Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1103/81904.html    Veröffentlicht: 08.03.2011 12:06    Kurz-URL: https://glm.io/81904

3DS

Nintendos Neuer im Importtest

Er ist das erste Produkt für den Massenmarkt, das stereoskopisches 3D ohne Brille bietet: Golem.de hat einen Nintendo 3DS aus Japan importiert und trotz kryptischer Schriftzeichen die ersten Runden in Renn- und Prügelspielen bestanden.

Es kommt nicht oft vor, dass eine neue Konsolen- oder Handheldhardware tatsächlich etwas fundamental Neues bietet. Meist gibt es mehr Grafikleistung, eine höhere Auflösung und ein überarbeitetes Design. Beim 3DS ist das anders: Der Handheld sieht auf den ersten Blick aus wie sein Vorgänger DS. Auch die Grafik ist kaum schöner - aber dafür tiefer. Das Gerät kann stereoskopisches 3D darstellen, ohne dass der Spieler eine Brille tragen muss. Eine echte Innovation also - aber sorgt sie auch für mehr Spielspaß? Um diese Frage schon vor dem deutschen Marktstart am 25. März 2011 beantworten zu können, hat Golem.de eine Verkaufsversion aus Japan importiert, wo das Gerät bereits Ende Februar in den Handel gekommen ist.

Stereoskopie ist ausschließlich auf dem oberen Bildschirm möglich, der eine Diagonale von 3,53 Zoll und eine Auflösung von 800 x 240 Pixeln bietet - also 400 x 240 Pixel für jedes Auge. Der untere Bildschirm dient wie beim klassischen DS als Touchpad, er bietet 320 x 240 Pixel auf 3 Zoll.

Der 3D-Tiefeneffekt

Der 3D-Effekt hat im Test sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Die meisten Tester kamen vom Start weg problemlos damit klar, einige Personen erlebten jedoch das stereoskopische Bild im ersten Moment als anstrengend für die Augen. Ausgerechnet ein Augenarzt, dem wir das Gerät zur Begutachtung ebenfalls in die Hand gedrückt haben, hatte den Eindruck, dass er beim 3D-Sehen zum Schielen gezwungen wird. Er musste den Tiefeneindruck mit Hilfe eines seitlich angebrachten Schiebereglers auf die Hälfte reduzieren, dann waren Bild und Effekt aber bestens. Menschen, die die räumliche Tiefe nicht sehen konnten - die es im Kino durchaus gibt -, waren nicht unter unseren Testern.

Bei längeren Partien in Spielen scheint sich das erste Gefühl der Anstrengung, falls es ausgeprägt ist, schnell zu legen. Nach einer längeren Partie etwa mit dem Rennspiel Ridge Racer kam uns die künstliche Tiefe erstaunlich normal vor. Wenn wir dann den 3D-Regler ganz runterzogen und wieder ein normales 2D-Bild hatten, fanden wir das viel weniger attraktiv, sondern platt und fast langweilig. Das stereoskopische 3D hat also durchaus einen längerfristigen Reiz, der über den ersten Aha-Effekt hinausgeht. Allerdings muss der Spieler das Gerät sehr ruhig halten, denn wer nicht in der richtigen 3D-Position ist, sieht Bildfehler.

Auch Entwickler müssen noch 3D lernen

Auch Spielentwickler müssen wohl erst lernen, den Effekt gezielt und sinnvoll einzusetzen. Während er in einem Rennspiel ganz natürlich wirkt, sieht er in der 3D-Ausgabe des an sich gut gemachten Street Fighter 4 manchmal künstlich aus. Während die Kämpfer im gewohnten 2D-Modus wie in jedem Prügelspiel wirken, sehen sie mit 3D-Tiefe plötzlich aus wie kleine Kunststoffmännchen und -weibchen, die gerade aus einem Überraschungsei geschlüpft sind. Richtig störend fanden wir einige gezeichnete Personen im Hintergrund: Im 2D-Modus sind sie nur unauffällige Staffage, im 3D-Modus wirken sie plötzlich sehr präsent und lenken ab, sehen dabei aber ein bisschen wie Pappaufsteller aus.

Nintendo setzt den 3D-Effekt sparsam in Menüs ein. Wer beispielsweise auf dem unteren Touchpad die Optionen anwählt, bekommt zur Illustration oben einen sich dreidimensional drehenden Schraubenschlüssel angezeigt. Beim Antippen des Netzwerks unten ist oben der Schriftzug Nintendo Zone mit einer schick kreisenden 3D-Stadt zu sehen.

Neues Präzisionspad

Solange der 3DS ausgeschaltet ist, ist die sichtbarste Neuerung ein großer grauer Knubbel links neben dem unteren Bildschirm. Dabei handelt es sich um ein Schiebepad zur Präzisionssteuerung. Und tatsächlich: Wir haben das haptisch hervorragende Pad fast sofort anstelle des gewohnten Steuerkreuzes sowohl in Menüs als auch in Spielen verwendet. Neu ist auch eine Leiste mit hervorgehobenen Knöpfen, auf denen auch in der japanischen Version "Select", "Home" und "Start" steht. Interessant ist vor allem der Home-Button, der den Spieler zurück ins Hauptmenü bringen soll - was er allerdings je nach gerade aktuellem Modus nur etwas umständlich mit Rückfragen in Menüs macht.

Außerdem verfügt das Gerät über die vier bekannten Knöpfe plus zwei Schultertasten. Auf der Unterseite befindet sich der Schacht für die 3DS-Module, in die auch für den Vorgänger DS programmierte Spiele passen; eine deutsche Version des neuen Pokémon Schwarze Edition hat übrigens problemlos mit dem Importgerät funktioniert. Deutsche 3DS-Spiele werden nicht in ihm laufen. Der japanische 3DS ist nämlich regional beschränkt. An der linken unteren Seite findet der Spieler den Lautstärkeregeler sowie einen Schacht für SD-Karten, rechts ist ein Ein- und Ausschalter für drahtlose Netzwerke.

Schräge Knutsch-3D-Flug-Augmented-Reality

Der 3DS verfügt über eine Kamera über dem 3D-Screen, die den Spieler im Visier hat. An der Außenseite dahinter befinden sich zwei versetzt angebrachte Linsen, die zu einer 3D-Kamera gehören, mit der sich stereoskopische Fotos und Videos aufnehmen lassen. Nintendo verwendet diesen Modus in einem direkt im Handheld installierten, etwas albernen, aber grafisch nett gemachten Augmented-Reality-Spiel, bei dem kleine Fluggeräte mit einem aufgepappten Foto des Spielers in 3D durch den Raum zu fliegen scheinen. Wer die Mini-Helis um sich herum nicht abschießt, wird von den Fluggeräten gnadenlos in Grund und Boden geknutscht.

Die Angaben von Nintendo zur Laufzeit des Akkus haben sich bei unserem Test bestätigt. Unter Volllast scheint das Gerät zwischen drei und vier Stunden durchzuhalten. Für das Laden des Akkus müssen rund zwei Stunden am Netzteil eingeplant werden - wobei nach gut einer Stunde bereits drei von vier Ladebalken wieder gefüllt waren.

Die Verarbeitung des 3DS macht einen tadellosen Eindruck. Das Gerät wirkt solide und liegt prima in der Hand. Weniger schön: Der obere Bildschirm reflektiert stark - wie einige seiner Vorgänger taugt der Nintendo-Handheld bei ungünstigen Lichtverhältnissen ungeplant als Schminkspiegel.

Auch über einige neue Online- und Netzwerkfunktionen verfügt der 3DS. Diese bleiben, insbesondere aufgrund der japanischen Menüs, im jetzigen Test unberücksichtigt. Golem.de plant, diese Punkte in einem weiteren Artikel rechtzeitig vor Veröffentlichung der europäischen Version am 25. März 2011 unter die Lupe zu nehmen.

Fazit

Die Erfahrungen mit räumlicher Tiefe auf dem japanischen 3DS zeigen, dass Stereoskopie mehr als ein kurzfristig amüsanter Gag sein kann. Wer sich nach ein paar Minuten an den Effekt gewöhnt hat, findet das bislang gewohnte 2D-Bild richtiggehend platt und unattraktiv.

Davon abgesehen, ist der Import-3DS ein solide verarbeitetes, durchdachtes Gerät mit guter Steuerung - kein Wunder, schließlich hat sich Nintendo weitgehend an den bewährten Vorgängern orientiert. Immerhin ist das Schiebepad eine weitere kleine, aber sinnvolle Neuerung.  (ps)


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