Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1103/81945.html    Veröffentlicht: 07.03.2011 16:56    Kurz-URL: https://glm.io/81945

Egyleaks

Ägypter kämpfen um Archive der Staatssicherheit

Ägyptens Geheimpolizei versucht, ihre Archive zu vernichten. Demonstranten wollen sie sichern und stellen gefundene Akten ins Netz. Es geht auch um Deutsche.

Was derzeit in Ägypten geschieht, erinnert an das Ende der DDR. Mit einem Unterschied: Heute gibt es das Internet. Demonstranten haben in Kairo das Hauptquartier der ägyptischen Staatssicherheit Amn al-Dawla gestürmt. Und sie sind dabei, die Dinge, die sie dort finden, ins Internet zu stellen.

So gibt es bei Youtube Videos aus den dortigen Büros und den Gemächern des ehemaligen Innenministers, die vergoldete Wasserhähne und holzgetäfelte Salons zeigen.

Vor allem aber gibt es Bilder von Dokumenten und Akten. Bei Facebook und bei Flickr tauchen unter dem Stichwort "EgyLeaks" mehr und mehr Fotos von Papieren auf, die Demonstranten in dem Gebäudekomplex entdeckt haben. Auch in anderen ägyptischen Städten versuchen Demonstranten, in Gebäude der Sicherheitspolizei einzudringen, nachdem es Gerüchte gab, die Beamten seien dabei, die Archive zu vernichten.

Der derzeit das Land regierende Armeerat hat bereits dringend darum gebeten, die Akten zurückzugeben, sie nicht zu veröffentlichen oder an Medien weiterzuleiten. Begründet wurde der Aufruf mit der Sorge um die nationale Sicherheit.

Nach dem, was bislang öffentlich geworden ist, müssen sich die Reste der alten Elite jedoch eher um ihre eigene Sicherheit sorgen. Denn die Demonstranten berichten vor allem von Folterinstrumenten, die sie finden, von Beweisen über gefälschte Wahlen und von Belegen dafür, wie die Opposition im Land jahrelang bespitzelt und unterdrückt wurde.

Auch eine Verbindung zu Deutschland gibt es. So belegt ein Dokument mit dem Aufdruck 'streng geheim' (PDF) , dass deutsche Technik dabei helfen sollte, die Computer und die Internetverbindungen der Ägypter auszuspähen. Eine Firma namens Gamma, die auch in München eine Niederlassung hat, soll demnach das Spähprogramm "Finfisher" in einer Testversion geliefert haben. Die Abteilung Technologie und Information der Staatssicherheit listet in der Akte auf, was dieses Programm alles kann: in elektronische Briefkästen eindringen, Webmaildienste überwachen, Skypetelefonate mitschneiden. Datiert ist das Schriftstück auf den 1. Januar 2011.

Zum Teil schon im Reißwolf

Die ägyptische Sicherheitspolizei war berüchtigt für Überwachung und Folter, sie soll auch Regime-Gegner ermordet haben. Eine Forderung der Demonstranten auf dem Kairoer Tahrir-Platz war daher die Auflösung der Staatssicherheit. Die jetzigen Funde scheinen die Gerüchte zu belegen.

Am Wochenende waren in Gebäuden der Polizei in Kairo und anderen Städten Brände ausgebrochen; es gab Meldungen, dass sie von den Beamten selbst gelegt worden waren. Daraufhin begann der Sturm auf die Archive, der an die Erstürmung der Zentralen des Ministeriums für Staatssicherheit 1989 in der DDR erinnert.

Vor allem via Twitter verbreiteten sich am Wochenende die Nachrichten über diese Erstürmungen. Ebenso Botschaften, in Kairo und Alexandria wehrten sich Geheimpolizisten gegen die Erstürmungen und schössen auf Demonstranten.

Zum Teil kamen die Demonstranten zu spät. Ein Video zeigt, wie sie durch Berge geschredderter Akten steigen.

Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Club, forderte in seinem Blog bereits, Deutschland solle den Ägyptern sein anhand der Stasiakten erworbenes Wissen kostenlos zur Verfügung stellen. Das könne dabei helfen, die Akten wieder lesbar zu machen und damit schnell eine Aufarbeitung ermöglichen. [von Kai Biermann/Zeit Online]  (jg)


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