Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1010/78350.html    Veröffentlicht: 01.10.2010 12:15    Kurz-URL: https://glm.io/78350

WeTab im Test

Die Tablet-Veräppelung

Updates ohne Ende: Der Start des WeTab verlief holperig. Seit dem Verkaufsstart wurde das System dreimal nachgebessert, weitere Aktualisierungen sollen folgen. Das WeTab funktioniert zwar, entscheidende Funktionen fehlen oder aber sind unvollständig. Der einstige iPad-Killer ist eine Baustelle.

Work in Progress: In der ersten Woche seit dem Verkaufsstart haben die WeTab-Entwickler bereits drei Updates nachgereicht, die wichtige Fehler beheben und fehlende Funktionen nachgeliefert haben. Den Entwicklern sind diese Unzulänglichkeiten durchaus bewusst. Noch mehr Updates sollen WeTabOS nach und nach zu einem runden System machen. Ab heute ist das WeTab in den Läden ohne Vorbestellung erhältlich. Das kleinere mit einem 16-GByte-SSD-Speicher kostet 499 Euro und das größere mit 32-GByte-SSD-Speicher, UMTS und GPS-Modul kostet 569 Euro.

Unverständlich ist allerdings, dass das Gerät ohne die sogar auf der beiliegenden Installations- und Benutzeranleitung beworbene Multitouch-Funktion ausgeliefert wurde. Sie wurde erst am 1. Oktober 2010 per Update nachgereicht. Von einem Multitouch-Gerät kann auch nach der Aktualisierung keine Rede sein: Zwar führt das Spreizen und Zusammenziehen zweier Finger im Browser zum Vergrößern und Verkleinern einer Webseite, aber das weder stufenlos noch konsistent. Mal führte das Spreizen der Finger zu einer Verkleinerung des Bildausschnitts, mal vergrößerte sich der Inhalt. Das Zusammenziehen der Finger hatte den gleichen Effekt.

Halbfertiges Multitouch

Das WeTab ist das erste Meego-basierte Tablet, das Multitouch bieten soll. Dabei wurde das Betriebssystem aber nicht um ein allgemeines Multitouch-Framework erweitert, sondern einzelne Applikationen wurden mit Multitouch-Unterstützung versehen. Mindestens für den Bildbetrachter und später auch in der Anwendung für das Kartenwerk von Bing wollen die Entwickler diese Funktion nachreichen. In der jetzigen Form ist Multitouch jedoch überflüssig. Die Benutzeroberfläche des WeTab macht einen durchdachten Eindruck. Die Icons für Anwendungen sind groß und verteilen sich übersichtlich auf der ausladenden Benutzeroberfläche. Navigiert wird entweder per Fingerwisch oder durch die Bedienung der Vorschauleiste rechts am Bildschirm. Rechts befinden sich auch weitere Schaltflächen: zuoberst die Schaltfläche "Anpassen", über die die Desktop-Icons verschoben oder gelöscht werden können. Darunter liegt die Info-Schaltfläche, die Uhrzeit, Akkuladung sowie Regler für die Lautstärke und Bildschirmhelligkeit anzeigt.

Gut vernetzt

Über die Info-Schaltfläche werden auch die WLAN-Verbindungen oder - bei der 3G-Ausgabe - die UMTS-Verbindungen konfiguriert. Die WLAN-Verbindungen kamen im Test immer zustande, sämtliche 3G-Verbindungen allerdings nicht. Der Tipp der Entwickler, die PIN-Abfrage zu deaktivieren, führte weder bei einer SIM-Karte von O2 noch bei einer der Telekom zum Erfolg. Hier wollen die Entwickler nachbessern. Eine PIN-Eingabe, die laut WeTab bereits in einem Update vom 24. September 2010 nachgereicht worden ist, wurde in unserem Test nicht angezeigt. Mankos gibt es bei der Konfiguration von WLAN-Verbindungen: Zum einen bringt die integrierte Tastatur nicht alle üblichen Sonderzeichen mit, zum anderen fehlt die Möglichkeit, feste IP-Adressen zu vergeben. Verschlüsselte Verbindungen mit WPA und WPA2 waren hingegen problemlos möglich. Der 5-GHz-Bereich wird von dem Gerät nicht unterstützt.

Das WeTab beherrscht Multitasking: Mehrere Programme können gleichzeitig geöffnet werden. Über die Schaltfläche "Vorheriges Fenster" wird durch die geöffneten Programme navigiert. Alternativ steht der Taskmanager unter "Geöffnete Fenster" zur Verfügung. Er zeigt alle geöffneten Programme im Exposé-Modus und erlaubt es, Programme zu schließen. Unten befindet sich die Schaltfläche für die virtuelle Tastatur, die etwa ein Drittel des Bildschirms einnimmt. Die Tastatur ist eine Eigenentwicklung der WeTab-Programmierer und funktioniert problemlos - bis auf die bereits erwähnten fehlenden Sonderzeichen, zu denen unter anderem die Tilde zählt. Auch die Schaltflächen für Copy-and-Paste funktionieren, und das sogar programmübergreifend.

WeTab-Browser: Marke Eigenbau

Die Schaltfläche "Internet" öffnet den Webkit-basierten Browser. Er wurde mit den Updates der vergangenen Woche um einige Funktionen erweitert, beispielsweise um das Zoomen per Doppeltipp, was allerdings nicht immer zügig reagiert. An der Geschwindigkeit des Browsers selbst ist wenig auszusetzen, Webseiten werden schnell geladen. Das Scrollen in der Webseite per Fingerwisch bringt das Gerät allerdings ins Stocken. Über die ursprünglich dafür vorgesehene Daumenleiste am linken Bildschirmrand funktioniert das Scrollen hingegen problemlos. Zusätzlich bietet diese Navigation eine Vorschau, über die auch im Inhalt einer Webseite gesprungen werden kann.

E-Mail, Kalender und Adressbuch stammen aus dem Softwareprojekt Claws. Zwar wurden hier - wie auch im E-Book-Reader - die Icons an die Eingabe mit dem Finger angepasst. Allerdings funktionierten die Sortierfunktionen im E-Mail-Programm nicht und die entsprechenden Schaltflächen waren viel zu klein für ein vernünftiges Arbeiten mit dem Finger. Die Fenster Adressbuch und Kalender werden über das E-Mail-Fenster gelegt, was beim Start der Anwendungen zu Verzögerungen führt.

Nicht zum Arbeiten geeignet

Gut funktioniert hingegen die Applikation für das Kartenmaterial von Bing. Sowohl in der Karten- als auch in der Satellitenansicht war das Navigieren per Finger flüssig. Hier ist das einzige Manko die fehlende Multitouchfunktion: Das Vergrößern und Verkleinern der Ansicht funktioniert bislang nur über die Schaltflächen, die aber immerhin an die Touchoberfläche angepasst wurden.

Angepasste Schaltflächen fehlen dagegen beim beigelegten Office-Paket Openoffice.org gänzlich. Das macht die Software fast unbrauchbar, zumal auch eine entscheidende Taste für die Bedienung von Tastenkombinationen auf der virtuellen Tastatur fehlt: die Strg-Taste. Später soll ein Dock erhältlich sein, über das auch drahtlose Tastaturen angeschlossen werden können. Fehlende Sonderzeichen können zwar auch jetzt per angeschlossener USB-Tastatur eingegeben werden. Laut Entwickler funktioniert aber bislang nur die Eingabe mit englischem Layout. Für die Arbeit in der auf dem WeTab installierten Version der Bürosoftware passt das, denn sie ist nur in englischer Sprache vorhanden.

Träge Reaktionszeit

Die Benutzerführung des WeTab ist oft inkonsistent. Beim E-Book-Reader führt dreimaliges Tippen auf den Bildschirm zu einem Ansichtswechsel im Hochformat, nicht aber in anderen Anwendungen. Dort führt doppeltes Tippen zur Vergrößerung, was wiederum im E-Book-Reader nicht der Fall ist. Im E-Book-Reader fehlt außerdem die Angabe der Seitenzahlen sowie das Menü. Mit Wischen konnte zwar der Inhalt aktualisiert werden, allerdings reagierte die Anwendung dabei äußerst träge. Ein Umschalten zurück ins Querformat gelang nur nach ungeduldigem Tippen.

Der Musikplayer Banshee ist nicht an die Touchscreen-Oberfläche angepasst. Hier fällt auf, dass die internen Verknüpfungen inkonsistent sind: Das Öffnen eines Musikstücks im Ogg-Format über den Dateibrowser rief eine andere Benutzeroberfläche auf, die der Mediengalerie. Das Antippen des Starters "Musicplayer" hingegen öffnete Banshee, in das die Ogg-Dateien dann erst importiert werden mussten. Das WeTab kommt mit den Audioformaten MP3, WAV, OGG, WMA und AAC zurecht.

Langsamer Dateibrowser

Der Dateibrowser ist eine Eigenentwicklung von 4tiitoo, das ihn an die Touchscreen-Oberfläche angepasst hat. Schön gelöst sind die zusätzlichen Optionen zum Ausschneiden, Verschieben und Kopieren sowie die Mehrfachauswahl über zusätzliche Buttons. Allerdings reagiert auch der Dateimanager äußerst störrisch auf Eingaben, was zu hektischem Herumhacken auf dem Gerät führt. Kollegen vermuteten beim Test einen Specht im Büro. Es fehlt auch an einem Zip- oder Rar-Entpacker. Außerdem konnten wir Dateien nicht umbenennen.

Gut gefallen hat uns die Bildergalerie. Sie ist mit den klassischen Funktionen ausgestattet: Bilder können in Galerien zusammengefasst werden und das Blättern zwischen den Bildern erfolgt wie gewohnt per Fingerwisch. Praktisch ist auch der automatische Import von Bildern auf USB-Geräten oder SD-Chipkarten. Hier fehlt allerdings eindeutig die versprochene Multitouchfunktion.

Mit Flash-Unterstützung

Einen weiteren positiven Effekt bringt das Einstecken eines externen Speichergeräts: Zunächst erscheint am linken Bildschirmrand ein Tab, das andeutet, dass ein Stick oder eine Speicherkarte erkannt wurde. Wird auf das Tab getippt, erweitert sich die Schaltfläche um weitere Optionen, je nachdem, welche Dateien sich auf dem Speichergerät befinden. Bei bekannten Musikformaten bietet das WeTab an, sie mit dem integrierten Musikplayer abzuspielen, eine entsprechende Option erscheint auch für Fotos.

Mangels Hardwarebeschleunigung für Flash-Inhalte hakt der Aufbau mancher Webseiten, eingebettete Videos wirken eher wie Diaschauen. Spätestens dann fällt auch der Lüfter des Gerätes auf, der zumindest bei Last hörbar ist. Eine Flash-Version, die an den im Gerät verbauten Broadcomm-Crystal-HD-Chipsatz angepasst ist, soll von Adobe nachgeliefert werden. Ein Termin dafür steht noch nicht fest. Nach erheblichen Anfangsproblemen funktionieren die externen HDMI-Ausgänge mittlerweile auf beiden Gerätevarianten, allerdings hapert es laut WeTab bei der Ausgabe von 1080p: Die Firmware des Chipsatzes soll einen Bug enthalten, den die Hersteller nun versuchen zu reparieren.

Als Videoplayer brauchbar

Werden Videoinhalte hingegen direkt mit dem mitgebrachten Videoplayer abgespielt, laufen sie flüssig, zumindest in der Auflösung von 720p - auch von externen Massenspeichern. Bei Videos in 1080p gab es aber Fehler beim Bildaufbau, was allerdings noch zu verschmerzen war. Die Akkulaufzeit beim Abspielen von Videos lag in unserem Test bei 2,5 Stunden.

Das Display ist etwas zu dunkel, bei zu flachem Blickwinkel invertieren die Farben und die Helligkeit fällt zum unteren Rand ab. Das ist bei TN-Panels durchaus normal und kann bei Notebooks durch den Winkel des Bildschirms ausgeglichen werden. Entsprechend muss das WeTab in einem idealen Winkel gehalten werden. Legt der Nutzer es flach auf den Tisch - was angesichts eines Gewichts von rund einem Kilo eine gute Idee ist -, verschlechtert sich das Bild. Am besten lässt sich das WeTab dann benutzen, wenn der Anwender es um 180 Grad dreht.

Der Lagesensor funktioniert - seit dem Update, das in der Nacht zum 23. September 2010 verteilt worden ist. Damit lässt sich auch der Browser in Stufen um 90 Grad drehen. Das gilt allerdings nicht für alle Applikationen. Die Pinnwand beispielsweise kann nur um 180 Grad gedreht werden. Grund für das bisweilen gewitterige Flackern ist der bei der Drehung erforderliche Neustart des darunterliegenden XServers. Bei heftigen oder schnellen Drehungen bleibt das Bild unter Umständen einfach stehen oder verzerrt - zumindest für ein paar Augenblicke. Das sorgt für einige Schrecksekunden, bislang stürzte das WeTab im Test aber nur einmal ab.

Fazit

Den durchwachsenen ersten Eindruck konnte das Gerät im ausführlichen Test nicht bestätigen. Titelten wir damals noch "Unausgegoren, aber nicht schlecht", konstatieren wir nach den ersten Updates, dass das Gerät in seiner aktuellen Form nicht marktreif ist - und es vermutlich auch so schnell nicht werden wird. Das Multitouch-Update entpuppte sich zum Beispiel schlicht als enttäuschend.

Es liegt einfach einiges im Argen beim WeTab: Das Gerät an sich ist ordentlich ausgestattet und übertrumpft das iPad zumindest bei den USB- und HDMI-Anschlüssen. Das Display ist größer - kann aber bei der Darstellungsqualität mit dem iPad-Display nicht mithalten.

Die geringe Akkulaufzeit von etwa vier Stunden unter Normallast ist für ein Tablet zu wenig. Zum Vergleich: Das iPad läuft mit einer Akkuladung rund 10 Stunden. Und das WeTab ist dabei deutlich schwerer als Apples Tablet: Es bringt in beiden Ausstattungsvarianten rund 1 kg und damit rund 300 Gramm mehr auf die Waage als das iPad.

Die Unterstützung für Flash fällt positiv ins Gewicht, wenn auch einige Inhalte noch nicht ruckelfrei laufen. Die gegenwärtige Auswahl an Applikationen im WeTab-Markt ist mager und beschränkt sich meist auf schön verpackte Weblinks. Das einheitliche Layout für die Programme, die WeTab an die Touchoberfläche angepasst hat, ist hingegen durchdacht, vor allem die konsequente Menüführung am Rand des Bildschirms.

Die Entwickler haben noch viel vor: Das Flackern beim Drehen soll verschwinden, sobald der Compositing-Manager dafür angepasst ist. Die noch nicht verfügbaren Android-Apps sollen später über einen Android-Pit genannten Marktplatz erhältlich sein und in einer angepassten virtuellen Maschine von Virtualbox laufen. Laut WeTab arbeiten die Entwickler zusammen mit Intel an einer Portierung von Googles Dalvik-Engine auf das vom WeTab genutzte Betriebssystem Meego. Eine Navigationssoftware steht ebenfalls auf dem Plan.

Wann diese Funktionen verfügbar sind, steht noch nicht fest. Die enthaltenen Bugs machen das WeTab zu einem Tablet für Geduldige und Bastler, die selbst Hand anlegen wollen. Und während Apple versucht, mit dem iPad und all seinen Einschränkungen eine neue Gerätekategorie zu etablieren, ist das WeTab eher ein Linux-Netbook im Tabletformat, mit allen Vor- und Nachteilen.

Im aktuellen Zustand führt die Benutzung des WeTab zu reichlich Frust und Enttäuschung. Und der verlangte Preis ist zu hoch. Marktreif ist das jetzt verkaufte Gerät definitiv nicht.  (jt)


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