Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1103/81906.html    Veröffentlicht: 04.03.2011 14:03    Kurz-URL: https://glm.io/81906

Interview

"Der Equalizer fürs eigene Hirn" (Update)

EEG-Headsets wie die von Neurosky könnten Videospiele revolutionieren - aber nicht, weil sie zur Spielsteuerung verwendet werden. Der Psychologe Axel Kowalski erklärte in Hannover, wie die Technik mit Biofeedback zu mehr Ruhe und Konzentrationsfähigkeit verhelfen kann.

Auf der Cebit hat das US-Unternehmen Neurosky Vorserienmodelle seines neuen EEG-Headsets Mindwave präsentiert - und war von Fernsehteams umlagert. Denn der Mythos ist verbreitet, dass mit dem Auswerten von Gehirnwellen Maus oder Gamepad ersetzt werden können. Gamer äußerten in Foren die wildesten Vorstellungen, sagte der Psychologe Dr. phil. Axel Kowalski. Dabei geht es ihm darum, Menschen mit der Technik zu mehr Ausgeglichenheit zu verhelfen. Golem.de traf ihn am Stand von Neurosky, wo er die unter seiner Leitung entwickelte Software „Haus der Aufmerksamkeit 1.0" präsentierte, die das Mindwave-Headset für einfaches Biofeedback-Training verwendet. "Bei Biofeedback geht es darum, Hirnwellenparameter selbstständig zu trainieren", erklärte Kowalski.

Für eine komplexe Spielsteuerung oder das Erkennen des Gemütszustands ist auch das Mindwave nicht geeignet, wie Neurosky und Kowalski bestätigen. Das EEG-Headset kann jedoch dazu genutzt werden, die Hirnwellenmuster zu erkennen, die durch Neuronenaktivität entstehen. Durch eine "ganz einfache Technik" könne man aus dem Signal herauslesen, "wie viele Nervenzellen arbeiten, wie viele davon ganz langsam und wie viele mittellangsam" seien, sagte Kowalski. Durch verschiedene Hirnwellenparameter lasse sich ermitteln, wie entspannt oder angespannt jemand gerade ist - und wie es um die Konzentration bestellt ist. Diese Werte würden auch für neurologische Befunde verwendet.

Die verschiedenen Hirnwellenparameter können beim Biofeedback dazu verwendet werden, das eigene Gehirn auf bestimmte Zustände zu trainieren. Es funktioniert ähnlich, wie wenn man sich in angespannten Situationen entspannende Urlaubserinnerungen ins Gedächtnis ruft. Das lässt sich mit der von Kowalski präsentierten Windows- und iPhone-Software in Verbindung mit dem Mindwave trainieren - eine einfache Version des Biofeedback-Trainings, das sonst in der Therapie und in der Medizin genutzt wird, etwa um Konzentrationsschwäche, Stresserkrankungen und Migräne zu behandeln.

Kowalski zufolge bringt das "wesentliche Symptomverbesserungen bei Migräne, bei allen Störungsbildern, die irgendwie mit Anspannung assoziiert sind, also Stress, oder bei Aufmerksamkeitsstörungen." Gerade Männer seien häufig von Stresserkrankungen betroffen und könnten mit einem technischen Gerät, das ihnen konkrete Daten zeige, oft mehr anfangen als zum Beispiel mit Psychotherapie.

"Männer bekommen hier etwas, was sie sehen können. Das heißt, die gehen nicht zu irgendeinem Psychologen, der ihnen dann sagt: 'Ja, wie ist denn das mit ihrer Kindheit gewesen' und in deren Vergangenheit herumfummelt", erklärt der Psychologe. Sie erhielten vielmehr einen Wert und die Ansage: "Versuch den mal herunterzukriegen!"

Selbstbetrug mit Muskelbewegungen

Damit die Hirnwellenmuster nicht durch Gesichtsmuskelbewegungen beeinflusst werden können, sollte der EEG-Sensor am Haaransatz und nicht direkt auf der Vorderstirn sitzen, sagte Kowalski. Auf der Webseite von Neurosky ist das fälschlicherweise nicht der Fall, dort sitzen die Sensoren direkt auf den Stirnen der lächelnden Mindwave-Träger. Damit würde man jedoch unbewusst oder bewusst die Ergebnisse verfälschen, etwa mit Stirnrunzeln, erklärt Kowalski. Das sei unabhängig von der Sensorplatzierung auch mit Kaubewegungen möglich.

Die Biofeedback-Software für das Mindwave ermöglicht es jedoch, mehrere Hirnwellenparameter festzulegen, um Beeinflussungen zu minimieren. So müssen die Nutzer beispielsweise gleichzeitig die Theta-Werte runter- und die Beta-Werte hochtrainieren - laut Kowalski etwas, das jeder vom Equalizer an der Stereoanlage zu Hause kennt: "Sie kaufen sich eine neue CD, sitzen davor und denken: 'Boah, das klingt ja total matschig, dreh ich doch mal die Bässe rein'." Mit dem Neurofeedback bekämen Menschen "die Fernsteuerung von ihrem eingebauten Equalizer" in die Hand gedrückt, um selbstständig die Frequenzen zu regulieren.

Die Theta-Paramater stehen dabei laut Kowalski für Unaufmerksamkeit, Tiefschlaf oder auch Entspannung, die Beta-Parameter hingegen für Aufmerksamkeit. Sind die Werte im gewünschten Bereich, wird das Video eines laufenden Roboters in der Windows- und iPhone-Software ruckelfrei wiedergegeben.

Biofeedback als Chance - auch fürs Gaming

Laut Kowalski geht es darum, Entspannungssituationen zu erzeugen. Wer etwa als Spinnenphobiker so weit ist, sich mit den Reizen zu konfrontieren, könne auf dem Display ein Spinnenvideo angezeigt bekommen. Und dann trainieren, trotzdem ruhig zu bleiben. Das sei keine Zukunftsmusik, sagte Kowalski. Menschen könnten mit Biofeedback lernen, wie sie Reize bewerten und sich letztlich von ihnen befreien.

Auch wenn günstige EEG-Headsets für den privaten Einsatz kein Ersatz für Maus, Tastatur oder Gamepad werden, könnten sie dabei helfen, Spiele zu entwickeln, bei denen Konzentration geübt wird. Bisher verleiten Spiele laut Kowalski eher dazu, auf möglichst viele Reize zu reagieren und Konzentrationsschwächen zu fördern. Das lässt vermuten, dass EEG-Headsets mit Biofeedback-Erkenntnissen das Gaming doch noch revolutionieren könnten.

Update vom 9. März 2011, 11 Uhr

Die von Kowalski präsentierte Software wird nicht mit dem Mindwave ausgeliefert. Nach Angaben des Herstellers wird „Haus der Aufmerksamkeit 1.0" ab April für 89,- Euro im Handel erhältlich sein. Ab Mai 2011 sollen Softwareversionen verfügbar sein, die Therapeuten für Trainingseinheiten mit Patienten nutzen können.  (ck)


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