Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1011/79106.html    Veröffentlicht: 03.11.2010 11:54    Kurz-URL: https://glm.io/79106

Surfen ohne Mauer

Chinesische Leser lieben den Kindle

Der Kindle ist in China zwar nicht offiziell erhältlich. Dennoch kaufen Chinesen gern den E-Book-Reader von Amazon. Nicht nur, um darauf E-Books zu lesen, sondern auch, weil sie damit unzensiert surfen können.

Obwohl eigentlich nicht erhältlich, erfreut sich der Kindle in China einer gewissen Beliebtheit, berichtet die Hongkonger Tageszeitung South China Morning Post (SCMP). Dass Chinesen Amazons Lesegerät lieben, hat aber nicht nur mit Leselust zu tun: Mit dem Browser des E-Book-Readers können sie Webseiten besuchen, die sonst gesperrt sind.

Kein Web 2.0 hinter dem Schild

China unterhält ein ausgeklügeltes Zensursystem, das den Zugang zu Inhalten, die der Regierung nicht genehm sind, unterbindet. Im Ausland ist das System als Great Firewall of China bekannt, die Behörden selbst nennen es den Goldenen Schild. Dahinter lassen sich Webseiten bestimmter westlicher Medien oder solche, die über Tibet berichten, nicht aufrufen. Gesperrt ist auch der Zugang zu bestimmten Web-2.0-Angeboten wie Twitter oder Facebook.

Amazons Lesegerät nutzt jedoch ein eigenes drahtloses Netz, das sogenannte Whispernet. Das ist wie eine normale 3G-Verbindung. In den USA läuft das über das Netz von AT&T, in anderen Ländern über Partner des US-Telekommunikationsanbieters. Er vermute, dass Amazon mit Partnern in China vereinbart habe, dass diese den Datenverkehr an Amazon weiterleiten, wenn die Daten von einem Kindle angefragt würden, erklärte ein Wissenschaftler der Hongkonger Universität in der SCMP. Da das Gerät im Land nicht vertrieben werde, ginge aus Sicht der Netzwächter davon keine Gefahr aus, spekulierte er.

Shoppen und Surfen

Ursprünglich war die 3G-Anbindung nur dafür gedacht, dass die Kindle-Besitzer darüber in Amazons E-Book-Shop einkaufen können. Doch schon im Kindle 2 hatte Amazon die Nutzungsmöglichkeit durch eine direkte Anbindung an die englischsprachige Ausgabe der Onlineenzyklopädie Wikipedia erweitert. Der neue Kindle verfügt über einen, wenn auch noch als experimentell gekennzeichneten Browser, über den die Nutzer im Web surfen können. Er könne es kaum glauben, erzählte ein chinesischer Blogger begeistert der Zeitung, dass er über den Kindle Twitter und Facebook nutzen könne.

Offiziell liefert Amazon seinen E-Book-Reader nicht ins Reich der Mitte. Unter der Hand ist der Kindle im Land aber dennoch zu bekommen. Er wird beispielsweise über die zum Internetkonzern Alibaba gehörende Onlinehandelsplattform Taobao angeboten. Ein Händler aus Peking sagte der SCMP, er lasse sich die Geräte an eine Adresse außerhalb des Landes schicken und bringe diese in kleinen Mengen mit nach China. Im vergangenen Monat habe er so rund 300 der E-Book-Reader verkauft.  (wp)


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