Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/0006/8221.html    Veröffentlicht: 16.06.2000 09:13    Kurz-URL: https://glm.io/8221

Website und Personal am wichtigsten für New Economy

Untersuchung über die Anforderungen der New Economy in Deutschland

Der reibungslose Betrieb der eigenen Website und das Anwerben qualifizierter Mitarbeiter gehören zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren der Dotcom-Unternehmen in Deutschland. Das ist eines der Schlüsselergebnisse der ersten bundesweiten Untersuchung über die deutsche New Economy. Die Studie wurde vom Internet-Dienstleistungsunternehmen Integra zur Eröffnung des größten Anwendungszentrums für Electronic und Mobile Commerce in Europa vorgestellt.

Eine Stunde Ausfall der Website kann eine Dotcom-Company, deren einziger Vertriebsweg das Internet darstellt, bis zu 5 Prozent des Jahresumsatzes kosten, weist Integra auf Untersuchungen der Marktforschungs- und Beratungsgesellschaft Giga Information Group hin. Entsprechend hoch seien die Vorkehrungen der New Economy, Websites "up and running" zu halten.

Bei 85 Prozent der untersuchten Start-ups hat die Pflege der Informationstechnologie (IT), also Hardware und Software, schon vor der "Lifestellung" - als dem Online-Start - höchste Priorität. Über die Hälfte lassen ihre Website von Anfang an bei einem Application Service Provider (ASP) hosten. Höhere Sicherheit und Zuverlässigkeit sowie die Skalierbarkeit beim erwarteten Ansturm aus dem Netz sind die wichtigsten Argumente für das Outsourcing des Websitebetriebs.

Als Faustregel gelte unter den Dotcoms: Der ASP sollte ein Zehnfaches der täglichen Durchschnittsbelastung an Kapazität bereithalten, um auch bei unvorhergesehen Spitzenlasten einen schnellen Seitenaufbau zu garantieren. Grund, die meisten Internet-Surfer warten maximal 8 Sekunden, bis sie eine Webseite auf dem Bildschirm sehen, wenn es länger dauert, klicken sie einfach weiter, so Integra.

"Eine schnelle Website, die Tag und Nacht wie auf Knopfdruck verfügbar ist, stellt für die New Economy eine essenzielle Basis für jedweden Erfolg dar", erklärt Frank-Michael Welsch-Lehmann, Geschäftsführer der Integra GmbH in Bad Homburg. Er fügt hinzu: "Für den Erfolg genügt die stabile technische Grundlage natürlich nicht. Aber ohne diese Grundlage ist der Misserfolg von vornherein vorprogrammiert."

Um den Aufbau der dazu notwendigen IT-Systeme, die Erstellung der Anwendungen und die Softwareintegration kümmern sich laut Integra-Studie mehr als 80 Prozent der Start-ups vollständig oder jedenfalls in weiten Teilen selbst. Über 70 Prozent lassen intern programmieren, mehr als 85 Prozent erledigen die technische Pflege selbst. Ebenso viele Dotcoms würden diese Aufgaben gerne outsourcen, finden jedoch keinen verlässlichen Partner, dem sie diese unternehmerischen Kernfunktionen anvertrauen wollen.

87 Prozent der Start-ups greifen so weit wie möglich auf Standardsoftware beispielsweise von Intershop zurück, um die Geschwindigkeit beim Aufbau der Websites zu erhöhen und das Risiko fehlerhafter Programmierung zu minimieren. 98 Prozent aller Unternehmen der New Economy wünschten sich eine Betriebsumgebung, in der alle für sie wichtigen Standardkomponenten schon funktionieren und die eigene Anwendung nur noch "wie ein Legobaustein" eingesteckt werden kann.

Beim "Erfolgsfaktor Nummer 2", dem Anwerben qualifizierter Mitarbeiter, fällt dem Freiheitsgrad, den das Unternehmen dem Personal einräumt, eine Schlüsselrolle zu, hat die Integra-Untersuchung ergeben. Für drei Viertel der Beschäftigten stellt die persönliche Freiheit am Arbeitsplatz den wichtigsten Motivationsfaktor dar, bei einem Unternehmen zu bleiben bzw. zu wechseln.

Die Arbeitnehmer in der New Economy seien weit über formale Arbeitsplatzbeschreibungen und Arbeitszeiten hinaus zum Einsatz bereit - wollen aber auch stärker am Erfolg der Firma partizipieren, so die Studie. Zwei Drittel der in der New Economy Beschäftigten wünschen sich Stock Options. Mehr als die Hälfte der Dotcom-Angestellten wollen Mitarbeiteraktien. Ungefähr ebenso viele erwarten ein hohes Gehalt.

Zusätzliche Motivationsfaktoren seien laut Integra-Studie das Angebot an Aus- und Weiterbildungskursen, die Qualität der Kantine oder des Essen-Lieferservice und weitere Aspekte des persönlichen Wohlbefindens (z.B. Unternehmen stellt Getränke kostenlos).

Die hohen Freiheitsgrade für Beschäftigte erzielen Dotcom-Firmen unter anderem durch flache Hierarchien, hat Integra in der Untersuchung festgestellt. Im Schnitt stehen sechs Topmanager an der Spitze eines Unternehmens, an die wiederum acht Manager berichten. Beinahe alle Firmen erlauben die direkte Kommunikation zwischen dem Vorstand bzw. der Geschäftsführung und jedem Mitarbeiter. Zwei Drittel der Dotcom-Companys erhalten eigenen Angaben zufolge diese flache Hierarchie auch bei kräftigem Wachstum, das andere Drittel führt eine mittlere Managementebene ein.

Dritter wichtiger Erfolgsfaktor für die aufstrebenden Dotcom-Companys ist nach der Website und dem Personal das Marketing, heißt es in der Integra-Studie weiter. Über ein Viertel der Unternehmen sichert sich vor und während der Lifestellung die Hilfe von PR-, Werbe- und Marketingagenturen zur Konzeption, mehr als 40 Prozent schaltet darüber hinaus Agenturen für die Umsetzung im Marketingbereich ein. Rund ein Drittel der New Economy arbeitet dauerhaft mit externen Marketingspezialisten und Agenturen zusammen.

Über 80 Prozent der von Integra kontaktierten Dotcom-Manager haben eine starke oder sogar sehr starke Kundenbindung zur eigenen Website beobachtet. Das hängt nach Erkenntnissen von Integra mit der hohen Bedeutung des so genannten Live Time Value (LTV) der Kunden für die New Economy zusammen. Hierbei wird der "Wert" eines Kunden nicht an einer einzelnen Bestellung gemessen, sondern anhand der Summe seiner Aktivitäten auf einer Website über einen längeren Zeitraum hinweg. Primäres Ziel vieler Dotcom-Companys sei, einen möglichst großen LTV-Wert aufzubauen.

Die durchschnittliche Zeitspanne von der Firmengründung bis zum Online-Start im Netz liegt laut Integra-Untersuchung bei sechs Monaten. Mehr als die Hälfte der Dotcoms ist innerhalb dieses Zeitraums "drin". Die Schwankungsbreite ist allerdings beträchtlich: Die "Fast Mover" sind schon nach zwei Monaten im Netz, die "Late Comer" brauchen bis zu 24 Monate.

Die von Integra unter die Lupe genommenen E-Commerce-Anbieter verlassen sich bei der physischen Warendistribution zu über 95 Prozent auf externe Logistikdienstleister. "Das Argument der Deutschen Post für ihren bevorstehenden Börsengang, dass sie am meisten vom E-Commerce-Boom profitiert, ist nach unserer Erkenntnis absolut stichhaltig", analysiert Integra-Deutschlandchef Frank-Michael Welsch-Lehmann. Eine tragende Bedeutung fällt dabei laut Integra der Logistikkette über alle beteiligten Firmen hinweg zu. Bei immer mehr Shops kommen Online-Bestellungen gar nicht mehr beim Shopbetreiber an, sondern werden direkt an Logistikdienstleister oder Zulieferer geleitet, die sich um die Auslieferung kümmern.

Business Angels und Risikokapital sind für die New Economy wichtig, aber, laut der Integra-Studie, beileibe nicht so wichtig, wie oft dargestellt. 70 Prozent der Start-ups kommen in der Gründungsphase mit Eigenkapital aus, 45 Prozent haben schon zu diesem frühen Zeitpunkt eine Venture-Capital-Finanzierung aufgenommen, 15 Prozent haben sich das Geld von Business Angels geholt.

Zur Lifestellung gemessen verschiebt sich das Gewicht allerdings in Richtung des externen Kapitals: Zu diesem Zeitpunkt haben 55 Prozent der Start-ups eine Venture-Capital-Finanzierung und 20 Prozent einen Business-Angel-Vertrag in der Tasche. Die Eigenkapitalquote ist auf durchschnittlich 55 Prozent abgesackt und fällt in den ersten zwölf Monaten nach dem Start ins Netz nochmals weiter auf 40 Prozent. Das Geld wird vor allem für die technische Weiterentwicklung der Website, die Erweiterung des Online-Angebots, das Marketing und die Expansion in andere europäische Länder benötigt.

Statistisch liegt die Wahrscheinlichkeit der Start-ups, einen Venture-Capital-Geber vom eigenen Konzept zu überzeugen, laut Integra übrigens bei 11 Prozent, heißt es in der Integra-Studie. Anders ausgedrückt: 89 Prozent der Online-Starter bleibt dieser Finanzierungsweg verschlossen.

Trotz der gemischten Stimmung an den Technologiebörsen streben drei Viertel der von Integra befragten Topmanager der New Economy den Gang an die Börse an. Den Zeithorizont hierfür haben die Dotcom-Führungskräfte klar vor Augen: frühestens in einem Jahr und spätestens in drei Jahren.  (ji)


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