Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1102/81458.html    Veröffentlicht: 16.02.2011 12:05    Kurz-URL: https://glm.io/81458

IMHO

Qt vor dem Abgrund

Allen Beteuerungen aus der Führungsetage zum Trotz gibt Nokia mit dem Meego-Projekt seine Unterstützung für Qt auf. Da hilft Schönreden so wenig wie die Durchhalteparolen der Qt-Entwickler. Für Qt gibt es nur eine Rettung.

Der Blogeintrag von Daniel Kihlberg - Leiter des Qt-Ökosystems bei Nokia - am Wochenende klang noch zuversichtlich und kämpferisch, das gestrige Posting von Aron Kozak, verantwortlich für das Web und die Community rund um Qt, ist weniger euphorisch: Qt für mobile Geräte sei noch nicht tot, schreibt er. Es werde in Symbian weiterleben.

Die Indizien dafür, die Kozak in seinem Blog aufzählt, klingen eher nach einem Abgesang als nach handfesten Aussagen. Er zitiert Rich Green, CTO bei Nokia, mit den Worten: "Nokia will Qt-Technologien in seinem Mobil-Telefon-Segment prüfen." Ein klares Bekenntnis klingt anders. "Wir sind immer noch große Fans von Qt", schreibt Green weiter. Solche Sätze fallen auf Beerdigungen.

Symbian nur als Franchise

Hoffnung für Qt schöpft Kozak aus der längerfristigen Unterstützung für Symbian, das Nokia nicht von heute auf morgen einstampfen kann. Der neue CEO Stephen Elop unterstrich auf dem Mobile World Congress 2011 in Barcelona, dass Nokia in den kommenden Jahren noch 150 Millionen Geräte mit Symbian verkaufen will, samt Qt-Technologie. Das mag nach einer ganzen Menge klingen, ist es aber nicht. Weder wurde ein Zeitrahmen genannt, noch ist klar, wie viele der Geräte Neuentwicklungen des mobilen Betriebssystems erfordern.

Und Nokias Verpflichtung gegenüber Microsoft, das in den kommenden Jahren mehrere Milliarden Dollar in den finnischen Konzern investieren will, wird die Umstellung auf Windows Phone 7 sicherlich beschleunigen. Elop hat bereits bestätigt, dass Symbian nur noch als Franchise-Plattform weitergeführt werden soll.

Qt-Abteilung verbreitet Durchhalteparolen

Kozak reagiert mit Mitgefühl auf die Kommentare von "skeptischen" und "frustrierten" Entwicklern, die unter Kihlbergs Blogeintrag ihren Unmut über die Umstellung auf Windows geäußert haben. "Dass wir unsere Smartphone-Strategie von Qt weg verlagern, frustriert diejenigen, die bislang in die Entwicklung von Qt auf mobilen Plattformen investiert haben. Wir fühlen mit und haben Verständnis."

Kozak betont nochmals, dass die Qt-SDK in Version 1.1 erscheinen soll, die erstmals mit der Qt-Quick-API für Touchscreens ausgestattet sein wird. Dass er keinen genauen Erscheinungstermin nennen kann, dürfte die Entwicklergemeinde nicht beruhigen, ebenso wenig wie die vielen Durchhalteparolen in seinem Posting, darunter: "Es ist noch zu früh für Schwarzmalerei."

Alle Hoffnungen liegen bei Intel

Den Qt-Entwicklern, die auf mobile Geräte gesetzt haben, bleibt also nur noch die Hoffnung, dass Intel und die Linux Foundation Meego erfolgreich vermarkten, denn der Konzern trägt bislang nur zu der Entwicklung von dessen Hardwareunterstützung bei. Intel hat an Meego ein berechtigtes Interesse, denn es unterstützt seine Chipsätze für mobile Geräte. Allerdings dürfte es dem Konzern auch nicht schwerfallen, das Projekt wegen Erfolglosigkeit wieder einzustampfen.

Wenn Qt weiterleben sollte, dann wohl eher als reines Open-Source-Projekt ohne Einfluss von Nokia. Wenn Qt bei Nokia überflüssig wird, wäre das durchaus denkbar. Trotzdem wird Qt künftig ohne Nokia eine enorme treibende Kraft fehlen.  (jt)


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