Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1101/80723.html    Veröffentlicht: 14.01.2011 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/80723

Spieletest Tron Evolution

Fehler in der Systemarchitektur

Kampfbereite Bits und Bytes, eklig dampfende Computerviren und fiese Subroutinen: In der Welt von Tron Evolution könnte der Systemadministrator zum Superhelden mutieren - wenn er das Programm angesichts erheblicher Schwächen nicht schnell wieder von der Festplatte löscht.

Was geschah zwischen den Ereignissen des ersten Tron-Films und Tron Legacy, der am 27. Januar 2011 in den deutschen Kinos startet? Wer das wissen möchte, muss zu Tron Evolution greifen, dem vom Disney-eigenen Entwicklerstudio Progaganda Games produzierten Actionspiel für Xbox 360, Playstation 3 und Windows-PC. Darin erfährt er als Hauptfigur Anon (Kurz für "anonymous") mehr darüber, wie der von Jeff Bridges gespielte Kevin Flynn vor Legacy in die virtuelle Welt geraten und was ihm dort so alles widerfahren ist.

Anders als das letzte Tron-Spiel, der 2003 veröffentlichte Tron 2.0, ist Evolution kein Ego-Shooter. Der Spieler steuert Anon in der Rückenansicht durch linear angelegte Umgebungen. Dabei gibt es zwar regelmäßig Kämpfe, die größere Herausforderung - auch wegen Problemen mit der Steuerung - sind aber teils ausgedehnte Hüpf- und Sprungpassagen. Anon kann wie unter anderem der Prince of Persia für eine gewisse Zeit an Wänden entlanglaufen und so Hindernisse überwinden, er kann weit springen und sich mit einer Art Enterhaken auf hoch gelegene Plattformen ziehen.

Schwierigkeiten und teils Frust verursacht dabei immer wieder, dass sich die Steuerung wesentlich hakeliger anfühlt als beispielsweise bei Prince of Persia und dass es wegen der schlechten Kameraführung etwa in Ecken oft unmöglich ist zu sehen, ob der nächste Sprung in die Sicherheit oder den virtuellen Tod führt - immerhin sind die Kontrollpunkte, an denen sich Anon anschließend rematerialisiert, fair angelegt.

Zwischendurch kommt es immer wieder zu Gefechten mit anderen Programmen - die, wie bei Tron üblich, meist in Form von Menschen auftauchen. Standardwaffe von Anon ist der Diskus, dessen Durchschlagskraft er mit Erfahrungspunkten immer wieder verbessern kann. Dazu kommen noch eine Reihe von Specialmoves, für die sich der Spieler Tastaturkombinationen merken muss, um etwa einen Boxhieb auszuführen. Derartiges ist allerdings nur im höchsten der drei Schwierigkeitsgrade nötig, normalerweise kommt Anon mit Dauerfeuer und einfachen Ausweichmanövern relativ problemlos durch die Scharmützel.

Lightcycle und Panzer

Zwischendurch gibt es immer wieder Abschnitte, in denen der Spieler auf dem Lightcycle-Motorrad auf einer Piste Hindernissen, Gräben oder Gegnern ausweichen muss. Oder er jagt sich im Cyber-Panzer mit anderen größeren Gegnern die ebenso dicken wie virtuellen Geschosse um die Ohren - in beiden Fällen bereitet die Steuerung zwar keine großen Probleme, richtig rund fühlt sie sich aber wieder nicht an.

Grafisch löst das Programm nur dann Begeisterung aus, wenn man sich ernsthaft für die Schattierungen zwischen Blaugrau, Graublau, Dunkelblaugrau oder Blaudunkelgrau interessiert. Sprich: Tron Evolution sieht die meiste Zeit ziemlich gleich aus - nämlich trist. Eigentlich könnte die verwendete Unreal Engine 3.0 deutlich mehr, aber Abwechslung in Form und Farbe etwa durch einen vorwiegend grünen Abschnitt gibt es viel zu selten. Auch die Animationen von Anon und den Gegnern sind bestenfalls okay, Effekte und Zwischensequenzen ebenfalls.

Neben der Kampagne gibt es einen nicht sehr umfangreichen, aber gut gemachten Multiplayermodus. Es gibt vier Maps, zwei konzentrieren sich auf klassische "Disintegration" (statt Deathmatch), in den beiden anderen können sich die bis zu zehn Spieler zusätzlich auf Tastendruck in Fahrzeuge wie die Lightcycles verwandeln und sich beispielsweise mörderische Rennen liefern. Weitere Karten sind zum Download erhältlich - zum Preis von jeweils rund drei Euro.

Tron Evolution ist ab dem 20. Januar 2011 für Xbox 360, Playstation 3 und Windows-PC erhältlich. Der Preis der Konsolenversion liegt bei rund 60 Euro, die PC-Fassung kostet rund 30 Euro. Letztere benötigt unter Windows XP laut Hersteller 1 GByte RAM, unter Vista und 7 müssen es 1,5 GByte sein. Bei der CPU wird ein Intel Pentium D 3,0 GHz oder ein AMD Athlon 64 X2 3800+ vorausgesetzt, als Grafikkarte wird mindestens eine Nvidia 8800 GT oder ATI Radeon HD 3870 empfohlen. Auf der Festplatte belegt das Spiel rund 10 GByte. Die USK hat für das vollständig lokalisierte, nicht entschärfte Programm eine Freigabe ab zwölf Jahren erteilt.

Fazit

Tron Evolution bietet trotz des spannenden Szenarios gerade mal Mittelmaß. Die Grafik wirkt in weiten Teilen trist und detailarm, die Handlung ist verwirrend und es gibt kaum Abwechslung. Vor allem aber machen die unzähligen Parcours-Hüpf- und -Sprungpassagen wenig Spaß. Gute Ideen gibt's da nur alle paar Stunden, die Steuerung ist unpräzise und hakelig, oft fehlt die Übersicht - Prince of Persia oder Assassin's Creed kriegen das um Längen besser hin.

Auch das auf den ersten Blick komplexe Kampfsystem mit seinen teils schicken Animationen funktioniert nicht richtig gut, denn letztlich führt fast immer schnelles und ausdauerndes Knöpfchendrücken zum Erfolg gegen die langweilig agierenden KI-Feinde. Der Multiplayermodus ist immerhin gelungen, insbesondere die Lightcycle-Rennen gegen menschliche Opponenten machen Spaß. Unter dem Strich mag Tron Evolution etwas besser sein als das typische "Spiel zum Film" - ein gutes Programm ist es nicht.  (ps)


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