Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1010/78358.html    Veröffentlicht: 01.10.2010 11:22    Kurz-URL: https://glm.io/78358

Wikileaks

Julian Assange schweigt sich über Machtkämpfe aus

Erstmals seit langem hat sich Julian Assange geäußert. Doch zu den Vorwürfen und den internen Machtkämpfen bei Wikileaks sagt der Gründer nichts.

Das Auditorium ist voll Neugier, und auch voll Anspannung. Julian Assange wird auftreten. Der umstrittene und bekannteste Kopf von Wikileaks will sich einer Diskussion zum Thema Transparenz und Sicherheit stellen. Studenten und Nichtstudenten platzieren sich um 19 Uhr im Vorlesungssaal der Londoner City University, einige klappen ihre Laptops auf. Und dann kommt nach langem Warten Assange die Treppe zum Podium heruntergehuscht, in brauner Lederjacke und mit blonden Strähnen im Haar, fast hätte man ihn auch für einen Studenten gehalten.

"In diesem Raum sind vielleicht 300 Leute", sagt er, "aber in Afghanistan sind im letzten Jahr 3.000 Menschen gestorben". Das müsse man sich mal bildlich vorstellen, so viele tote Körper in einem Raum. Womit er sogleich den Bogen gespannt hat zwischen ihm, dem Wikileaks-Gründer in der Londoner Uni, und dem Krieg am Hindukusch, den er mit seiner Enthüllungsplattform bekämpfen will.

Wikileaks, das versichert dann auch sein Gegenspieler auf dem Podium, der Times-Journalist David Aaronovitch, sei inzwischen ja sehr wichtig geworden. Aber müsse es nicht gerade deshalb Verantwortung übernehmen, was und wie viel es publiziere? Der Moderator des Streitgesprächs hakt nach: Laut Medienberichten hat ja ein isländischer Mitstreiter seine Mitarbeit beendet, weil er es für verfrüht hält, im Oktober den nächsten Leak zum Irakkrieg zu publizieren. Das Material müsse noch gesichtet werden, um identifizierbare Quellen herauszufiltern.

"Falsch", antwortet Assange. Der Bericht sei Teil einer Schmutzkampagne, der Isländer nur einer von vielen Freiwilligen, die keine Einsicht in die Operation hätten. So geht es den ganzen Abend: Fragen zum Rücktritt von Daniel Domscheit-Berg alias Daniel Schmitt bügelt Assange ab. Daniel Schmitt hatte dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel seinen Rücktritt damit erklärt, dass Julian Assange auf jede Kritik mit dem Vorwurf reagiert habe, er würde ihm den Gehorsam verweigern und sei dem Projekt gegenüber illoyal.

Assange: "Komplette Lüge." Schmitt sei schon vor einem Monat aus anderen Gründen suspendiert worden. Mehr Informationen dazu gibt er nicht.

Genauso seine Reaktion auf Fragen nach der Methodik, mit der Wikileaks Geheimdokumente bewertet oder verarbeitet: "Wir wollen nicht, dass unschuldige Menschen zu Schaden kommen, im Gegenteil", sagt er nur. Die Vorwürfe gegen ihn wegen der Belästigung einer Frau in Schweden? Schweden sei ein faszinierendes Land. Punkt.

Stattdessen spricht er immer wieder von seiner Abneigung gegen die USA ("der militärisch-industrielle Komplex"), Wikileaks großer Mission ("Gerechtigkeit schaffen, indem wir Transparenz schaffen") und seiner Verachtung für Journalisten ("die berichten immer falsch"). Die Fragen aus dem Publikum an Assange sind zahlreich und kritisch, aber nach anderthalb Stunden Diskussion weiß man nicht wirklich mehr.

Stimmt denn beispielsweise das Gerücht, dass Wikileaks am 18. Oktober fast 400.000 Dokumente zum Irakkrieg veröffentlichen wird? "Darüber rede ich nicht", antwortet Assange. [von Khuê Pham / Zeit Online]  (ji)


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