Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1103/82038.html    Veröffentlicht: 15.03.2011 07:16    Kurz-URL: https://glm.io/82038

Browser

Internet Explorer 9 ist fertig

Microsoft macht mit dem Internet Explorer 9 einen großen Schritt nach vorn: Eine schnellere Javascript-Engine, Unterstützung aktueller Webstandards auch auf Kosten der Abwärtskompatibilität und Hardwarebeschleunigung sollen den Internet Explorer wieder attraktiv machen. Ab sofort kann der Browser heruntergeladen werden.

Mit dem Internet Explorer 9 macht Microsoft einiges anders als mit vorangegangenen Browserversionen. Setzte Microsoft bislang auf proprietäre Techniken und interpretierte Webstandards oft anders als die Konkurrenz, soll der Internet Explorer vor allem eines sein: standardkonform. Eine Webseite soll auf allen Browsern gleich aussehen. Dabei unterstützt Microsoft diverse moderne Webtechniken rund um HTML5 und CSS3.

Microsoft bezeichnet den Internet Explorer 9 (IE 9) als den standardkonformsten Browser und verweist dabei auf die HTML5-Testsuite des W3C. Diese ist allerdings noch nicht fertig und besteht zu großen Teilen aus Tests, die Microsoft selbst eingereicht hat. Entsprechend rät das W3C selbst davon ab, die damit erzielten Ergebnisse der HTML5-Testsuite ernst zu nehmen.

Nichtsdestotrotz sind Microsofts Bemühungen deutlich, Fehler der Vergangenheit zu korrigieren und Webstandards zu unterstützen, um Webentwicklern Anpassungsarbeit zu ersparen. So unterstützt der Internet Explorer 9 diverse Techniken, die im Marketing unter HTML5 zusammengefasst werden, darunter das Audio- und Videotag (nur mit H.264-Videos), das Canvas-Element, Web Storage, das Selectors API, dokumentübergreifendes Messaging, DOM Level 2 und 3, SVG, Geolocation, Teile von CSS3 und ECMAScript 5. Nicht unterstützt wird unter anderem WebGL. Chakra für mehr Geschwindigkeit

Gelten die bisherigen Versionen des Internet Explorer im Hinblick auf die Ausführung von Javascript als langsam, kann der Internet Explorer 9 mit der Konkurrenz mithalten. Dafür sorgt die neue Javascript-Engine Chakra, die laut Microsoft auf die Nutzung von Multicore-Prozessoren optimiert wurde.

Chakra verfügt über einen Compiler, um Javascript-Code in Maschinencode zu übersetzen und so schneller auszuführen. Dieser Ansatz findet sich auch in vielen anderen modernen Browsern, um die Ausführung von Javascript-Code zu beschleunigen. Im Unterschied zur Konkurrenz hält Microsoft aber auch am bisherigen Javascript-Interpreter fest, der allerdings von Grund auf überarbeitet wurde. Dieser Interpreter übernimmt unmittelbar die Ausführung von Javascript-Code, während der Javascript-Compiler im Hintergrund agiert. Dabei nutzt der Compiler die Möglichkeiten moderner Mehrkernprozessoren.

Chakra bietet darüber hinaus verbesserte Unterstützung für den Javascript-Standard ECMA-262 alias ES5, einschließlich neuer Array- und Objektmethoden sowie Spracherweiterungen zur Arbeit mit Strings und Daten.

Microsoft hat wiederholt betont, bei der Entwicklung auf reale Szenarien optimiert zu haben, nicht auf Benchmarks. Dennoch schlägt sich der Internet Explorer 9 auch im Sunspider-Benchmark gut. Der Browser ist um ein Vielfaches schneller als der Internet Explorer 8 und kann mit der Konkurrenz mithalten.

Hardwarebeschleunigung

Für weiteren Geschwindigkeitszuwachs soll die integrierte Hardwarebeschleunigung sorgen, die Text, Videos und Grafikanimationen umfasst. Dabei lagert der Browser Berechnungen an die GPU aus, die diese zum Teil um ein Vielfaches schneller durchführen kann als die CPU. Auch SVG und Canvas werden in Hardware beschleunigt.

Microsofts Darstellung, der Internet Explorer 9 biete als einziger Browser eine komplette Hardwarebeschleunigung, kritisiert vor allem Mozilla und bezeichnet sie als Marketinggewäsch und Lüge.

Zudem vergrößert Microsoft den Cache des Browsers in der Standardeinstellung von 50 auf 250 MByte, so dass Webinhalte nicht so schnell aus dem Zwischenspeicher fallen.

Nahtlos in Windows 7 integriert

Microsoft legte zudem Wert darauf, den Internet Explorer 9 möglichst gut in Windows 7 zu integrieren. Webseiten lassen sich dank Pinning direkt aus der Taskleiste von Windows aufrufen und zur vereinfachten Navigation werden Jump Lists und Aero Snap unterstützt. Mit Jump Lists lassen sich einzelne Funktionen angepinnter oder angehefteter Webseiten gezielt aufrufen, was diese aber explizit unterstützen müssen, wie es beispielsweise Golem.de tut. Darüber hinaus lassen sich sogenannte Preview-Controls darstellen, um etwa das Abspielen von Musik direkt aus der Taskleiste heraus steuern zu können.

Die Bedienoberfläche des Browsers wurde überarbeitet, damit die Webinhalte stärker in den Mittelpunkt rücken. Die Bedienelemente sind auf ein Minimum reduziert und passen in eine Zeile: URL-Leiste samt integriertem Neuladenknopf, Vor- und Zurückknopf sowie zwei Menüs und die Tabs finden sich aufgereiht direkt über der Webseite. Links daneben ist ein nun etwas größeres Favicon der jeweils aufgerufenen Website zu sehen.

URL- und Suchbox führt Microsoft wie beispielsweise Googles Chrome in einer Box zusammen und nennt diese One Box. Anders als Google schickt Microsoft die Eingaben aber nur dann an einen Server, wenn der Nutzer dies will - und nicht bei jedem Tastendruck.

Wird ein neues Tab geöffnet, präsentiert der Internet Explorer 9 eine Auswahl der am häufigsten genutzten Seiten. Auch zuvor geschlossene Tabs lassen sich daraus wieder öffnen und eine beendete Browsersession kann so neu gestartet werden. Ähnliches bieten auch andere Browser.

Benachrichtigungen sollen das Surfen nicht länger unterbrechen und erscheinen dazu in der Benachrichtigungsleiste am unteren Bildschirmrand.

IE9 verspricht mehr Sicherheit

Für mehr Sicherheit soll unter anderem der Malwareschutz Smartscreen sorgen, der nun die Downloadreputation einer Datei miteinbezieht. So entfallen Warnungen bei Dateien, die von vielen Nutzern heruntergeladen werden und bekanntermaßen keine Schadsoftware enthalten.

Der integrierte Trackingschutz soll für mehr Privatsphäre sorgen, ist aber in der Standardeinstellung abgeschaltet: Über White- und Blacklists können Anwender bestimmen, welche Webseiten Informationen über den Nutzer sammeln dürfen. Die Technik hat Microsoft mit einigen Erweiterungen beim W3C zur Standardisierung eingereicht.

Warnung vor schlechten Erweiterungen

Der Internet Explorer 9 warnt vor Browsererweiterungen und Plugins, die den Start des Browsers verzögern oder das Laden und Rendern von Webseiten verlangsamen, sofern das Laden in Summe um mehr als 0,2 Sekunden verzögert wird. Der Browser zeigt dann an, welche Erweiterungen oder Plugins für welche Verzögerungen verantwortlich sind, damit der Nutzer entscheiden kann, ob er die Software dennoch nutzen will.

Kommt es in einzelnen Tabs zu Problemen oder Hängern, soll der Rest des Browsers weiterlaufen, was Microsoft als Hang Recovery bezeichnet.

F12 für Entwickler

Für Entwickler enthält der Internet Explorer 9 F12 genannte Werkzeuge. Sie ermöglichen es, gegenüber früheren Versionen zusätzliche Leistungswerte zu überwachen. Microsoft setzt dabei auf die Spezifikation W3C Web Timing.

Die Daten stehen zudem über window.msPerformance im DOM zur Verfügung. Microsoft hat dazu eine entsprechende Demo aufgesetzt.

Kompatibilitätsmodus und Fazit

Um mit dem Internet Explorer 9 eine gute Unterstützung für Webstandards zu bieten, nimmt Microsoft auch Inkompatibilitäten mit den Vorgängern des Browsers in Kauf. So rendert der neue Internet Explorer Webseiten im Standardmodus, sofern diese es nicht anders erzwingen. Das kann dazu führen, dass Webseiten nicht mehr korrekt im Internet Explorer 9 angezeigt werden, wenn diese auf frühere Versionen des Internet Explorer optimiert wurden.

Abhilfe schafft der sogenannte Kompatibilitätsmodus. Webseiten können das Rendern im Rendermodus Quirks erzwingen, müssen dann aber auf die neuen Funktionen des Internet Explorer 9 verzichten.

Nutzern stellt Microsoft einen Schalter zur Verfügung, um die Darstellung im Kompatibilitätsmodus zu erzwingen. Die Einstellung gilt nur für die jeweilige Webseite und wird für diese gespeichert, so dass auch bei künftigen Aufrufen die Kompatibilitätsansicht genutzt wird.

Internet Explorer 9 nicht für Windows XP

Der Internet Explorer 9 steht ab sofort unter windows.microsoft.com zum Download bereit, allerdings nur für Windows Vista, 7 und Windows Server 2008. Für Windows XP wird der Browser nicht angeboten, obwohl diese Windows-Version noch häufig eingesetzt wird.

Fazit

Der Internet Explorer 9 lässt den Internet Explorer 8 im Hinblick auf Geschwindigkeit und Unterstützung moderner Webstandards weit hinter sich. Im Vergleich zur Konkurrenz schneidet der IE 9 ebenfalls nicht schlecht ab - aber auch nicht mehr. Wer Microsofts Browser weiter verwenden will oder muss, der sollte unbedingt auf den IE 9 umsteigen.

Einige der Neuerungen, die es noch in keinem anderen Browser gab, als der IE 9 im November 2009 angekündigt wurde, sind nun in aktuellen oder demnächst erscheinenden Versionen enthalten. Es lohnt sich also, den IE 9 mit der Konkurrenz zu vergleichen, vor allem mit dem kommenden Firefox 4 und Chrome 10. In wenigen Wochen soll außerdem der Browser Chrome 11 mit erweiterter Hardwarebeschleunigung folgen.

Mit dem IE 9 hat Microsoft einen ersten Schritt gemacht, dem weitere folgen müssen. Welche, zeigt Microsoft mit seinen HTML5 Labs, über die Browser-Prototypen mit neuen Funktionen frühzeitig ausprobiert werden können. Im Vergleich zu Google - neue Chrome-Versionen erscheinen mittlerweile etwa alle sechs Wochen - wirkt Microsofts Ansatz weiterhin behäbig, zeigt aber, dass der Konzern aus Redmond gewillt ist, zumindest mitzuhalten.  (ji)


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