Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1011/79226.html    Veröffentlicht: 09.11.2010 12:24    Kurz-URL: https://glm.io/79226

Microsoft Kinect im Test

Voller Körpereinsatz im Wohnzimmer

Von Kopf bis Fuß: Der ganze Spieler kann mit Kinect in virtuelle Welten eintauchen - so ist zumindest das Grundkonzept der Bewegungssteuerung von Microsoft, die sich radikal von Move und Nintendo Wii unterscheidet. Das Gerät ist nicht perfekt, lässt aber viel für die Zukunft erwarten.

Die Aufgabe: einfach das linke Bein anheben. Im echten Leben ein Klacks, in den meisten Computerspielen unmöglich oder nur mit einer speziell zugewiesenen Taste komfortabel zu lösen. Mit der Bewegungssteuerung Kinect sind derartige sportliche Übungen am Computer viel einfacher zu bewältigen, denn dort fungiert der gesamte Körper als Controller. Das System von Microsoft ist ab dem 10. November 2010 für die Xbox 360 erhältlich und vor allem zur Steuerung in Videospielen gedacht.

Was vor den drei Linsen der gut 20 cm breiten Kinect geschieht, "sieht" das Gerät mit zwei Infrarot-Tiefensensoren und einer gewöhnlichen VGA-Kamera, die nebenbei in manchen Spielen - qualitativ nicht sehr hochwertige - Schnappschüsse anfertigt, etwa zur Veröffentlichung über Facebook. Das ganze System muss mittig unter oder direkt über dem Fernseher aufgestellt werden; für die Anbringung am oberen Rand des Monitors gibt es eine separat erhältliche Befestigungsvorrichtung. Mit Hilfe eines Elektromotors folgt das Gerät dem Standort der Spieler.

Wichtig für Kinect ist vor allem, dass der Spieler genug Platz vor dem Fernseher hat. Microsoft empfiehlt eine Entfernung von 1,80 Metern für einzelne Spieler und von 2,5 Metern, wenn zwei Personen gleichzeitig antreten. Auch seitlich sollte genug Platz sein, denn in vielen Spielen sind schnelle Armbewegungen oder Fußtritte zur Seite nötig - etwa, um virtuelle Bälle zurückzuschleudern, ohne Muttis reale Glasvitrine zu zertrümmern. Die klassische Studentenbude kann da durchaus zu klein sein.

Spielfeld nicht verlassen...

Sobald Akteure den für die Kameras erfassbaren Bereich verlassen, zeigt Kinect - zumindest in den meisten Programmen - eine Warnung an. Die erneute Identifizierung geschieht dann auch mitten im Spiel automatisch und dauert nur ein paar Sekunden. Bei vielen der eher auf Partyspaß ausgerichteten Titeln stört das nicht weiter. Kinect setzt Bewegungen mit leichter Verzögerung um - wer beispielsweise winkt, sieht das, je nach Spiel, erst etwas später am Bildschirm. Bei den meisten Titeln stört das erstaunlich wenig. Mehr Probleme bereitet es beispielsweise, die richtige Stelle für Sprünge oder den besten Augenblick für einen Balltritt zu erwischen.

Noch ein paar Worte zum subjektiven Eindruck: Kinect gelingt es überraschend gut, den Spieler gefühlt in eine virtuelle Welt zu versetzen und ihn vergessen zu lassen, dass da nur sein Avatar unterwegs ist. Das funktioniert beim mitgelieferten Partyspiel Kinect Adventures und den anderen Casualgames gut genug, um für Spaß zu sorgen. Bei Hardcoretiteln mit höherem Schwierigkeitsgrad dürfte die teils zu unpräzise Steuerung allerdings Probleme bereiten; bei Sonic Free Riders, einem der Spiele, die eher in diese Kategorie fallen, kämpft der Spieler prompt mit Problemen.

Ein weiterer Nachteil ist, dass die Spieler bei Kinect derzeit vor allem stehen müssen und sich während des Nachladens von Daten oder bei Zwischensequenzen die Beine in den Bauch stehen. Wer sich dann entnervt doch aufs Sofa fallen lässt, muss - Murphys Law - meist genau dann wieder aufstehen. Auch das Navigieren durch Menüs, bei dem Präzision gefragt ist, wird gelegentlich zur Geduldsprobe.

An seiner Unterseite verfügt Kinect über vier eingebaute Mikrofone. Mit ihnen ist unter anderem eine Sprachsteuerung möglich - allerdings noch nicht in Deutschland: Microsoft kündigte ein entsprechendes Update für das Frühjahr 2011 an. Wer bereits jetzt Menüs mit seiner Stimme bedienen möchte, muss Sprache, Region und das Xbox-Live-Konto auf Englisch stellen. In einigen Programmen lässt sich trotzdem schon mit der Stimme spielen: In Kinect Adventures kann man beispielsweise bestimmten Figuren kurze Sätze in den Mund legen. In der Tiersimulation Kinectimals kann man virtuellen Haustieren per Sprache Namen geben.

Integration in die Xbox 360

Kinect ist über das "Kinect Hub" in die Oberfläche der Xbox 360 integriert. Das ist ein zusätzliches Menü, das durch Bewegungssteuerung den Zugriff auf Erfolge, Freundeslisten, Videofunktionen und Einstellungen erlaubt. Dort lässt sich das Gerät auch kalibrieren, also auf die örtlichen Lichtverhältnisse und begrenzt auch auf die Platzverhältnisse einrichten sowie an die Geräuschkulisse und den jeweiligen Raumklang anpassen.

Das Gerät funktioniert mit jeder Version der Xbox 360. Besitzer des Urmodells müssen ihren WLAN-Adapter mit einem beiliegenden Verlängerungskabel an einer der vorderen USB-Schnittstellen einstöpseln. Die Kinect kommt dann an den hinteren USB-Anschluss und muss mit einem kleinen Netzteil an die Steckdose. Die seit Mitte 2010 verfügbare Xbox 360 S besitzt einen speziellen Anschluss, über den die Bewegungssteuerung gleichzeitig Energie und Daten erhält.

Kinect kostet 149 Euro, das ohne Altersbeschränkung freigegebene "Kinect Adventures" - eine gelungene Sammlung aus unkomplizierten Bewegungsspielen - liegt bei. Zum Start sind insgesamt knapp 20 Titel erhältlich, neben familienkompatiblen Tanz- und Partytiteln auch ein Harry-Potter-Actionspiel von Electronic Arts oder Fighters Uncaged, ein Kampfsportprogramm von Ubisoft.

Fazit

Kinect kann eine Bereicherung für Partys im Familien- und Freundeskreis sein. Es macht trotz der technischen Macken durchaus Spaß, sich mit vollem Körpereinsatz Wettkämpfe zu liefern. Dass das Gerät ab und zu die Verbindung zum Spieler verliert, ist ärgerlich, in den meisten Fällen aber zu verschmerzen, zumal sich das Problem fast immer schnell beheben lässt. Allerdings: Für lange Sessions, etwa mit Hardcorespielen, ist das System ungeeignet - da ist jedes klassische Gamepad besser. Außerdem ist das subjektive Spielgefühl ohne richtig viel Platz sehr eingeschränkt. Wenn der Aktionsradius zu klein ist, endet die Controller-Freiheit ziemlich schnell am nächsten Couchtisch.

Schade, dass Kinect zur leichtgängigen und wirklich intuitiven Steuerung von Computern, Konsolen oder TV-Geräten nicht geeignet ist. Das grundsätzliche Konzept hat viel Potenzial, aber derzeit sind Fernbedienung oder Controller schneller und präziser, wenn man schnell mal ein Menü bedienen möchte.  (ps)


Verwandte Artikel:
Playstation Move im Test: Präzision mit 250 Millisekunden Verzögerung   
(01.09.2010, https://glm.io/77635 )
Test: Wii Motion Plus - Fuchteln für Fortgeschrittene   
(22.07.2009, https://glm.io/68518 )
Microsoft: Herstellungsende für Kinect-Adapter verkündet   
(03.01.2018, https://glm.io/131937 )
Wii Remote: Nintendo muss 10 Millionen US-Dollar in Patentstreit zahlen   
(04.09.2017, https://glm.io/129869 )
Microsoft: S-Modus in Windows 10 kommt erst nächstes Jahr   
(07.03.2018, https://glm.io/133205 )

© 1997–2020 Golem.de, https://www.golem.de/