Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1011/79700.html    Veröffentlicht: 26.11.2010 14:07    Kurz-URL: https://glm.io/79700

Spieletest Gran Turismo 5

Mängel bei der Hauptuntersuchung

Wer alle Prüfungen und Rennen in Gran Turismo 5 meistern will, sollte sich von seinem sozialen Umfeld verabschieden. Polyphony Digitals längst überfällige Simulation ist so umfangreich wie kein Rennspiel zuvor. Viele Spieler müssen sich also vor GT5 die Frage stellen: Familie, Freunde oder Fahrzeuge?

Kazunori Yamauchi, Chefdesigner von Gran Turismo 5, hat einen ausgewachsenen Automobilfetisch. Für das neue Spiel hat er sich und seinem Team bei Polyphony Digital hohe Ziele gesteckt: Die realistischste Rennsimulation aller Zeiten soll es sein.

Das Hauptmenü gibt Spielern die Auswahl zwischen den Modi GT Life (Karrieremodus), Arcade (schnelle Rennen, Zwei-Spieler-Splitscreen), Streckeneditor und GT TV. Der Einzelspielermodus ist gigantisch. Wer will, kann jahrelang Autos sammeln, sie tunen und in verschiedenen Wettbewerben Pokale holen - zum Beispiel in einem Go-Kart, Nascar-Boliden oder F1-Renner. Viel Zeit kann der Spieler auch mit der Analyse von Tutorialvideos verbringen. GT5 erklärt Spielern auf Wunsch fast alles über die Welt des Motorsports im Detail, erläutert Feinheiten auf den Strecken oder Einzelteile von Automobilen. Die Texte wurden gut ins Deutsche übersetzt und sind eine sehr gelungene Zugabe.

Während die kleinen Cups und die Fahrschule das altbekannte Gran-Turismo-Programm abspulen, wird in den sogenannten Spezialveranstaltungen viel Neues geboten. Auf der Grand Tour geht es beispielsweise quer durch Italien. Spieler starten an der Eiger-Nordwand mit einem Alfa Romeo 8C Competizione. Nach dem Sieg zeigt eine Zwischensequenz, wie der Fahrer von seinem Alfa in einen Ferrari 430 steigt, um die bekannte Rennstrecke von Monza in Angriff zu nehmen. Danach geht es im Lamborghini Murciélago bei Nacht durch die Toskana. Beim Fahrzeugwechsel in Siena sehen Spieler eine extrem detailgetreue Nachbildung des Piazza del Campo - und das Finale ist in Rom.

Pure Abwechslung durch über 1.000 Fahrzeuge

Egal ob Spieler über die Schneepisten Alaskas düsen oder im Toyota-Yaris-Cup neue Streckenrekorde aufstellen: Für jeden Erfolg hagelt es in GT5 Erfahrungspunkte. Ist der Fortschrittsbalken gefüllt, bedeutet das einen Levelaufstieg, und der Zugang zu neuen, komplexeren Veranstaltungen öffnet sich. Insgesamt können Spiele 39-mal aufsteigen. Wie lange das dauert, hängt von der Spielweise ab: Die Suche nach den letzten Hundertstelsekunden eines Kurses macht oft am meisten Spaß, bringt aber die wenigsten Erfahrungspunkte, da diese nur einmal pro Veranstaltung ausgeschüttet werden. Wer sich mit Silber und Bronze zufriedengibt und regelmäßig die Spezialevents fährt, steigt zügig auf.

In Gran Turismo 5 verhalten sich Autos weitgehend realitätsgetreu. Die Physik berechnet G-Kräfte, Wind, Unebenheiten auf der Strecke und sogar Staub. Die regelmäßige Wartung der eigenen Flitzer samt Autowäsche steht nach vielen (aber wirklich vielen) Kilometern durchaus auf dem Pflichtprogramm, genauso wie der Ölwechsel.

Rund 200 Autos mit der Bezeichnung Premium buhlen um den Spieler. Premium-gekennzeichnete Autos wurden vom Entwickler Polyphony Digital besonders aufwendig nachgebaut. Sie bieten ein voll funktionsfähiges Cockpit, ein dreistufiges Schadensmodell, bestehen aus vielen Polygonen und haben sehr knackige Motorensounds. Die restlichen knapp 800 Boliden erinnern mit teilweise gröberen Texturen und deutlich weniger Polygonen eher an HD-Varianten der Autos aus Gran Turismo 4. Sie sehen trotzdem schick aus, haben ein rein kosmetisches Schadensmodell und im Rennalltag sind die Unterschiede zwischen Standard- und Premium-Rennern nur mit Konzentration und Vorwissen sichtbar. Es sei denn, Spieler legen viel Wert auf die Cockpitansicht.

Realistisch oder nicht?

Der Anspruch, realistisch zu sein, konzentriert sich eher auf die Boliden und ihr Fahrverhalten als auf das korrekte Zusammenspiel mit der restlichen Spielumgebung. Unsichtbare Streckenbegrenzungen verhindern wie in früheren Serienteilen, dass Spieler von der Strecke abkommen. Fehlende Verdrängungsberechnungen bei Kollisionen äußern sich darin, dass ein Go-Kart einen VW-Bulli auf der Strecke blockieren kann, während es in der Realität plattgewalzt würde. In diesem Bereich ist das Spiel so authentisch wie Ridge Racer, nämlich gar nicht.

Die 3D-Cockpits der Premium-Wagen sind detailgetreu nachgebildet, sehen sehr gut aus und erzeugen eine dichte Atmosphäre. Das Fahren in dieser Ansicht ist allerdings deutlich komplizierter, und schnelle Rundenzeiten erreichen Spieler erst nach sehr viel Eingewöhnung. Schade, dass Polyphony Digital nicht mehr Erfahrungspunkte an Spieler vergibt, die in der Cockpitansicht Erfolge einfahren. So wechselten wir im Test oft in die gewohnte Standardansicht, da sie die beste Übersicht bietet und dadurch die schnellsten Zeiten ermöglicht. Mit der externen Kamera lassen sich die Fahrzeuge ebenfalls ordentlich um die Kurven zirkeln. Die Motoren klingen von außen besonders knackig und selbst der Dopplereffekt wird überzeugend wiedergegeben.

Auf der Packungsrückseite der deutschen Verkaufsversion von GT5 steht: "Fahrzeugbeschädigung und erweiterte Effekte - Autos qualmen und sprühen Funken". Das stimmt zwar, aber viele Spieler werden das Schadensmodell nur selten oder erst sehr spät zu Gesicht bekommen. Erstens wird es mit Fahrerlevel 20 im Einzelspielermodus freigeschaltet und zweitens gehen nur die als Premium-Wagen deklarierten Autos überhaupt kaputt. Zudem müssen Spieler heftige Unfälle bauen, um minimale Schäden zu verursachen. Dellen, abfallende Spoiler, qualmende Autos und sprühende Funken konnten wir zwar erkennen, ein optisch überzeugendes Schadensmodell, wie Codemasters Rallyespiel Dirt 2, bietet Gran Turismo 5 aber nicht.

Die künstliche Intelligenz der computergesteuerten Fahrer steigt mit dem Schwierigkeitsgrad im Spielverlauf. Die meiste Zeit fahren die computergesteuerten Kontrahenten unauffällig. Sie machen keine groben Fehler und ambitionierte Überholmanöver bleiben aus. Für Spieler gilt: Einen Gegner aus der letzten Kurve zu schubsen, statt ihn geduldig im nächsten Anlauf zu überholen, funktioniert wie in früheren GTs tadellos. Erst wenn ab Fahrerlevel 16 Strafen für Rennrüpel verhängt werden, sind Konzentration und eine ruhige Hand beim Überholen gefragt.

Technische Macken & Fazit

Technisch leistet sich Polyphony auf der Playstation 3 überraschend viele Patzer. Auf V-Sync wurde zugunsten einer möglichst hohen Bildrate verzichtet, was auseinanderreißende Bilder (Tearing) zur Folge hat. Kurze Ruckler und aufpoppende Streckenobjekte sind selten und hängen auch von der Auto- und Streckenkombination ab. Der Piccadilly Circus in London mit zwölf Premium-Autos bringt GT5 an seine Grenzen. Der Schattenwurf der Fahrzeuge ist durchweg keine Augenweide und oft grob pixelig. Insgesamt wirkt Sonys Vorzeigerennspiel optisch nicht imposant und etwas weniger stimmig als beispielsweise Gran Turismo 3 anno 2001.

Der Onlinemodus lässt viele Wünsche offen und setzt bei Spielern viel Disziplin voraus. Filterfunktionen für Autoklassen und Strecken fehlen, so dass sich die Teilnehmer per Sprachchat einigen müssen. Am besten funktionieren Rennen, die vorher mit Freunden im Detail abgesprochen sind. Für eine Runde zwischendurch taugen die Onlineduelle bisher nur in seltenen Fällen.

Sämtliche Lenkräder wie G25, G27 oder Driving Force Pro von Logitech werden unterstützt. Über die Playstation-Eye-Kamera ist sogenanntes Headtracking möglich. Spieler können dadurch mit dem eigenen Kopf in der virtuellen Cockpitansicht die Sicht anpassen. Die Kamera funktioniert am besten in einem Abstand von maximal einem Meter über dem Gesicht des Spielers, dann liefert sie brauchbare Resultate. Headtracking funktionierte in unserem Test nur in Verbindung mit einem gleichzeitig angeschlossenen Lenkrad.

Gran Turismo 5 ist exklusiv für die Playstation 3 erhältlich und kostet etwa 50 Euro. Das Rennspiel wurde von der USK für alle Altersgruppen freigegeben.

Fazit

Gran Turismo 5 ist ein riesiges Rennspielpaket, das Unterhaltung für Monate bietet - sowohl beim Zugucken als auch beim Spielen. Trotz Konkurrent Forza 3 ist es einzigartig in seiner Vielfalt. Replays analysieren, Ideallinien studieren und auf den Punkt genau ein perfektes Rennen auf den Asphalt legen, ist gnadenlose Arbeit, die bei Erfolg das gute alte Gran-Turismo-Gefühl aufkommen lässt.

Grafisch bekommen PS3-Nutzer kein Vorzeigespiel wie früher. Tearing, Ruckler, aufpoppende Streckenobjekte und grobe Schattendarstellung werden auch durch die sehr schicken Automodelle nicht wettgemacht. Eine Menge Zugänglichkeit verschenken die Entwickler, da sie so manche Evolution im Rennspielgenre der letzten fünf Jahre ignorieren. Zehn Versuche oder mehr für eine Prüfung und die langwierige Suche nach idealen Autos in den verschachtelten Menüs nerven. Forza 3 hat mit einer Rückspulfunktion und dynamischer On- und Offlinekampagne vorgemacht, wie das besser geht. Bei den Onlinemodi und Bestenlisten hätte sich Polyphony einiges bei der Konkurrenz abschauen können.

Trotz der Kritik ist Gran Turismo 5 faszinierende Software mit einzigartiger Abwechslung und Liebe in den überraschendsten Details. Es ist die Referenz der Rennsimulationen auf der Playstation 3.  (mw)


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