Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1010/78672.html    Veröffentlicht: 15.10.2010 13:53    Kurz-URL: https://glm.io/78672

Spieletest Arcania Gothic 4

Rollenspiel Light

Abenteuer auf einer Insel, alte Kumpel wie Diego und vor allem der Name "Gothic" im Untertitel: Auf den ersten Blick erinnert Arcania an die Klassiker von Piranha Bytes. Auf den zweiten Blick hat es wenig damit zu tun - offenbart aber eine Reihe eigener Stärken für eine spezielle Zielgruppe.

Ein Held und eine Insel voller Überraschungen, Gefahren, Monster und Menschen: Das bildet seit dem ersten Gothic die Ausgangslage für das ganz große Abenteuer. Auch in Arcania - Gothic 4 ist das so - ansonsten aber hat sich viel verändert. Zum einen ist nicht mehr der Erfinder der Reihe, Piranha Bytes, für den Titel verantwortlich, sondern ein neues Entwicklerstudio namens Spellbound Entertainment. Zum anderen hat sich die Ausrichtung deutlich verändert: Arcania bietet vergleichsweise unkomplizierte Action und viel weniger typische Rollenspielelemente als die ersten drei Gothic. Die Handlung dreht sich um einen Hirten, der es im Spielverlauf zum Superhelden bringt - und sich mit einem bösen Herrscher anlegt. Bei seinem Abenteuer trifft er ein paar wenige der Figuren, die schon aus frühen Gothic bekannt sind, etwa den alten Haudegen Diego.

Anders, als in der Reihe üblich, erforscht der Held keine offene Spielewelt und fällt nur selten Entscheidungen - nur ab und an darf er einen eher kämpferischen Weg oder einen eher trickreichen wählen. In Arcania gibt es eine Haupthandlung, die den Spieler nach und nach von einem abgeschlossenen Gebiet ins nächste bringt. Dort erledigt er eine Reihe von Pflichtmissionen und ein paar freiwillige Quests, dann geht es weiter. Immerhin sind die Gebiete recht groß und bieten viel zu entdecken - was manchmal auch zu Problemen führt, weil etwa ein Hügel, der sich laut Missionsbeschreibung östlich neben einem Wachturm befindet, unter Umständen einen strammen Fußmarsch weit entfernt ist. Überhaupt sind im Spielverlauf immer wieder große, teils auch etwas langweilige Laufleistungen zu erbringen - schade, dass die Entwickler keinen Kilometerzähler eingebaut haben. Die Missionen sind eher einfach gestrickt und erinnern an World of Warcraft: eine Handvoll Goblins ausschalten, Gegenstände finden oder Botengänge absolvieren.

Mit Goblins, Wölfen, Ebern und anderen mehr oder wenige gefährlichen Bestien muss sich der Spieler regelmäßig kloppen. Das macht er per Schwert oder Keule im Nahkampf, mit der Armbrust oder Pfeil und Bogen aus sicherer Entfernung sowie per Magie mit Feuer- oder Elektroschocks. Eine kleine Besonderheit ist, dass Gegner vor einem kritischen Schlag aufleuchten, so dass der Spieler mit einer Seitwärts- oder Rückwärtsrolle gut ausweichen kann; auch feindlichen Distanzgeschossen lässt sich in Arcania gut entkommen. Im Verlauf der Handlung steigert der Held seine Fähigkeiten sowohl durch Ausrüstung mit immer besseren Werten, als auch durch Erfahrungspunkte und das damit verbundene Hochschrauben seiner Levelwerte in einem übersichtlichen System.

Die ersten ein bis zwei Stunden verbringt der Spieler auf einer kleinen Insel, die vor allem als Tutorial dient. Dann landet er - nach einer schlecht erzählten Handlungswende - auf der Hauptinsel Argaan und verbringt dort rund weitere 15 Stunden bis ins Finale. Auf Argaan gibt es viel zu sehen: Wälder und Hügel, lauschige Strände, spannend aufgebaute Höhlen und schicke Burgen. Auf leistungsstarker Hardware lässt das Programm eine teils beeindruckend schöne Welt entstehen: Da liegen Siedlungen an riesigen Gebirgsseen, da gibt es düstere alte Gemäuer mit viel Atmosphäre und jede Menge Abwechslung.

Technisches von der Inselwelt

Das Programm verwendet die Vision Game Engine 7 des schwäbischen Middlewareanbieters Trinigy. Arcania setzt mindestens einen Rechner mit 2 GByte RAM, einem Prozessor wie den Intel Core 2 Duo mit 2,8 GHz oder einen AMD Athlon 2 x mit ebenfalls 2,8 GHz und einer Grafikkarte vom Typ Geforce 8800 GTX voraus. Für optimalen Spielspaß empfiehlt der Hersteller 4 GByte RAM sowie einen Chip wie den Intel Core I7 mit 3 GHz oder den AMD Phenom 2 x 4 mit 3 GHz und eine Grafikkarte vom Typ Geforce GTX 295; auf einer ähnlich fixen AMD-Karte hatten wir keinerlei Probleme. Das Programm unterstützt Windows XP, Vista und 7 und belegt rund 9 GByte auf der Festplatte.

Ein nach der Installation automatisch eingespielter Patch hat die Bildwiederholrate extrem in die Höhe getrieben. Bugs sind uns - anders als in früheren Gothic-Spielen - nicht aufgefallen. Ab und an trüben allerdings Grafikfehler das Bild: So arbeitet die Kollisionsabfrage bei Figuren nicht immer korrekt, Büsche und anderes Grünzeug verschwinden grundsätzlich, sobald der Spieler näher kommt - möglicherweise ist das Absicht, um in Kämpfen mehr Übersicht zu gewähren, in jedem Fall sieht es seltsam aus. Nett: Der Spieler kann im Optionenmenü zwischen einer "europäischen" Grafikdarstellung mit eher natürlichen bis tristen Farben und einer "amerikanischen" mit etwas bunter und kitschigerer Farbgebung wählen.

Arcania verwendet Securom als Kopierschutz. Das Rollenspiel muss einmalig im Internet aktiviert werden, dann lässt es sich auf einer unbegrenzten Anzahl von PCs installieren und auf drei Windows-PCs gleichzeitig betreiben. Dazu muss weder die Disc im Laufwerk sein, noch ist eine dauerhafte Internetverbindung notwendig. Es soll ohne großen Aufwand möglich sein, die Lizenzen zwischen den genutzten PCs zu transferieren.

Arcania Gothic 4 ist für Windows-PCs und Xbox 360 erhältlich; zum Test lag nur die PC-Fassung vor. Eine Version für Playstation 3 soll im Frühjahr 2011 erscheinen. Auf Konsole kostet das Programm rund 50, auf PC rund 40 Euro. Links zu einer spielbaren Demoversion gibt es auf der offiziellen Homepage des Titels. Die USK hat eine Freigabe ab zwölf Jahren erteilt.

Fazit

Für Freunde der Gothic-Reihe ist Arcania eine Enttäuschung: Statt einer glaubwürdigen Spielewelt gibt es eine zu lineare Handlung, statt Spieltiefe nur unkomplizierte Action. Nun ist es zwar verwunderlich, dass die Entwickler darauf verzichten, für die große Fangemeinde von Gothic einen echten Teil 4 zu produzieren. Aber wenn Publisher Jowood der Meinung ist, dass er mit der Zielgruppe aufgeschlossene Möchtegern-Rollenspieler ohne Erfahrung besser fährt, dann ist das Experiment aus spielerischer Sicht halbwegs gelungen.

Arcania bietet auf leistungsstarken Rechnern hübsche Grafik, insbesondere Wetter und Tag- und Nachtwechsel sehen meist imposant aus. Die Handlung ist letztlich zwar belanglos, aber das Absolvieren der Missionen durchaus unterhaltsam. Und die Gefechte fühlen sich sowohl im Nah- als auch im Fernkampf sogar runder an als in den frühen Gothic-Spielen. Da diesmal auch Bugs kein Thema sind: Wer ein Rollenspiel Light möchte, ist auf der Insel Argaan gut aufgehoben. Wer eine echte Herausforderung will, sucht sich eine andere Welt.  (ps)


Verwandte Artikel:
Elex im Test: Schroffe Schale und postapokalyptischer Kern   
(16.10.2017, https://glm.io/130640 )
Kopierschutz: Gothic 4 verwendet Securom   
(20.09.2010, https://glm.io/78087 )
Gothic 4: Spieler vor Veröffentlichung sauer auf Jowood   
(26.08.2009, https://glm.io/69360 )
Jowood macht Rekordumsatz und hofft auf Gothic 4   
(30.04.2009, https://glm.io/66826 )
Neue Infos zu Gothic 4   
(28.04.2008, https://glm.io/59330 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/