Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1103/82133.html    Veröffentlicht: 16.03.2011 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/82133

Spieletest Homefront

Im Schweinsgalopp durch den Befreiungskrieg

Zivile Krieger statt Elitesoldaten, amerikanischer Heimatboden statt exotische Kampfgebiete: Das Actionspiel Homefront möchte in die Erfolgsspur des Megasellers Call of Duty - das gelingt nur zum Teil. Schade, dass besonders die emotionalen Momente wegen zu viel Hektik auf der Strecke geblieben sind.

Rund 1,2 Millionen Soldaten müssen derzeit in der Koreanischen Volksarmee dienen, über 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von Nordkorea gehen für das Militär drauf. Immerhin denkbar ist also, was sich das New Yorker Entwicklerstudio Kaos für den Egoshooter Homefront ausgedacht hat: Im Jahr 2027 ist die Volksarmee in die USA einmarschiert, nordkoreanische Truppen führen dort mit Folter und Massenerschießungen ein hartes Regime. Nur wenige Widerstandskämpfer wagen es, sich mit dem übermächtigen Feind anzulegen. Einer davon heißt Robert Jacobs, er ist ehemaliger Pilot und weiß so ungefähr, wie das mit dem Schießen und Kämpfen funktioniert. Ihn steuert der Spieler auf Xbox 360, Playstaton 3 und Windows-PC durch die sieben Kapitel der, je nach Spielweise, nur rund fünf Stunden langen Kampagne.

Das Szenario hat mit Call of Duty wenig zu tun, statt von abgebrühten Elitesoldaten ist der Spieler von verzweifelten Zivilisten umgeben. Trotzdem spielt sich Homefront ganz ähnlich: In vollständig schlauchartig angelegten Einsatzorten geht es meist mit viel Tempo vorwärts. Die gegnerischen Verbände schicken immer wieder Nachschub in den Kampf, in Deckung erholt sich der Spieler nach wenigen Augenblicken von selbst und auch sonst geht es sehr unkompliziert zu. Wer das Gewehr in der virtuellen Hand halten kann, kommt ohne größere Probleme durch die Handlung.

Meist kämpft sich Jacobs von Deckung zu Deckung, zwischendurch ist auch mal Schleichen angesagt, oder er muss im Sprint hinter einem Transport-Lkw her jagen, um in letzter Sekunde eine Sonde anzubringen. Für etwas mehr Abwechslung sorgt der Goliath, ein schick animiertes Kampfvehikel, dem der Spieler mit einem Signalgeber die Feinde zuweist. Dann holt der stählerne Kumpel zuverlässig auch Helikopter vom Himmel.

Hübsche Begleiter und hässliche Markierung

Die meiste Zeit befindet sich Jacobs in Begleitung von zwei computergesteuerten, auch unter schwerstem Beschuss unsterblichen Kameraden. Zum einen die hübsche Rianna, zum anderen der heldenhafte Conner, der meist vorausstürmt - der Spieler darf ihm hinterherrennen, was eine hässliche Markierung oft überdeutlich anzeigt. Die KI-Kumpels funktionieren meist, aber nicht immer ohne Probleme: In einem ausnahmsweise etwas weniger linear angelegten Baumarkt etwa verläuft sich Conner auch mal, außerdem stehen er und Rianna gerne mal unvermittelt in der Schusslinie des Spielers.

Mit seinen fast schon übertrieben idyllischen Gärten, Wohnsiedlungen und anderen zivilen Umgebungen möchte Homefront offenbar einen Kontrast setzen zu all dem Horror, der wegen der nordkoreanischen Invasoren auf amerikanischem Heimatboden Einzug gehalten hat. Immer wieder gibt es Momente, die offensichtlich schockieren sollen: So muss sich der Spieler an einer Stelle in einem riesigen Leichenberg verstecken - am oberen Bildschirmrand sieht man den Arm eines Getöteten. Allerdings wirken auch derartige Stellen nicht berührend, weil sich das Spiel kaum Zeit für sie nimmt. Nach ein paar Augenblicken geht die Ballerei schon wieder los, Figuren wie Rianna haben keinen Hintergrund, andere sind vollständig austauschbar - Homefront verschenkt viel von seinem Potenzial.

Auch der Multiplayermodus von Homefront erinnert in weiten Teilen an Call of Duty. Spieler können nach und nach Waffen und andere Extras freischalten. Neben Team-Deathmatch gibt es noch die sogenannte "Bodenkontrolle", in der die Teams aus insgesamt bis zu 32 Spielern bestimmte Orte auf den gut gemachten Maps erobern und verteidigen müssen.

Interessant ist der optional verfügbare Battle-Commander-Modus: Dann kann ein Spieler seinen Mitspielern bestimmte Ziele vorgeben, etwa bestimmte Ziele anzugreifen. Wer das schafft, bekommt Extrapunkte. Außerdem gibt es die Möglichkeit, in eine Vielzahl von Vehikeln zu klettern und online mit dem einfach zu steuernden Jeep über die Kampfplätze zu sausen.

Alle Sprachversionen verfügbar

Homefront ist für Playstation 3 und Xbox 360 für rund 60 Euro und für Windows-PC für rund 40 Euro erhältlich. Das Spiel ist vollständig übersetzt, besonders gut klingt die deutsche Sprachausgabe aber nicht. Glücklicherweise gibt es auf Konsole und über Steam auch in der deutschen Verkaufsversion wahlweise englische Stimmen. Inhaltliche Änderungen gegenüber der US-Version gibt es nicht, die USK hat eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Der einzige Kopierschutz am PC ist die Registrierung bei Steam. Konsolenspieler müssen bei Xbox Live oder Playstation Network einen nur einmal verwendbaren "Kampf-Code" eingeben, ohne den der Spieler im Multiplayermodus nicht über Level 5 kommt - Zugriff auf den Battle Commander gibt es aber erst ab Level 7; mit dem Code möchte THQ offenkundig zum Kauf von neuen Verkaufsversionen anstelle von Gebrauchtware anregen.

Fazit

Ein Widerstandskrieg auf amerikanischem Heimatboden: klasse Szenario, das viel hergibt und sich auf das Angenehmste vom sonst im Genre gewohnten Elitesoldaten-Einheitsbrei abhebt. Schade nur, dass Homefront zwar viele gewollt hochdramatische Momente bietet, den Spieler aber seltsam kalt lässt. Egal, ob ein angeblich langjähriger Freund grausam gefoltert wird und stirbt oder man sich in einem Leichenberg versteckt - weder Mitleid noch Grauen stellen sich ein, dazu geht es viel zu hektisch und künstlich zu, etwa angesichts der vollständig linearen Missionsgestaltung und der gesichtslosen Gegner. Schade auch, dass ein überzeugender Oberschurke fehlt.

Davon abgesehen, macht Homefront mit schicker und sehr stimmungsvoller Grafik sowie wendungsreichen und gut geskripteten Einsätzen viel richtig. Und ein bisschen was falsch, etwa mit dem oft verwirrt wirkenden KI-Begleiter oder schlicht mit der viel zu kurzen Kampagne. Unterm Strich ähnelt das Spielgefühl bei Homefront erstaunlich stark dem von Call of Duty, nur ist das Spielgeschehen längst nicht so furios in Szene gesetzt - aber besser als unter anderem das letzte Medal of Honor ist der Widerstandskampf in den USA immer noch.  (ps)


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