Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1103/81952.html    Veröffentlicht: 08.03.2011 06:01    Kurz-URL: https://glm.io/81952

AMD Radeon HD 6990 im Test

Grafikmonster mit 500 Watt für 600 Euro (Update)

Um die schnellste Grafikkarte der Welt zu bauen, hat AMD alle Grenzen und Spezifikationen durchbrochen. Die Radeon HD 6990 arbeitet stabil, ihr Nutzen ist jedoch recht fraglich - und der Sieg vermutlich kurzlebig.

"Das ist unser Spielzeug." Mit diesen Worten hat Devon Nekechuk, Marketing-Ingenieur bei AMD, auf der Cebit im Gespräch mit Golem.de die Radeon HD 6990 vorgestellt. Dass sich die Ex-ATI-Entwickler dabei so richtig austoben konnten, zeigte bereits ein erster Blick auf Geräte der Grafikkartenhersteller. Es handelte sich auch bei den teilweise von AMD von den Ständen entfernten Karten um das Referenzdesign des Chipherstellers.

Um zwei der Cayman-GPUs, die schon auf den Radeon 6970 und 6950 zum Einsatz kamen, auf einer Grafikkarte zu vereinen, musste AMD die üblichen Spezifikationen überschreiten - und hat dafür ganze vier Monate länger gebraucht als ursprünglich geplant. Nun ist die 6990 die erste Karte, die schon im Referenzdesign des Chipherstellers zwei achtpolige Strombuchsen mitnimmt. Über jeden dieser PCIe-Anschlüsse kann sie - laut den Normen - 150 Watt elektrischer Leistung aufnehmen. Zusammen mit den 75 Watt, die der x16-Slot zur Verfügung stellen muss, sind so 375 Watt möglich.

Die Spezifikationen für PCI-Express schreiben maximal 300 Watt für eine Steckkarte vor. Aber: "Das ist nur das, was das Gremium als Maximum getestet hat", sagt Devon Nekechuk. Auch ein Rechner mit der neuen AMD-Grafikkarte kann dem Ingenieur zufolge noch als PCI-Express-Gerät beworben werden. Die Garantie für das Funktionieren der Karte übernimmt AMD selbst.

Jedenfalls so lange, wie der Anwender die eingebaute Übertaktungsfunktionen der 6990 nicht überreizt. Über einen Schalter an der Karte kann sie für noch höhere Takte freigeschaltet werden - und dann sind laut AMD 450 bis 500 Watt Leistungsaufnahme möglich. So manche tausende Euro teure Grafikworkstation kommt mit weniger Strom aus.

Nötig ist dieser ganze Aufwand, um zwei vollwertige Cayman-GPUs mit je 1.536 Rechenwerken und 4 GByte GDDR5-Speicher zu kühlen. Wir testen im Folgenden ein von AMD gestelltes Referenzmodell der 6990. Die technisch identischen Karten der Grafikanbieter sollen laut AMD um 630 Euro kosten. Den Treiber, der noch eine Betaversion ist, will AMD mit dem Verkaufsstart auf seinen Downloadseiten zur Verfügung stellen.



Wie kommen 500 Watt in eine Grafikkarte?

Ganz unverhohlen gibt AMD in seinen Unterlagen zu, dass es um den Bau der "schnellsten Grafikkarte der Welt" gegangen sei. Und auch ohne Blick auf das Veröffentlichungsdatum mitten im Karneval ist klar, dass Nvidia eine lange Nase gedreht werden soll. Das Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Unternehmen hatte sich in den vergangenen Jahren ohne Rücksicht auf Gerätepreise und Leistungsaufnahme immer weiter zugespitzt.

Nachdem die Serie Radeon HD 5000 voll überzeugt hat und die Radeon 5970 seit über einem Jahr in vielen Bereichen die schnellste Grafikkarte ist, zeigte sich schon mit der Serie Radeon 6900, dass die Cayman-GPUs etwas mehr Leistung nur über höhere Leistungsaufnahme erreichen. Kam die Radeon 5870 noch mit zwei sechspoligen PCIe-Stromverbindern aus, so braucht die 6970 für etwas mehr Performance schon je einen sechs- und achtpoligen Port.

Da verwundert es nicht, dass für zwei der Cayman-GPUs mit 4D-Shadern auf der 6990 dann auch zwei achtpolige Verbinder nötig sind. Die Takte sind in der Standardeinstellung dabei schon reduziert: Statt mit 880 MHz bei der 6970 arbeitet die 6990 mit 830 MHz GPU-Takt. Die vollen 880 MHz sind nur möglich, wenn die Stromversorgung außerhalb der Normen betrieben wird. Die Steckverbinder sind nur auf bis 150 Watt spezifiziert. Sofern AMD die 75 Watt für den Slot noch einhält, müssen die achtpoligen Ports bei den theoretisch möglichen 500 Watt Gesamtleistung jeweils über 200 Watt bereitstellen.

Es kommt also nicht nur auf die Gesamtleistung des Netzteils an, auch die Kabel und Steckverbinder müssen die enormen Stromstärken von über 17 Ampere über einen Kabelstrang mitmachen. Auch das ist AMD zufolge kein Problem, wie Tests von High-End-Netzteilen gezeigt haben sollen. Eine Liste der für die 6990 empfohlenen Wandler will der Chiphersteller bald veröffentlichen.

Auf der Karte selbst sollen neue Spannungswandler von Volterra dafür sorgen, dass die Ströme gleichmäßig und stabil fließen. Zumindest auf unserem Testexemplar hat das einen Nebeneffekt: Das Gerät zeigt bei manchen Anwendungen das sogenannte Spulenfiepen. Das in Hardwareforen viel diskutierte Phänomen tritt jedoch nur bei manchen Programmen auf und ist oft auch bei Serienkarten auf einzelne Geräte beschränkt. Das hochfrequente Geräusch im Stile eines defekten Zeilentrafos einer Bildröhre lässt sich auch aus geschlossenen PC-Gehäusen heraushören - wenn es nicht gerade ein Lüfter übertönt.

... und wie wieder heraus?

Bisher setzte AMD bei seinen Dual-GPU-Karten seit der Radeon HD 3870 X2 auf einen am Ende des Boards platzierten Lüfter, der einen Großteil der Abwärme über das Slotblech aus dem Rechner schob. Schon mit der 4870 X2 war hier ein offener Zusatzkühler nötig, und mit der 5970 musste der näher am Slotblech befindliche Kühler aus Kupfer gefertigt werden.

Dieses Konzept geht mit der 6990 nicht mehr auf, und so musste AMD den nun 70 statt 65 Millimeter durchmessenden Lüfter in der Mitte der Grafikkarte platzieren. Der große Nachteil: Rund die Hälfte der erwärmten Luft wird in den Rechner geblasen. Zusammen mit den 30,5 Zentimetern Länge - die sich gegenüber der 5970 nicht verändert hat - erfordert das ein gutes Kühlkonzept für den PC. Ein Frontlüfter, dessen Strom auf die Grafikkarte gerichtet ist, wäre dabei kontraproduktiv.

AMD rät nachdrücklich dazu, eine 6990 nicht zu zerlegen. Statt Wärmeleitpaste kommt auf den Kühlkörpern ein Phase-Change-Material zum Einsatz. Dieses Wärmeleitpad verschmilzt bei erster Verwendung der Grafikkarte mit dem Heatspreader und dem Kühler, ein Prozess, der nicht umkehrbar ist. Ähnlich sind auch einige Boxed-Kühler von AMDs und Intels Prozessoren bestückt.

Wird ein solches Pad entfernt, muss es durch Wärmeleitkleber oder -paste ersetzt werden. Die Phase-Change-Pads sind aber laut AMD effektiver als solche Lösungen. Immerhin acht Prozent bessere Wärmeleitfähigkeiten soll das neue Pad gegenüber dem Material auf der 5970 aufweisen. Das klingt nach wenig, macht aber laut Devon Nekechuk den Unterschied zwischen 97 und 90 Grad für die GPUs aus. Und die Finnen der Kühler dürfen nun wieder aus Alu sein. Gegenüber den 1.205 Gramm einer 5970 wiegt die 6690 aber nur 55 Gramm weniger.

Die Abwärme einer Radeon HD 6990 ist enorm. Nach einer halben Stunde mit dem GPU-Quälgeist Furmark 1.80 erreicht der Luftstrom an der Slotblende rund 64 Grad. Der größere Auslass am anderen Ende der Karte kommt durch schnellere Verteilung der Luft auf rund 55 Grad. Und auch die Kabel unseres Be-Quiet-Netzteils mit 850 Watt erwärmen sich zehn Zentimeter von der Karte entfernt dabei auf über 40 Grad. Das ist zwar weder für die Isolierung noch für die Stecker bedenklich, aber doch ein bisher seltener Effekt.

Alle Kniffe zum Bau einer Grafikkarte mit über 300 Watt hat AMD aber wohl kaum selbst herausgefunden. Unternehmen wie Asus mit seiner Ares haben hier Pionierarbeit geleistet. Angesichts der von Asus Mitte 2010 dafür aufgerufenen 1.199 Euro wirkt AMDs Preisempfehlung von 629 Euro schon fast günstig.

AUSUM, Tessellations- und Texturoptimierung

Das mit Radeon 6970 und 6950 eingeführte Dual-BIOS nutzt AMD bei der 6990 anders. Statt einem nicht vom Anwender veränderbaren BIOS und einem für Experimente gibt es zwei vom Hersteller gefüllte Speicher. Einer sorgt für den Betrieb innerhalb der elektrischen Spezifikationen mit 830 MHz und 1,12 Volt für die GPU bei nicht mehr als 375 Watt. Das zweite BIOS schaltet 880 MHz, 1,175 Volt und ganze 450 Watt frei - in Spitzen gibt auch AMD 500 Watt für die Grafikkarte an.

Der winzige Schalter dafür sitzt wie gehabt beim Crossfire-Anschluss, ein Kugelschreiber mit eingezogener Mine hat sich dafür als Bedienelement bewährt. Für den Schalter hat sich ein besonderes Marketinggenie bei AMD dem Codenamen der Karte, Antilles, folgend eine Abkürzung überlegt. AUSUM steht für "Antilles Switch for Uber Mode", sprich: "awesome". Ob über 100 Watt mehr für höchstens acht Prozent mehr Spieleleistung wirklich so "toll" sind oder es nur um den Spaß am Übertakten geht, bleibt die große Frage. AMD bezeichnet den Modus auch als "6990 OC", wir verwenden diesen Namen auch in den Benchmarkdiagrammen. Durch Umlegen des AUSUM-Switchs geht laut AMD die Garantie verloren.

Das tolle Schalterchen ist nur eine der vielen neuen "Ja, aber..."-Funktionen, mit denen AMD seinen Grafikkarten inzwischen auf die Sprünge hilft. Dazu zählt auch die in den deutschen Treibern Oberflächenoptimierung genannte Funktion, die Texturen mit leicht verminderter Qualität berechnet, was in der Regel kaum auffällt - bis es zu echten Fehlern kommt. Ein weiterer solcher Fall ist Powertune und nun auch AMDs eigene Behandlung der Tessellation.

Diese Kernfunktion von DirectX-11 steht nun im Treiber standardmäßig auf "AMD Optimized", weil die AMD-GPUs tendenziell schwächere Tessellationsleistungen als die Nvidia-Bausteine besitzen. Wie die Tessellationsbeschränkung der Catalyst-Treiber und die Texturoptimierung zusammenwirken, legen Anwendungsprofile fest, "CAP" für "Catalyst Application Profile" genannt. Die CAPs sollen auch zwischen den monatlichen Treiberupdates erscheinen, wenn gerade ein neues Spiel auf den Markt kam. Die jeweils aktuellen Änderungen der CAPs hat AMD bei Google Docs als "Update Tracker" hinterlegt.

Wer bei so vielen Eingriffen in die Behandlung der Grafikbefehle eines Spiels Mogelei vermutet, kann im Treiber sämtliche Optimierungen abschalten - oder selbst nachmessen. Wie sich am Beispiel des Benchmarks Heaven 2.0 von Unigine zeigt, begrenzt AMD hier als "Optimized" die Tessellation auf vier Schritte. Das Programm kann mehr, die Bildraten brechen schon bei sechsfacher Tessellation aber deutlich ein - und die Bildqualität steigt kaum noch. Wir belassen für die bewerteten Benchmarks die Einstellungen auf den vorgegebenen Werten des Treibers.

Nachtrag vom 11. März 2011, 18:15 Uhr:

Der Regler "Ebene" für die Tessellations-Optimierung hat einen Bug. Die dort vorgenommene Einstellung bleibt erhalten, auch wenn danach "AMD optimized" aktiviert wird. Für Heaven 2.0 gibt es noch kein Anwendungsprofil, daher bleibt die Einstellung auch nicht wie im Diagramm gezeigt auf 4x beschränkt. AMD hat den Fehler bereits bestätigt, die Hintergründe finden sich in einer aktuellen Meldung.

Testsystem und Verfahren

Als Antrieb für die Grafikkarten kommt unsere Testplattform für Grafikkarten zum Einsatz. Als Mainboard dient das Asus P6T Deluxe 1.0 mit X58-Chipsatz und einem Core i7 975 mit 3,33 GHz nominalem Takt. 6 GByte DDR3-1.333-Speicher von Corsair werden von Windows 7 Ultimate in der 64-Bit-Version voll genutzt.

Das Netzteil, ein Dark Power Pro von BeQuiet mit 850 Watt Nennleistung, blieb auch für die 6990 unverändert, es ist mit Zertifizierung nach 80+ recht effektiv - kleinere Netzteile können jedoch auch insgesamt geringere Leistungsaufnahmen ergeben. Intels SSD-X25 lieferte die Daten, eine Barracuda ES.2 von Seagate diente für Patches und Images.

Die Spieletests führen wir in der praxisnahen Einstellung mit achtfacher anisotroper Filterung und vierfachem Antialiasing durch. Höhere Einstellungen bringen beim Spielen auf hochauflösenden Monitoren mit 24, 27 oder 30 Zoll nur geringe Verbesserungen der Bildqualität. Einige synthetische Benchmarks wie "Heaven" geben ein Abschalten des Antialiasing vor, da sonst die Werte noch niedriger werden. Wir haben deshalb diese Einstellung beibehalten.

Um die Grafikkarten zu fordern, wird der Lasttest mit 3DMark Vantage bei 16xAF und 8xAA durchgeführt (Voreinstellung "Extreme"), das Warten auf den Bildaufbau (VSync) ist bei allen Tests per Treiber ausgeschaltet. Die Einstellungen für die Filterfunktionen finden sich auch stets in den Bildunterschriften der Diagramme.

Wir unterscheiden bei den Diagrammen nach Programmen für DirectX-10 und solchen für DirectX-11. Bei den Spielen mit DirectX-11-Funktionen werden nur die Grafikkarten getestet, welche diese Schnittstelle auch unterstützen.



Synthetische Benchmarks und Tessellation

Der synthetische Test von 3DMark Vantage - wir bewerten den GPU-Score - arbeitet mit fast allen Effekten von DirectX-10. Da sich die Grafikroutinen des Programms seit Erscheinen nicht verändert haben, kann hier mit Treiberoptimierungen herumgespielt werden, was aber beide Hersteller beherrschen. Knapp mehr als 40 Prozent Mehrleistung von einer zu zwei GPUs sind mit den Betatreibern für die 6990 aber noch nicht drin.

Der neue 3DMark 11 arbeitet mit DirectX-11, aufgrund des kurzen Testzeitraums konnten nur die neuesten Karten damit vermessen werden. 6970, 6950 und GTX 570 liegen eng beisammen, in der Einstellung "Extreme" kann die 6970 aber auch die 570 klar schlagen. Die Skalierung der 6990 ist hier mit über 70 Prozent viel besser als beim älteren 3DMark - hier hat AMD also schon kräftig optimiert.

Seit seinem Erscheinen ist Heaven von Unigine das Aushängeschild für die DirectX-11-Funktion der Tessellation. Nvidia hatte vor dem Marktstart der GTX 480 stets betont, AMD in diesem Punkt überlegen zu sein. Seit Heaven 2.0, den wir für bessere Vergleichbarkeit noch verwenden, kann der Grad der Tessellation auch bestimmt werden, auch wenn die Einstellung "Extreme" dutzendfache Unterteilungen vornimmt, die bisher kein Spiel verwendet.

Die verbesserten Tessellatoren der Serie Radeon 6900 wirken sich deutlich aus, ebenso wie die höhere Geometrieleistung - sie liegt ohne Tessellation fast auf dem Niveau der GTX 580. Diese bricht aber bei aktivierter Unterteilung bei weitem nicht so stark ein. Dennoch ist die 6990 hier so schnell, dass der Abstand zu Nvidias bisher Schnellster deutlich ausfällt. Heaven ist im Übrigen kein rein theoretischer Benchmark, Unigine zufolge befinden sich über 20 Spiele mit dieser Engine in der Entwicklung.



DirectX-10: Crysis und Far Cry 2

Zwei der grafisch eindrucksvollsten Shooter aus der DirectX-10-Ära müssen zeigen, was sie mit modernen Grafikarchitekturen zu leisten imstande sind. Der Benchmark-Klassiker Crysis, für den es bei vollem Detailgrad zum Erscheinungstermin nötig war, zwei GPUs zu verwenden, skaliert noch immer nicht ideal mit mehr Grafikleistung. So kann auch die 6990 hier nur wenig von der zweiten GPU profitieren.

Far Cry 2 kann wesentlich besser mit mehr GPU-Power umgehen. Das Spiel ist sogar so schnell, dass bereits Karten der Mittelklasse für hohe Auflösungen mit Filterfunktionen ausreichen. Die Serie 6900 ist mit diesem Spiel deutlich schneller geworden, dennoch harmoniert es immer noch besser mit Nvidia-Karten. Bei rund 140 Bildern pro Sekunde wird Far Cry 2 aber nicht mehr schneller, so dass die Benchmarks fast unabhängig von der Auflösung sind.



DirectX-10: Call of Duty MW 2 und Anno 1404

Zwei aktuellere Titel mit DirectX-10 dienen dem Vergleich der Leistung bei 1.920 x 1.200 Pixeln, also auf den inzwischen sehr günstig gewordenen 24-Zoll-Monitoren. Bei Call of Duty verwenden wir dafür eine Sequenz am Anfang der Mission "Teamspieler", die hohe Bildraten liefert - diese können sich im weiteren Verlauf des Spiels aber auch halbieren.

Auch dafür sind die getesteten Grafikkarten aber schnell genug; wie viele "The way it's meant to be played"-Spiele ist auch Call of Duty MW2 auf Nvidia-Karten viel schneller als auf AMD-Geräten. Nur rund zehn Prozent schneller ist die 6970 als die 5870, und mit zwei Grafikprozessoren kommen immerhin noch knapp 30 Prozent Mehrleistung hinzu.

Umgekehrt ist die Leistung mit Anno 1404. Das Spiel, das bei Veröffentlichung auf AMD-Karten schwere Bildfehler produzierte, ist inzwischen auf diesen Geräten schneller als bei Nvidia-Karten - auch als die 580. Da dieser Titel aber insgesamt nicht sehr fordernd für die Grafikkarte ist, reichen auch günstige Modelle aus.



DirectX-11: Stalker - Call of Pripyat und Dirt 2

In der Einstellung "Ultra" ist das dritte Stalker-Spiel - das an den ersten Teil anschließt - eine moderne Grafikdemo im typischen Stil der russischen Entwickler. Als einer der ersten DirectX-11-Titel wurde das Programm auf AMD-Grafikkarten entwickelt, was der Chiphersteller inzwischen auch bestätigt hat.

Das zeigt sich deutlich: Das Spiel ist auf der 5870 etwas schneller als mit der GTX 480, die 580 gewinnt aber auch hier. Wie schwer es mit der eigenwilligen Engine von Stalker ist, mehrere GPUs anzusprechen, zeigt das Drittel an Mehrleistung, das die zweite GPU der 5970 bringt. Immerhin 40 Prozent mehr durch den zweiten Grafikchip sind es bei der 6990, deren Treiber offenbar schon besser optimiert sind.

Dirt 2, eines der immer noch am besten aussehenden Rennspiele, skaliert sehr gut mit Grafikleistung. Die Entwickler nutzten dafür mit DirectX-11 unter anderem Physik, Partikelsysteme und Tessellation für Wasser und Zuschauer. Bei geringer Auflösung ist die Radeon 6970 hier mit ihren hohen Takten und mehr Dreiecksperformance Sieger unter den AMD-Karten mit einer GPU, unschlagbar bleibt aber die GTX 480 und erst recht die 580 mit ihrer hohen Tessellationsleistung. Die Radeon 6990 skaliert besser als bei vielen anderen Tests und ist bei höheren Auflösungen den Nvidia-Karten deutlich überlegen.



Leistungsaufnahme jenseits von Gut und Böse

An der schon seit der Serie 5000 guten niedrigen Leistungsaufnahme der Radeon-Karten auf dem Windows-Desktop hat sich nichts geändert. Die Karten sind zudem dabei fast unhörbar. Die 6970 fordert mit dem Rest des PCs genau die 110 Watt, die schon die 5870 aufnahm. 15 Watt mehr als die 6970 braucht die 6990 in der Praxis.

Die zweite GPU ist bei 2D-Anwendungen zwar aus, aber der PCIe-Bridge-Chip von PLX, der die beiden Grafikprozessoren verbindet, bleibt an. Daher gibt AMD 37 Watt Idle-Power für die 6990 an, die 6970 mit einer GPU braucht nur 20 Watt. Das soll auch für den OC-Modus gelten - bei unseren Messungen waren es reproduzierbar stets sieben Watt mehr.

Anders sieht das mit 3D-Anwendungen aus, für die wir den zweiten Grafiktest in der "Extreme"-Einstellung des 3DMark Vantage wegen perfekter Reproduzierbarkeit heranziehen. Mit 403 Watt für den gesamten Rechner setzt die 6990 einen neuen Negativrekord. Für höchstens acht Prozent mehr Spielleistung im OC-Modus sind dann nochmal 61 Watt oder 15 Prozent mehr Strom nötig - kein gutes Verhältnis.

Das zeigte sich auch beim Spielen mit der 6990, wenn auch die CPU mehr als bei 3DMark Vantage gefordert wird. Um 450 Watt nimmt der PC mit dieser Grafikkarte in der Praxis auf, selbst wenn die Karte innerhalb ihres 375-Watt-Limits betrieben wird.

Wie sehr die Lasten schwanken können, zeigt der Worst-Case-Test mit Furmark 1.80. Da inzwischen sowohl AMD als auch Nvidia hier die Leistung drosseln, geben wir die Werte in den vom Hersteller vorgegebenen Einstellungen an.

Hohe Lautstärke und träge Lüfterregelung

Die Radeon HD 6990 kann im offenen Modus nach einigem Warmlaufen konstant 626 Watt in Wärme und Pixel umsetzen. Das sind 173 Watt mehr als AMDs Dual-GPU-Karte Radeon 5970 vom vergangenen Jahr. Selbst wenn die 6990 auf 375 Watt begrenzt wird, knackt das System die 500-Watt-Grenze. Das zeigt auch, wie eng die Grafikkarten mit zwei Prozessoren ausgelegt sind: Die 56 Watt mehr als die 5970 machen schon den Schritt zu zwei achtpoligen Stromports aus.

Selbst die 6970 ist mit 340 Watt knapp stromhungriger als die GTX 580, AMD hat das letzte Quäntchen Rechenleistung auf Kosten der Leistungsaufnahme aus dem Chip gequetscht, was sich mit der 6990 noch deutlicher zeigt. Die 6950 ist mit 286 Watt wesentlich sparsamer, unter den Mittelklassekarten ist die 6850 mit 241 Watt unter schlimmsten Bedingungen die wesentlich vernünftigere Alternative.

Wie schon im Video zum Geräuschvergleich zwischen GTX 480 und Radeon 5870 gezeigt, unterscheidet sich der Eindruck der Lüfter von AMD und Nvidia auch bei den neuen Radeons deutlich. Sie zeigen unter Last ein eher metallisches Geräusch mit hohem Obertonanteil, alle Geforce-Karten fallen durch ein gleichmäßiges Rauschen auf.

Das gilt erst recht für die 6990. Schon ohne Last ist die Karte deutlich zu hören, unter Last mit Spielen wird sie dann sehr laut. Wird der Lüfter über den Treiber auf volle Drehzahl geschaltet - was auch ohne 3D-Anwendung schon die Leistungsaufnahme um über 30 Watt steigert -, ähnelt das Geräusch einem Staubsauger. Die Verwirbelungen an den beiden Luftauslässen sind sehr unterschiedlich, so dass ein breiteres akustisches Frequenzband entsteht, das sich von den meisten anderen Grafikkarten deutlich unterscheidet. Technikfans erkennen eine Radeon 6990 sicher bald ebenso schnell am Geräusch wie eine Geforce 480, die ebenfalls charakteristischen Krach von sich gibt.

Wie sehr das Kühlsystem trotz aller Tricks mit den bis zu 500 Watt und den zwei getrennten Heatsinks der Karte kämpft, zeigt auch, dass der Lüfter nach hohen Lasten wie Furmark bis zu einer halben Minute braucht, um wieder deutlich leiser zu werden. Wird die vollständig abgekühlte 6990 sofort mit rechenintensiven Anwendungen konfrontiert, schaltet das Gebläse nach rund einer Minute spontan auf eine viel höhere Drehzahl als vorher.

Fazit

AMD wollte die schnellste Grafikkarte der Welt bauen, und das ist nur mit Überschreitungen von Spezifikationen gelungen. In hochwertigen Umgebungen - und mit zertifizierten Netzteilen und Kabeln - läuft die Radeon HD 6990 dennoch zuverlässig. Wie hoch der Aufwand ist, zeigt der Vergleich der High-End-Karten zum Markstart: Die Radeon HD 5970 kostete zu Beginn 559 Euro, für die 6990 werden jetzt 70 Euro mehr verlangt - falls sich die Händler daran halten. Der Vorsprung zur Konkurrenz ist nicht so hoch, dass das gerechtfertigt wäre.

Auch die Leistungsaufnahme sprengt jeden Rahmen der Vernunft, selbst für ein High-End-Gerät. Das gilt besonders für den OC-Modus, der kaum spürbare Verbesserungen in der 3D-Leistung bringt, aber nochmals bis zu 117 Watt mehr fordert. So viel Leistung saugen auch die meisten Gamingnotebooks nicht aus der Steckdose und aus dem Geldbeutel.

Zudem ist die Leistung aller Grafikkarten jenseits von 250 Euro derzeit so hoch, dass sie auch bei hohen Auflösungen nur von extremen Filtereinstellungen gebremst werden können. Das bringt aber kaum merkliche Vorteile in der Bildqualität beim Spielen. Auf Screenshots fallen die Unterschiede deutlicher auf als im bewegten Bild.

Wofür solche Geräte noch dienen sollen, zeigt AMD selbst mit der Schnittstellenausstattung von vier Mini-Displayports und einem DVI-Anschluss: Erst Multi-Display-Setups fordern solchen Grafikkarten. Dafür werden drei Single-Link-Adapter beigelegt. Wer noch einen hinzukauft, kann auf 5.400 x 1.920 Pixeln spielen, denn die 6990 unterstützt erstmals bei Eyefinity auch fünf Monitore im Hochkantformat.

Dass aus der 40-Nanometer-Fertigung bei TSMC derzeit nicht mehr innerhalb eines vernünftigen Rahmens der Leistungsaufnahme zu holen ist, kann AMD nicht angekreidet werden. Nvidia hat aber mit der stark überarbeiteten GTX 580 gezeigt, dass dieses Problem zu bewältigen ist. Und so will der AMD-Konkurrent nach unbestätigten Angaben noch im März 2011 zum Gegenschlag ausholen: Die GTX 590 mit zwei GTX-570-GPUs soll die 6990 schlagen.

Wenn sie deutlich sparsamer und schneller als das Radeon-Flaggschiff wird, bleiben AMD nur massive Preissenkungen. Vielleicht ist die 6990 auch deshalb jetzt so teuer - das Zeitfenster für einen erfolgreichen Verkauf ist äußerst schmal.  (nie)


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