Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1011/79550.html    Veröffentlicht: 19.11.2010 16:27    Kurz-URL: https://glm.io/79550

Grafische Oberfläche

Keith Packard will X.org umorganisieren

X.org ist in seinem jetzigen Zustand nicht zukunftsfähig, meint Keith Packard, selbst Entwickler bei X.org. Gegenwärtig seien darin noch zu viele Altlasten enthalten. Langfristig müssten die Komponenten ausgelagert und die Rolle des Xservers neu definiert werden.

X.org schleppe noch zu viele Altlasten mit sich herum, hat Entwickler Keith Packard auf der diesjährigen Linux-Plumbers-Konferenz in Cambridge Massachusetts gesagt. Der Xserver stamme aus einer Zeit, in der das Client-Server-Modell nicht nur die Netzwerkfähigkeit von Unix und Linux gewährleistet habe, sondern auch das Konzept von gemeinsam genutztem Speicher noch nicht umgesetzt gewesen sei.

Viele Entwickler verfluchten inzwischen X.org und seine Komponenten nicht nur wegen ihrer Komplexität, sondern auch wegen des hohen Speicherverbrauchs und der hohen CPU-Last und langsamer Startzeiten, sagte Packard. Er selbst würde das gerne ändern und wolle die Änderungen umsetzen, ohne X.org unbrauchbar zu machen.

Wunschziel Umgestaltung

Packards Thesen zur Umgestaltung von X.org sind nicht als offizielle Leitlinie der X.org-Entwickler zu verstehen. Sie kommen aber zu einem Zeitpunkt, an dem die Diskussion um den alternativen grafischen Server Wayland erneut aufflammt. Wayland wurde von X.org-Entwickler Kristian Høgsberg als Alternative zu dem seiner Meinung nach archaischen X.org konzipiert. Ursprünglich wollte Høgsberg damit beweisen, dass X.org ohne großen Aufwand umgestaltet werden kann. Inzwischen wurde Wayland von Canonical geadelt: Es soll in einem Jahr als grafischer Server unter Ubuntu eingesetzt werden.

Vor allem die Zersplitterung des Fenstersystems in Xserver, Fensterverwaltung und Compositingmanager machten das gesamte System träge, sagte Packard. Jede Tasteneingabe müsse mindestens diese drei Stationen durchlaufen. Die Komponenten kommunizieren über komplexe, asynchrone Protokolle miteinander.

Ohne X geht nix

Etliche Funktionen, die früher von X.org bereitgestellt wurden, sind inzwischen in den Kernel gewandert. Dazu gehören die Kernel Mode Settings (KMS), die dem Kernel unter anderem die automatische Konfiguration von Bildschirmauflösungen ermöglichen. Die KMS funktionieren allerdings nur mit den Chipsätzen der drei großen Anbieter: AMD, Intel und Nvidia. Alle anderen Grafikkarten benötigen nach wie vor die von X.org bereitgestellten Treiber. Anwendungen können zwar per Direct-Rendering direkt auf APIs OpenGL und VDPAU beziehungsweise VAAPI zugreifen, dafür sei X.org überflüssig. Für die 2D-Darstellung würde X allerdings weiterhin benötigt.

Um X zu verschlanken, müssten weitere Komponenten ausgelagert und die Zugriffe untereinander vereinfacht werden. Dabei dürften und könnten nicht alle Komponenten im Kernel landen. Komplexe Eingaben etwa über Touchscreens müssten ebenso im Userspace abgearbeitet werden wie etliche Eingaben über die Maus.

Ausgelagert

Eingabegeräte werden mittlerweile zumindest grundsätzlich über den Kernel-Treiber Evdev angesprochen. Dieser biete allerdings nur eine eingeschränkte Funktionalität, sagte Packard. X.org kümmere sich dabei um den Rest. So wird auch das Keymapping nicht vollständig vom Kernel verwaltet. Packard nennt die Funktionalität dort "primitiv". Für das Keymapping arbeiten die Entwickler an einer neuen Bibliothek mit dem Namen Libxkbcommon, die künftig direkt von Anwendungen angesprochen werden soll.

Zumindest Packard schien nicht traurig darüber, dass wesentliche Kernkomponenten aus X.org verschwinden. Seine Vision sieht nicht X.org im Mittelpunkt der Linux-Infrastruktur, sondern den Kernel. Wayland und X.org sollen dann als Peripherie-Komponenten zur Verfügung stehen und dem Benutzer eine flinke und effiziente grafische Oberfläche seiner Wahl bieten.  (jt)


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