Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1102/81110.html    Veröffentlicht: 01.02.2011 12:13    Kurz-URL: https://glm.io/81110

IMHO

Was gegen Intels SATAgate jetzt zu tun ist

Der Fehler in Intels Chipsätzen für Prozessoren der Serie Core-i-2000 betrifft alle ausgelieferten Produkte: Mainboards, Desktop-PCs und Notebooks. Rückrufaktionen sind zu erwarten, Intel will dafür finanziell geradestehen. Endkunden und PC-Hersteller sollten aber mit Umsicht vorgehen.

Zwei Fehler darf ein IT-Produkt nie machen: Es darf keine falschen Daten liefern und es darf keine Datenverluste hervorrufen. Alles andere, Abstürze, Inkompatibilitäten, geringe Leistung, ist verzeihlich, wenn der Hersteller des Produktes offen mit solchen Schwierigkeiten umgeht und Lösungen schafft.

Intel hat den ersten dieser Fehler bereits 1994 gemacht, der zweite folgt nun. Damals traten falsche Daten in Form von inkorrekten Rechenergebnissen mit dem berüchtigten FDIV-Bug des ersten Pentium auf - jetzt kommen mögliche Datenverluste durch den Fehler in den Sandy-Bridge-Chipsätzen hinzu. Während Intel Ende 1994 und Anfang des folgenden Jahres monatelang Katz und Maus mit Presse und Kunden spielte, hat das Unternehmen nun aber schnell die Notbremse gezogen.

700 Millionen US-Dollar stehen bereit, um den Austausch der bereits ausgelieferten oder hergestellten Produkte für Sandy-Bridge-Prozessoren zu finanzieren. Dieser wird wie bei Nvidias fehlerhaften GPUs der Serien 8400 bis 8700 ablaufen: Die PC-Hersteller verlängern die Garantie, und die Kosten für Reparaturen reichen sie an Intel weiter. Nur: Dafür müssen die benötigten Verfahren erst geschaffen werden. Jetzt panisch bei seinem Vertragspartner anzurufen - der in Deutschland in der Regel der Händler ist -, bringt nichts.

Intel hat seine direkten Kunden, also die PC-Hersteller, nicht im Vorfeld über das Problem informiert. Die Entscheidung für das, was de facto eine Rückrufaktion der gesamten Chipsatzproduktion für Sandy Bridge ist, fiel nach Angaben von Intels Chef der Clientabteilung, Steve Smith, erst in der Nacht vor der Bekanntgabe der Aktion. Fest steht bisher nur: Intel will für den Bug geradestehen; wie der Austausch abgewickelt wird, ist Sache der PC-Hersteller.

Workaround: Nur zwei der SATA-Ports verwenden

Wer bereits ein Sandy-Bridge-System besitzt, kann bis zur Klärung der Modalitäten immerhin eines tun: nur die beiden Ports für 6-GBit-SATA verwenden. Diese sind laut Intel von dem Problem nicht betroffen. Das wäre auch für Notebookhersteller eine gute Nachricht, denn mehr als zwei SATA-Geräte (also Festplatte/SSD und optisches Laufwerk) besitzen nur die wenigsten Geräte.

Nur müssten die Kunden erst herausfinden, ob auch diese Ports für die verbauten Geräte verwendet wurden, und dann auch noch einem langlebigen Gerät wie einem Notebook trauen, von dem der Chiphersteller sagt, dass es mit mindestens fünfprozentiger Wahrscheinlichkeit in den kommenden drei Jahren Probleme macht.

Wo die SATA-Laufwerke angeschlossen sind, ließe sich eigentlich mit Intels Matrix-Storage-Tool (früher: Rapid Storage) herausfinden. Für die Serie-6-Chipsätze bietet Intel dieses Paket zwar noch nicht zum öffentlichen Download an, hat es aber den Testern der Plattform und PC-Herstellern zur Verfügung gestellt. Das Programm existiert also, es wird Zeit für Intel, es allgemein zugänglich zu machen. Zeigt es an, dass die Ports 0 und 1 verwendet werden, sind die Daten nicht gefährdet, der Fehler kann laut Intels bisherigen Angaben nur an den Ports 2 bis 5 auftreten.

PC-Hersteller müssen den Austausch sorgfältig planen

Der Anschluss der Laufwerke an die 6-GBit-Ports ist für Technikfans mit hochgezüchteten Desktop-PCs aber keine zufriedenstellende Lösung, sie brauchen mehr als zwei Laufwerke. Die heute beliebte Kombination aus einer kleinen und damit bezahlbaren Boot-SSD, einer großen Festplatte für die Daten und einem optischen Laufwerk braucht schon drei Ports. Sollen die Daten der Festplatten in einem RAID besonders sicher sein, sind schon mindestens vier gefordert.

Daher liegt es an den Herstellern von Mainboards, Desktop-PCs und Notebooks, ihre Kunden nun direkt anzusprechen und planbare Lösungsvorschläge zu machen. Das dauert aber: Erst Ende Februar 2011 will Intel die korrigierten Chipsätze mit einem neuen Stepping ausliefern und im April 2011 dann das bisher übliche Volumen liefern können. Das macht aber noch keine neuen Mainboards für die Rechner - die müssen erst produziert werden. Da sich SMD-Bausteine nur extrem aufwendig von Hand verlöten lassen, dürfte ein Austausch in der Regel ein neues Mainboard bedeuten.

Bereits produzierte Boards, die noch nicht beim Endkunden gelandet sind, lassen sich immerhin umrüsten, die korrigierten Chipsätze sind pinkompatibel. Dafür müssen die Mainboards aber zurück in die Fabriken, die meist in Asien stehen. Auch das ist außer bei sehr großen Stückzahlen kein lohnenswerter Weg, also bleibt nur: Sofort alle Sandy-Bridge-Produkte in den Fabs festsetzen. Oder einen Dienstleister suchen, der auch in Europa wirtschaftlich sinnvoll SMD-Chipsätze austauschen kann.

Korrigierte PCs sind erst im März 2011 zu erwarten

Auch das braucht Zeit, es ist also erst im März 2011 mit korrigierten Sandy-Bridge-Produkten zu rechnen. Auf der Cebit wird die hämische Frage zu neuen PCs, "Sind das noch die mit dem SATA-Bug?", häufig zu hören sein. Wenn noch ein Core-i-Prozessor mit dreistelliger Modellnummer im Rechner steckt, kann man immerhin verneinen, nur: Wer will die bei Neuanschaffungen vor allem ob der viel geringeren Leistungsaufnahme der Core-i-2000 noch? Egal ob der Chipsatz P67, H67, Q67 (Desktops) oder HM67 und HM65 (Notebooks) heißt - alle Sandy-Bridge-Produkte sind bisher betroffen.

Bleibt noch die Frage, wie Intel ein so schwerwiegender Fehler durch die eigenen Tests rutschen konnte - und nicht nur an Intel ist sie zu richten. Bereits seit Juni 2010 gibt es seriennahe Sandy-Bridge-Mainbords, und auch die wurden von dritter Seite getestet. "Qualification" und "Validation" heißen die Verfahren mit Tests in Klimakammern, schwankenden Spannungen, in Staubschleudern und all dem, was die PC-Branche in über 40 Jahren hervorgebracht hat.

Dem Ton der Intel-Ingenieure - auch Steve Smith kommt aus der Chipentwicklung -, die sich bisher zum Problem geäußert haben, ist zu entnehmen, dass es sich um einen dieser haarsträubenden Fehler handeln könnte, die bei so komplexer Technik einfach vorkommen können. Offen ausgesprochen wird das aber nicht. Die Geschichte vom Teufel im Detail wollen manche Beobachter, allen voran der stets sehr kritische US-Journalist Charlie Demerjian, aber nicht so einfach glauben.

Intels Timing ist merkwürdig, aber nachvollziehbar

Neben technischen Überlegungen führt der ehemalige Inquirer-Redakteur auch das Timing als Argument an: Warum wurde der Fehler erst drei Wochen nach Verkaufsstart öffentlich gemacht? Und warum dann genau in der Woche, in der in Asien durch das chinesische Neujahrsfest das Geschäftsleben weitgehend ruht? Neben Aspekten des US-Aktienrechts, die noch über die deutsche Ad-hoc-Pflicht hinausgehen, gibt es immerhin noch eine mögliche Erklärung.

Wenn der Fehler, wie Intel behauptet, erst Anfang 2011 von einem PC-Hersteller gefunden wurde, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er auch von weiteren Industrievertretern oder der Presse entdeckt worden wäre - und dann wären Imageschaden und mögliche Schadensersatzforderungen noch viel größer gewesen. Da blieb nur die Flucht nach vorne.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).  (nie)


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