Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1010/78390.html    Veröffentlicht: 04.10.2010 10:06    Kurz-URL: https://glm.io/78390

Audio-Archivierung

Verschwinden Tondokumente wegen des Urheberrechts?

In den USA droht der Verlust vieler im 20. Jahrhundert angefertigter Tonaufnahmen. Der Grund sind Probleme mit dem Urheberrecht bei der Archivierung. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht der Library of Congress.

Tonaufnahmen gehören ebenso zum kulturellen Erbe wie Literatur oder Werke der bildenden Kunst. Die drei größten Bedrohungen für den Erhalt von Tonaufnahmen für die Nachwelt sind die Schwächen der Technik, der Mangel an spezialisiertem Fachpersonal und ein Urheberrecht, das die Belange der Archivierung nicht angemessen berücksichtigt. Zu diesen Schlussfolgerungen gelangt ein jetzt vorgelegter Bericht der Library of Congress in den USA.

Der 181-seitige Bericht The State of Recorded Sound Preservation in the United States: A National Legacy at Risk in the Digital Age fasst die Forschungsarbeit von mehreren Jahren zusammen und bildet die Grundlage für die Ausarbeitung eines National Recording Preservation Plan, der noch in diesem Jahr von der Library of Congress vorgelegt werden soll. Die Erarbeitung von Bericht und Plan wurde im Jahr 2000 von der US-Regierung beschlossen. Ziel der Initiative ist der Erhalt und die Bewahrung von Tonaufnahmen, die "kulturell, historisch oder ästhetisch bedeutsam" sind.

Technische und organisatorische Probleme

Die Erkenntnisse der Forscher sind ernüchternd. Weder ist die Archivierung von Tonaufnahmen ausreichend organisiert, noch stehen die notwendigen Mittel im gebotenen Umfang zur Verfügung. Kleinere Institutionen wie Radiosender und lokale Bibliotheken sind von der Aufgabe, Tonaufnahmen über Jahrzehnte hinweg sicher zu archivieren, schlicht überfordert. Dabei haben gerade die Radiosender im Laufe des 20. Jahrhunderts kulturelle und politische Ereignisse in großem Umfang auf Tonkonserven aufgezeichnet.

Die wirtschaftliche Situation vieler Institutionen gestattet es ihnen nicht, regelmäßig ihre Archive zu überprüfen und, wo notwendig, Aufzeichnungen auf neue Datenträger umzukopieren. Aus Kostengründen sind in den vergangenen Jahrzehnten zudem viele Aufnahmen auf billigen Datenträgern vorgenommen worden, die bei der üblichen Lagerung einem raschen Verfallsprozess unterliegen.

Besonders problematisch sind CD-Rs, die unter normalen Lagerbedingungen schon nach wenigen Jahren unlesbar werden können. So kommen die Autoren des Berichts zu dem Schluss: "Sich auf CD-Rs als Medium zu verlassen... ist fahrlässig". Nichtsdestotrotz ist die CD-R aus Kostengründen vielerorts das Speichermedium der Wahl.

Schlüsselfrage Urheberrecht

Doch die Technik hat nicht nur aufgrund ihrer physikalischen Eigenschaften ihre Tücken. Der Einsatz von Systemen für digitales Rechtemanagement (DRM) erzeugt Probleme ganz eigener Art für die Archivare: "Geht man davon aus, dass jeder digitale Inhalt auf irgendeinem physikalischen Medium gespeichert ist und durch die Entwicklung der Software irgendwann nicht mehr lesbar sein wird, heißt das, dass digitale Inhalte regelmäßig auf neue Speichermedien umkopiert oder in neue Speicherformate transcodiert werden müssen. Um diese Kopien anzufertigen, wird es irgendwann nötig sein, DRM-verschlüsselte Dateien zu decodieren. Jedoch verbietet es der DMCA von 1998, Zugangskontrollmaßnahmen zu umgehen."

Es ist im Sinne dieser Analyse nur konsequent, dass die Autoren des Berichts zu der Einsicht gelangen: "Die Reform des Urheberrechts... ist der Schlüssel zur Bewahrung von Amerikas aufgezeichneter Tongeschichte, zum Schutz der Rechte der Eigentümer, und zur Sicherung des öffentlichen Zugangs."

Ausbildungsmängel

Ein eigenes Kapitel des Berichts befasst sich mit der Entwicklung von Studiengängen zur Archivierung von Tonaufnahmen und zum Archivmanagement. Während es für klassische Bibliothekare keinen Mangel an Ausbildungsgängen gibt, konstatieren die Autoren, dass es an US-Universitäten kein einziges Ausbildungsprogramm mit einem Abschluss als Fachmann für die Archivierung von Tonaufnahmen gibt.

Zwar gebe es hier und da einzelne Lehrerangebote für Aspekte der Problematik. Diese seien jedoch in der traditionellen Ausbildung für Bibliothekare und Archivare angesiedelt. Sie vermittelten den Studenten daher keine angemessene Vorbereitung auf den Umgang mit den "technischen und verwaltungstechnischen Problemen, die bei der Archivierung von digitalen Sammlungen, audiovisuellen Medien oder visuellen Materialien" auftreten. [von Robert A. Gehring]  (md)


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