop modernisieren: Taskleisten und Anwendungsmenüs sollen durch virtuelle Benutzeroberflächen und aufgeräumte Benachrichtigungsfelder ersetzt werden. Die wichtigste Funktion fehlt aber noch.

Gnome 3 soll im April 2011 erscheinen. Jetzt haben die Entwickler den Quellcode eingefroren, so dass ein erster Blick auf den neuen Gnome-Desktop lohnt. Gnome 3 und dessen wichtigste Komponente, die Gnome-Shell, setzen auf ein neues Bedienkonzept: Der Benutzer soll ereignisorientiert arbeiten und sich auf seine Aufgaben konzentrieren können.

Wir haben uns Gnome 3 unter Fedora angesehen. Wie in der Open-Source-Welt üblich, sieht der Desktop von Distribution zu Distribution verschieden aus. Die unter gnome3.org erstellte Version basiert auf Opensuse. Die Versionen unterscheiden sich in einigen Details, etwa bei der Anzahl der Schaltflächen in der Titelleiste eines Fensters.

Die wichtigste Kernkomponente des neuen Desktops ist die Gnome-Shell, die für die neue Anordnung des Desktops sorgt. Oben rechts haben die Entwickler die wichtigsten System-Applets platziert, etwa für Klang-, Netzwerk- oder Chateinstellungen. Eine Fensterleiste fehlt komplett, denn geöffnete Fenster sollen künftig von der Gnome-Shell verwaltet werden. Auffällig: Es fehlt die Möglichkeit, eigene Applets, etwa für das Anzeigen von Wetterdaten, selbst hinzuzufügen.

Aktivitäten in der Gnome 3 Shell

Die Aktivitäten der Gnome-Shell - nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Anwendungsgruppierung aus KDE - sollen dem Anwender eine aufgabenorientierte Benutzerleiste bieten, in der nicht die Anwendung, sondern die jeweilige Aufgabe im Vordergrund steht. Eine Favoritenleiste links enthält ohne Konfiguration Programmstarter für Browser und Dateimanager, sie lässt sich beliebig erweitern.

Geöffnete Anwendungen heben sich dort durch einen grauen Hintergrund von den anderen Icons ab. Solange die Anwendung läuft, bleibt deren Icon dort sichtbar. Fenster können in den Aktivitäten auf virtuelle Benutzeroberflächen verteilt werden. Diese werden als Vorschaubilder am rechten Rand angezeigt. Die unter Linux bereits seit langem üblichen virtuellen Desktops werden hier auf Benutzerfreundlichkeit getrimmt. Über seine Titelleiste kann ein Fenster einem virtuellen Desktop zugeordnet werden.

Virtuelle Desktops wiederbelebt

Alle in einem virtuellen Desktop geöffneten Fenster werden in den Aktivitäten im Exposé-Modus angezeigt und können per Klick in den Vordergrund gebracht werden. Fenster können in der Aktivitätenansicht mit der Maus auf die virtuellen Desktops gezogen werden. Alternativ kann der Anwendungsstarter auf einen virtuellen Desktop gezogen werden, um ein Programm zu starten.

Die herkömmlichen Schaltflächen in den Titelleisten der Fenster wurden auf das Kreuz zum Schließen der Anwendung reduziert. Die Größe der einzelnen Fenster lässt sich wie üblich durch die Anfasser am linken unteren Rand justieren. Alternativ bietet Gnome 3 auch eine Snapping-Window-Funktion: Wird ein Fenster an den oberen Rand des Desktops gezogen, wechselt das Fenster in den Vollbildmodus, wird es hingegen an den rechten oder linken Rand gezogen, erscheint es gekachelt und nimmt die jeweilige Hälfte des Desktops in Anspruch.

Tastatursteuerung unentbehrlich

Diese Funktion und die diversen Tastenkombinationen, die beispielsweise den Taskmanager öffnen, sind wichtiger als zuvor, denn gerade bei hohen Auflösungen müsste der Anwender zusätzlich zu weit mehr Klicks als noch mit dem Vorgänger lange Wege mit dem Mauszeiger zurücklegen, um die gewünschte Funktion auszulösen. Hier zeigt sich, dass die Gnome-Entwickler bei der konzeptionellen Umsetzung des Designs vor allem die kleineren Auflösungen von Netbooks oder Tablets berücksichtigt haben. Der Taskmanager bleibt ein wichtiges Werkzeug, um zwischen Anwendungen zu wechseln. Immerhin: Sind zwei Instanzen der gleichen Anwendung geöffnet, zeigt dieser beide in einer Vorschau an.

Benachrichtigungen tauchen am unteren Rand des Bildschirms auf und verschwinden nach einer Weile wieder, sind aber über eine Schaltfläche anklickbar. Sie sollen den Anwender so wenig wie möglich bei der Arbeit stören, aber dennoch bei Bedarf schnell verfügbar sein. Die Nachrichten werden vom Desktop über das Ibus-Framework gesammelt.

Gnome 3 verwendet die Grafikbibliothek Clutter, die eine OpenGL-Schnittstelle enthält und somit dem neuen Fenstermanager Mutter hardwarebeschleunigte 3D-Effekte zur Verfügung stellt. Ohne 3D-fähige Grafikkarte samt Treiber funktioniert die Gnome-Shell nicht. Als Fallback steht der herkömmliche Desktop zur Verfügung.

Der Dateimanager Nautilus wurde ebenfalls überholt und erhielt einige neue Funktionen, etwa die Möglichkeit, Backups aus Amazon- oder Rackspace-Clouds sowie von Netzwerkfreigaben oder lokalen Speichermedien einzuspielen, die dort zuvor abgelegt worden waren. Die Reiter im Kontextmenü wurden reduziert: Embleme können einzelnen Objekten ebenso wenig zugeordnet werden wie Notizen. Zudem wird der Dateimanager nicht mehr beim Systemstart geladen.

Fazit

Der neue Gnome-Desktop vereint Konzepte von mobilen Geräten und Desktops, die bereits unter Apple, aber auch beispielsweise von KDE oder Canonical genutzt werden. Der Anwender soll weniger mit der Bedienung des Desktops belastet werden, sondern sich auf die Arbeit am Rechner konzentrieren können. Die Entwickler haben ihre Ideen zwar unter diesen sinnvollen Konzepten vereint, schießen aber oftmals über das Ziel hinaus.

Dem Anwender gänzlich die Möglichkeit zu nehmen, Applets zu verwenden, ist nicht sonderlich sinnvoll und konterkariert das Konzept des Rivalen KDE übermäßig. Auch die Einstellungsoptionen des Desktop sind eher dürftig. Gegenwärtig wird diskutiert, ob dem Anwender ein umfangreiches Konfigurationswerkzeug geboten werden soll. Ein Gnome-Entwickler äußerte die Befürchtung, ein solches Werkzeug würde implizieren, Gnome3 sei noch ein unvollkommenes Produkt. Ein anderer befürchtet, wenn das Gnome-Team sich nicht selbst darum kümmere, dann würden diverse Eigenentwicklungen zu einem Chaos und einem instabilen System führen. Erste Vorschläge zur Benutzeroberfläche gibt es bereits; gegenwärtig läuft das Projekt unter dem Namen Gnome-Plumbing.

Umstellung erforderlich

Für den Einsatz am Desktop mutet Gnome 3 dem Anwender einige Umstellungen zu. Teilweise überbordender Mauseinsatz durch lange Wege und häufige Klicks sowie das Erlernen zusätzlicher Tastenkombinationen erfordern dabei ein Umdenken. Zudem fehlt der Suchfunktion noch eine gewisse Semantik, um auch dem Einsteiger das Suchen nach Anwendungen mit Begriffen statt Namen zu ermöglichen. Die Eingabe des Wortes "Browser" zeigt beispielsweise keine Treffer. Die Entwickler haben wohlweislich die Rubrizierung aus dem alten Anwendungsmenü beibehalten.

So ganz kommt das Konzept der ereignisorientierten Arbeit noch nicht in Fahrt. Es fehlt allerdings auch eine wesentliche Komponente des neuen Desktops: Zeitgeist. Zeitgeist soll Nutzeraktivitäten sammeln und chronologisch sortieren, etwa zuletzt geöffnete Dateien, Chatprokolle, eingegangene E-Mails, Bilder und dergleichen. Später soll der Anwender bei der Suche Dateien angezeigt bekommen und öffnen können. Die Anwendungen selbst sollen dann kaum noch einen Rolle spielen.  (jt)


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