Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1010/78734.html    Veröffentlicht: 19.10.2010 15:45    Kurz-URL: https://glm.io/78734

Spieletest Fallout

Viva New Vegas

Die Geigerzähler schlagen nicht nur an der Ostküste aus: Auch im westlich gelegenen "Sin City" Las Vegas bestimmt atomarer Niederschlag den Alltag. Der Nachfolger von Fallout 3 schickt Spieler in das ganz große Abenteuer - und in Kämpfe gegen böse Banden und hungrige Mutanten.

Wer ist der breit lächelnde Typ im schwarz-weiß karierten Sakko? Um diese Frage dreht sich ein Großteil der Handlung von Fallout New Vegas. Der mysteriöse Strahlemann, im Intro gut zu sehen, ist nicht irgendwer. Er will den Spieler ermorden. Dieser überlebt knapp, wenn auch mit angeschlagenen Gehirnwindungen. Und er versucht fortan, die verlorenen Erinnerungen aufzufrischen und ein paar weitere Geheimnisse aufzuklären. Erneut kämpft der Spieler in der postapokalyptischen Welt der Fallout-Reihe, allerdings nicht wie in Teil 3 an der Ostküste, sondern im Bundesstaat Nevada und in Las Vegas.

Wer bereits Fallout 3 kennt, kommt mit New Vegas sofort zurecht. An Grafikstil und -qualität, der Steuerung, dem größten Teil des Rollenspielsystems und dem grundsätzlichen Aufbau der Missionen hat sich kaum etwas geändert. Der Einstieg allerdings funktioniert ganz anders: Es geht ohne große Komplikationen in einer kleinen Siedlung nahe Las Vegas los, und sobald der Spieler sein Aussehen und die Charakterwerte festgelegt hat, erklären ein paar simple Quests die Steuerung und weitere Details.

Die ersten paar Stunden verbringen Spieler außerhalb von Las Vegas in Landschaften und Siedlungen, die stark an Fallout 3 erinnern - Wasteland, Ruinen und karge Hügel bestimmen das Bild, zwischendurch gibt es auch mal eine Jagdmission gegen mutierte Ameisen auf einem Salzsee. Angenehm: Der Spieler ist öfter an der frischen Luft und seltener in U-Bahn-Schächten und anderen verwinkelten Gängen unterwegs.

Das Entwicklerteam Obsidian Entertainment hat darauf geachtet, dass zumindest bei den ersten Quests der Spieler mehr an die Hand genommen wird als in Fallout 3. Trotzdem können virtuelle Abenteurer meistens zwischen parallel verfügbaren Aufgaben wählen und sich entscheiden, ob sie lieber der klar erkennbaren Haupthandlung folgen, oder in Nebenmissionen Erfahrungspunkte sammeln.

Die Fraktionen von Nevada

Die wichtigste Änderung gegenüber Fallout 3 ist die größere Bedeutung von Fraktionen. Neben drei großen, die mehr oder weniger die Welt unter sich aufgeteilt haben - New California Republic, Caesar's Legion und Brotherhood of Steel -, gibt es eine Unzahl kleinerer, etwa die Union der Pulverbanditen, oder eine größere Gruppe von Ghouls auf der Suche nach dem Paradies. Der Spieler kann durch sein Verhalten, beispielsweise über die Antwortoptionen in Dialogen oder schlicht durch Angriffe, die Einstellung der Fraktionen ihm gegenüber verändern.

Vor allem aber macht er das durch Missionen, auf die ihn seine Auftraggeber schicken. Das Problem: Es ist so gut wie nie ersichtlich, welche Auswirkungen die Entscheidungen des Spielers auf spätere Ereignisse haben. Wenn er sich bei einer Gruppe als anbetungswürdiger Superheld etabliert, fällt unter Umständen unerwartet die Questreihe einer anderen Fraktion weg. Wer Fallout New Vegas nur einmal durchspielt, spürt von dem System erstaunlich wenig. Wer sich hingegen mehrfach durch Nevada abenteuert, bekommt sehr unterschiedliche Wege geboten - und auch auf das jeweilige große Finale haben die Fraktionen Auswirkungen.

Die anderen Neuerungen wirken sich wenig im Spiel aus. Da gibt es die Möglichkeit, Waffen mit besseren Visieren oder Munitionsclips zu modifizieren - bislang war das nur mit Hilfe von Tools aus der Community möglich. Auch das Kampfsystem hat ein paar Detailveränderungen erfahren: So ist es jetzt im VAT-Modus angeblich sinnvoller, nicht ständig nur auf den Schädel von Gegnern zu feuern - uns erschien das im Test dennoch als wirkungsvollste Methode. Außerdem haben die Entwickler das Nahkampfsystem ausgebaut, unter anderem durch mehr schicke Waffen - trotzdem machen Gefechte auf Distanz allein schon wegen der weiterhin gerne mal rumspinnenden Kamera mehr Spaß. Auch neu ist ein kreisrundes Menü, mit dem der Spieler seinen Begleitern, unter anderem dem lustigen Roboter Victor, einfache Befehle erteilen kann.

Fast wichtiger ist da, dass dem Spieler eine Reihe von neuen Gegnertypen vor die Flinte läuft, und dass auch das Arsenal an Schießprügeln stark erweitert wurde. Neu ist auch ein weiterer Schwierigkeitsgrad mit dem Namen "Hardcore", der erst nach ein paar Minuten im Spiel aktivierbar ist. Er bewirkt, dass Stimpacks nicht sofort, sondern erst nach und nach wirken, und dass der Spieler Munition sparen muss, weil jede mitgenommene Kugel zusätzliches Gewicht im Inventar bedeutet.

Postapokalyptische Technik

New Vegas basiert wie Fallout 3 und frühere Fantasy-Rollenspiele von Bethesda auf der modifizierten Gamebryo-Engine. Da Nevada weniger stark vom Atomkrieg betroffen ist als die Ostküste, gibt es etwas mehr bunte Farben zu sehen als rund um Washington: Ab und an verwöhnt ein blauer Himmel die Augen, und je näher der Spieler in Richtung der Stadtmitte von Las Vegas gelangt, desto öfter gibt es einigermaßen saftiges, grünes Gras oder bunte Fassaden - trotzdem wirkt das Programm aus technischer Sicht veraltet.

Dass sich grafisch so wenig seit Fallout 3 getan hat, hat aber auch Vorteile: An den PC-Systemanforderungen hat sich so gut wie nichts geändert. New Vegas benötigt laut Hersteller einen Rechner mit Windows XP, Vista oder 7 und 2 GByte RAM. Der Prozessor sollte ein Dual Core mit mindestens 2,0 GHz sein; Mehrkernprozessoren werden unterstützt. Die Grafikkarte benötigt 256 MByte RAM, auf der Festplatte belegt das Spiel rund 10 GByte. Anders als der Vorgänger verwendet Fallout New Vegas nicht Games for Windows Live, sondern setzt auf Steam - dessen Aktivierung gleichzeitig als Kopierschutz dient.

Fallout New Vegas erscheint am 22. Oktober 2010. Die Version für Xbox 360 und Playstation 3 kostet rund 60 Euro, die für den Test vorliegende PC-Fassung ist für etwa 50 Euro erhältlich; der erste per Download verfügbare Zusatzinhalt wird zumindest zeitweise nur für Xbox 360 erhältlich sein. Fallout New Vegas erscheint hierzulande in einer gegenüber der Originalfassung stark geschnittenen Version. Darin fließt kein Blut, und auch das Abschießen von einzelnen Körperteilen des Gegners ist nicht möglich. Die USK hat eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

Fallout New Vegas ist so etwas wie der zweite Lieblingsburger, die Fortsetzung der besten Fernsehserie, wie der nächste Urlaub am gleichen Ort: altbekannt und trotzdem klasse. Weder Grafik noch Missionen, weder Kampf- noch Rollenspielsystem bieten irgendetwas, was sich grundsätzlich neu anfühlt. Dennoch ist es wieder eine Freude, sich durch die toll gestaltete und spannend aufgebaute, vor allem aber offene Welt zu kämpfen. Die Handlung gewinnt zwar keinen Originalitätspreis, ist aber besser als in Fallout 3 in die Missionen integriert, so dass der rote Faden stets im Blick bleibt. Unterm Strich ist New Vegas ein ebenso hervorragendes postapokalyptisches Rollenspiel wie der Vorgänger. Serieneinsteiger sollten zuerst den Abstecher nach Nevada wagen, weil der sich ein wenig kompakter spielt - aber sehr groß ist auch dieser Unterschied nicht.  (ps)


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