Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1010/78890.html    Veröffentlicht: 25.10.2010 18:55    Kurz-URL: https://glm.io/78890

Ray Ozzie

Microsofts Softwarearchitekt skizziert die Post-PC-Ära

Microsofts scheidender Softwarearchitekt Ray Ozzie hat Microsoft in einem Blogeintrag einige Aufgaben hinterlassen. Er beschreibt eine Welt nach dem PC und was notwendig ist, um in dieser Welt zu bestehen.

In den fünf Jahren hat sich viel verändert und in manchen Bereichen war die Konkurrenz besser als Microsoft, schreibt Ozzie in einem Blogeintrag in Form eines Memos an Microsofts Management.

"Einige Produkte unserer Konkurrenten und ihre schnelle Verbesserung und Anpassung an neue Nutzungsszenarien sind nennenswert", schreibt Ozzie. Obwohl Microsoft früh eine klare Vision entwickelt habe, hätten andere das Thema Mobile besser umgesetzt, Hardware, Software und Dienste besser miteinander verzahnt und auch im Bereich Social Networking und bei anderen Internetnutzungsszenarien seien andere besser gewesen.

Doch trotz der vielen Veränderungen der letzten fünf Jahre würden auch die kommenden fünf Jahre wieder einen Wendepunkt darstellen und noch unbekannte Chancen für Microsoft und die gesamte IT-Industrie bereithalten, so Ozzie. Treibende Kraft sei die unausweichliche Verlagerung zu Apps und Infrastruktur.

Post-PC-Ära

Ein Computer, auf dem Programme installiert und Dateien gespeichert werden, versehen mit einem Desktop, mit diesen klaren Begriffen lasse sich für viele die Welt beschreiben. Doch die Mehrheit der Nutzer kann nicht zwischen Browser und Internet unterscheiden, so Ozzie und schwört Microsoft auf eine Post-PC-Ära ein.

Der Erfolg des Modells von Client-PC und Server habe letztendlich zu enormer Komplexität geführt, aber "Complexity kills", sie "sauge das Leben aus Nutzern, Entwicklern und der IT". Produkte seien dadurch schwer zu planen, zu bauen, zu testen und zu nutzen. Sie führe auch zu Herausforderungen in Sachen Sicherheit und frustriere Administratoren.

Mit der Zeit sei es trotz bester Absichten nicht möglich, dieser Komplexität zu entkommen.

Ozzie warnt davor zu glauben, dass die Komplexität dafür sorge, dass ein System auf Dauer bestehen könne. Es sei nicht möglich, immer neue Funktionen in neuen Schichten auf einem komplexen Kern zu bauen. Irgendwann werde eine Grenze erreicht. Architektonische Stärken können so irrelevant oder gar zu Hindernissen werden.

Daher, fordert Ozzie seine Kollegen auf, müssten alle genau das tun, was die Konkurrenz und Nutzer tun: die Augen schließen und sich ein realistisches Bild davon machen, wie eine Welt nach dem PC aussehen kann, wenn es jemals dazu kommt. "Wie würden Kunden die Dinge tun, die sie heute erledigen? In welcher Hinsicht wäre das besser? In welcher Hinsicht wäre es schlechter oder nur anders?"

Zukunft träumen

Der erste Schritt auf dem Weg in die Zukunft sei, sich etwas angstfrei vorzustellen, zu träumen, so Ozzie.

Derzeit, so Ozzie, bewegen wir uns auf eine Welt zu, die zum einen aus ständig aktualisierten Cloud-Diensten (Continuous Services) und zum anderen aus applianceartigen vernetzten Endgeräten besteht, über die wir auf die Cloud-Dienste zugreifen. Diese Geräten seien eher einfach und von Grund auf als Appliance konzipiert. Das bedeute aber nicht, dass sie nicht auch einige Daten speichert. Doch der Speicher sei eher in die Cloud ausgelagert.

Immer häufiger würden auch Embedded-Geräte genutzt, beispielsweise in den Bereichen Telemetrie und Steuerung - vom Aufzug mit Fernwartung bis zu Sensoren am Rand der Autobahn. Sämtliche Geräte aber hätten eines gemeinsam: Sie seien leicht zu konfigurieren, auszutauschen und ohne Verlust zu ersetzen.

Auf dem Weg in diese Post-PC-Ära gehe es kurzfristig darum, neue Killer-Apps und Dienste sowie Killergeräte zu finden, die eine Vielzahl von Kundenbedürfnissen ansprechen. Ozzie geht aber davon aus, dass sich die Lösungen der Zukunft deutlich von den heute erfolgreichsten Apps unterscheiden. Die Welt von morgen sei transmedial und geräteübergreifend. Im Zentrum stehen die eigenen sozialen und organisationalen Netzwerke, so dass sowohl für Endkunden als auch Unternehmen neue Modelle des Konsums und der Interaktion entstehen, was alles verändere. "Das ist unausweichlich", so Ozzie.

Innovation in vielen Bereichen notwendig

Um den notwendigen Grad an Kohärenz über Apps, Dienste und Geräte hinweg zu ermöglichen, bedürfe es unter anderem Innovationen in den Bereichen User Experience, Interaktion, Authentifizierung, Nutzerdaten und Datenschutz, Regelwerke und Verwaltung, Programmierung und Applikationsmodellierung.

Die heutigen PCs, Telefone und Pads seien nur der Anfang und es sei noch ein weiter Weg zu gehen, um überhaupt die Oberfläche dessen zu berühren, was heute möglich ist. Die Geräte der Zukunft gehen weit über Bildschirm, Tastatur und Maus hinaus. Vielmehr würden die Geräte auf einen achten, einen hören und zuhören, mitbekommen, was um einen herum passiert, Berührungen, Gesten und Bewegungen registrieren, Nähe wahrnehmen und ebenso den aktuellen Aufenthaltsort, Bewegungsrichtung, Höhe, Temperatur, Herzschlag und Gesundheit registrieren, schreibt Ozzie.  (ji)


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