Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1009/78328.html    Veröffentlicht: 30.09.2010 12:06    Kurz-URL: https://glm.io/78328

Wikileaks

Zwei weitere Aktivisten treten zurück

Wikileaks hat nach Daniel Domscheit-Berg zwei weitere Mitarbeiter verloren: Herbert Snorrason trat aus Unmut über den Weggang Domscheit-Bergs zurück. Außerdem ging ein Programmierer.

Vor wenigen Tagen hatte der deutsche Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg seinen Rücktritt bekanntgegeben. Als Aktivist hatte er sich Daniel Schmitt genannt. Auf der Wikileaks-Twitter-Seite war hingegen gemeldet worden, Domscheit-Berg sei schon einen Monat zuvor beurlaubt worden.

Nun trat auch Snorasson zurück - aus Protest über dem Umgang von Wikileaks-Gründer Julian Assange mit Domscheit-Berg. Außerdem verabschiedete sich ein Programmierer von Wikileaks.

Snorrason war für die geheimen Chatrooms bei Wikileaks verantwortlich. Aus einem Chatprotokoll einer Unterhaltung zwischen Assange und Domscheit-Berg geht hervor, dass der ehemalige Wikileaks-Sprecher von Assange verdächtigt wurde, Interna anderer Wikileaks-Aktivisten an das Nachrichtenmagazin Newsweek weitergegeben zu haben.

Kritiker geopfert

Aus den internen Beratungen geht hervor, dass eine Gruppe von Wikileaks-Mitarbeitern Assanges Äußerungen im Rahmen seiner Anklage wegen Belästigung in Schweden kritisiert hat. Assange hatte über die Wikileaks-Webseite eine Verschwörung gegen ihn als Grund für die Anschuldigungen verantwortlich gemacht. Die Mitarbeiter hatten daraufhin Assange nahegelegt, bis zur endgültigen Klärung seine öffentlichen Auftritte zu reduzieren. Inzwischen wurde der ursprüngliche Vorwurf der Vergewaltigung gegen Assange widerrufen, er darf Schweden auch verlassen. Die Ermittlungen gegen ihn wegen der Belästigung einer Frau laufen aber weiter.

In dem Chat kritisierte Domscheit-Berg Assanges autoritäre Art und warf ihm vor, ihn als Boten schlechter Nachrichten aus den eigenen Reihen zu opfern. Er sprach von einem schweren Vertrauensverlust und hielt Assange vor, dessen Unterstützung schwinde auch in den eigenen Reihen. Assange beurlaubte Domscheit-Berg daraufhin für einen Monat, gab ihm aber die Möglichkeit, später gegen die Beurlaubung Einspruch einzulegen. Da ein solcher Termin für eine "Anhörung" Domscheit-Bergs bei Assange aber nie stattfand, trat Domscheit-Berg zurück.

Das Chatprotokoll wurde dem Nachrichtenportal Wired.com zugespielt. Domscheit-Berg sei nicht für die Veröffentlichung des Protokolls verantwortlich, schreibt Wired.com, bestätige aber den Inhalt.

Kritik unerwünscht

Snorrason sagte, er sei mit der zuvor teilweise unredigierten Veröffentlichung von Dokumenten zum Afghanistan-Konflikt unzufrieden gewesen. Dies habe er auch kundgetan. Als Bedingung für sein weiteres Engagement bei der Aktivistengruppe habe er genannt, die noch nicht veröffentlichten Dokumente zum Krieg im Irak müssten vollständig gesichtet werden. Außerdem intervenierte er wegen der Beurlaubung Domscheit-Bergs. Assange gab ihm anschließend deutlich zu verstehen, auch er sei unerwünscht.

Teile der veröffentlichten Afghanistan-Dokumente enthielten die Namen afghanischer Bürger und Informationen darüber, welche Rolle sie für die Interventionstruppen spielten. Die Veröffentlichung der Namen stieß beim Pentagon und auch bei Menschenrechtsgruppen auf Kritik. Assange appellierte daraufhin an die Kritiker, beim Redigieren der Dokumente zu helfen. Unklar ist, ob aufgrund der veröffentlichten Dokumente afghanische Bürger zu Schaden gekommen sind.

Nach Angaben von Wikileaks werden derzeit darüber hinaus noch 15.000 Dokumente aus dem Afghanistan-Krieg zurückgehalten. Ein unbekannter Wikileaks-Mitarbeiter sagte Wired, die Dokumente seien längst redigiert, würden aber von Assange aus unbekannten Gründen zurückgehalten.

Ob die verschiedenen Dokumente aus dem Fundus stammen, die ein US-Armee-Angehöriger angeblich an Wikileaks weitergegeben hat, ist nicht bekannt. Der Soldat wurde verhaftet und sieht einer Anklage wegen Verrats entgegen.

Inzwischen ist der Erscheinungstermin für die Dokumente zum Krieg im Irak durchgesickert: Sie sollen am 18. Oktober veröffentlicht werden. Snorrason hält es für völlig unrealistisch, bis dahin alle 392.000 Dokumente zu redigieren und Namen von möglicherweise gefährdeten Menschen zu entfernen.

Mitarbeiterschwund

Mittlerweile ist auch der Programmierer zurückgetreten, der für die Entwicklung einer Anwendung verantwortlich war, mit der die Irak-Dokumente nach den Namen gefährdeter Personen durchforstet werden.

Auch andere Wikileaks-Mitglieder haben sich unzufrieden mit einem Alleingang von Assange geäußert: Er soll einigen bislang unbekannten Medien die Irak-Dokumente zur Verfügung gestellt haben - ohne Rücksprache mit seinen Mitstreitern. Auch der geplante Erscheinungstermin wurde von Assange allein festgelegt.

Laut dem Chatprotokoll sagte Domscheit-Berg zu Assange: "Ein Anführer kommuniziert und schafft Vertrauen in sich. Du machst gerade das Gegenteil."  (jt)


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