Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1009/78140.html    Veröffentlicht: 22.09.2010 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/78140

Spieletest Civilization 5

Runderneuerte Rundenreferenz

Heureka! Die Entwickler bei Firaxis hatten einige Geistesblitze, um Civilization mit Teil fünf gehörig umzustrukturieren. Die Spielziele sind die alten, die Wege zum Sieg spielen sich dank vieler kleiner und großer Neuerungen aber wie nie zuvor.

Cäsar, Montezuma, Napoléon... Schon die Namen dieser Feldherren deuten es an: In Civilization 5 geht es um nichts Geringeres als die Weltherrschaft. Von der Antike bis in die Moderne müssen Spieler einem der genannten Herren oder 15 anderen Staatsoberhäuptern unter die Arme greifen und ihre Nation rundenweise stärker, zufriedener und reicher machen als alle anderen auf der Erde. Zu diesem Zweck erkunden sie die Karte, bauen Städte, erschließen Ressourcen, erforschen neue Technologien und ziehen in den Krieg.

Sofort fallen die neue Grafik und das minimalistische Interface auf. Die 3D-Engine rendert die Weltkarte in realistischen Farben und Formen. Außerdem bietet Civ 5 zum ersten Mal sechseckige statt viereckige Spielfelder. Das hat den Vorteil, dass Landschaften fließender ineinander übergehen und Berge, Flüsse und Täler realistischer wirken als in den abstrakteren Vorgängern.

Das Interface blendet viele Optionen aus, die Spieler nur selten benötigen, und ist übersichtlich strukturiert. Links werden stets die Auswahllisten für Einheiten, Gebäude oder Forschung in einem einheitlichen Look angezeigt. Rechts unten steht jederzeit die Minikarte zur Verfügung. Außerdem bietet das Spiel eine vereinfachte 2D-Ansicht der Weltkarte, die ebenfalls hilfreich ist.

Durch die atmosphärische Grafik ist es ein besonderer Genuss, während der ersten Spielminuten eines der neuen Naturwunder zu entdecken. In ihrer Nähe lohnt es, die Expansion des eigenen Reiches zu beginnen. Während in der ersten Stadt noch am Kornspeicher gehämmert wird, müssen Spieler peu à peu ihr Reich vorausschauend planen, denn in Civilization 5 kostet jeder Ausbau - und sei es nur eine einfache Straße - bares Geld pro Runde.

Diplomatie von Beginn an durch Stadtstaaten

Auf Erkundungstour treffen Spieler auf andere Zivilisationen, besagte Naturwunder oder Ruinen, garstige Barbaren oder neuerdings auch Stadtstaaten. Stadtstaaten sind kleine Länder, die nicht um den Sieg kämpfen. Sie tragen die Namen bekannter Städte: Wien oder Edinburgh beispielsweise. Spieler können mit den Stadtstaaten keinen Handel treiben und auch keine komplexen diplomatischen Gespräche führen, das ist den anderen Nationen vorbehalten. Die Stadtstaaten sind aber dennoch von großer spielerischer Relevanz, denn sie vergeben verlässlich Ressourcen und Geld.

Der Beginn einer Partie dreht sich stark um die Allianzen mit den Stadtstaaten, die ihren eigenen Willen haben und oft mit anderen im Clinch liegen. Um die Gunst der Stadtstaaten zu gewinnen, müssen Spieler kleinere Aufträge erfüllen oder Bares ausgeben. 250 Goldmünzen, ein vertriebener Gegner oder ein bestimmtes Bauwerk bringen den nötigen Einfluss, um vom Stadtstaat eine seltene Ressource zu bekommen. Fortan ist das eigene Volk glücklicher.

Das macht schon die ersten Stunden einer Partie Civilization 5 aufregend. Wer verbündet sich mit wem, was hat das für Auswirkungen? Diese Fragen stellen sich dem Spieler von der ersten Minute an - und nicht erst wenn alle Nationen entdeckt sind. Später werden Bündnisse mit den anderen Nationen wichtiger und meistens platzt noch vor dem Mittelalter einer Nation der Kragen und sie schickt Pikeniere, Bogenschützen oder eine der vielen volksspezifischen Spezialeinheiten in den Krieg gegen den Spieler, wenn der noch nicht selbst mobilgemacht hat.

Kämpfe wie in Advance Wars oder Panzer General

Die Zeiten, in denen ganze Wehrmachten gestapelt auf einem Hügel eine Stadt eingenommen haben, sind vorbei: Civ 5 wartet mit einem neuen Kampfsystem auf, das eher an Advance Wars oder Panzer General erinnert als an alte Teile der Serie. Die genannten Titel waren definitiv keine schlechten Vorbilder, denn die neuen Scharmützel machen sehr viel Spaß und bieten taktische Tiefe.

Ein Spielfeld darf nur noch von einer Einheit besetzt sein, was die Belagerung einer Stadt optisch wie spielerisch interessanter macht. Ein Tribok schießt beispielsweise vom nahe gelegenen Hügel über ein Sägewerk im Fernkampf, während nördlich zwei Samuraiverbände die Eisenmine und die Weizenfelder der Stadt zerstören, um deren Produktion zu schwächen. Im Süden rücken schon die Streitwagen-Bogenschützen an, die einen Bergpass flankieren mussten.

Städte haben einen eigenen Verteidigungswert und können zwei Felder weit schießen. Sind sie aber erst einmal von vier bis fünf Einheiten umstellt, können sie sich nicht halten. Um sich gegen ein solches Szenario zu wehren, müssen Spieler neue Verteidigungsstrategien einsetzen. Die eigenen Einheiten sollten auf der Karte verteilt Wache stehen und Knotenpunkte besetzen. Idealerweise sind diese Punkte durch Festungen gesichert, die von Bauarbeitern errichtet werden.

Weniger Religionsfreiheit

Die politische Ebene von Civilization 5 ist ebenfalls überholt worden. Politik und Religion wurden nach der strikten Trennung im vierten Teil nun wieder stärker zusammengeführt. Mit angesammelten Kulturpunkten können Spieler verschiedene gesellschaftspolitische Kurse verfolgen, die im Spiel etwas zu wörtlich als Sozialpolitiken übersetzt sind.

Die Sozialpolitik Tradition verbessert zum Beispiel die eigene Hauptstadt durch verschiedene Boni, während Frömmigkeit das Volk durch Theokratie und Reformation glücklich macht oder ein Goldenes Zeitalter einläutet. Individuelle Religionen wie im Vorgänger lassen sich nicht mehr gründen. Missionare oder Spione fehlen in Civ 5 ebenso wie die Luftverschmutzung. An einigen Ecken haben die Entwickler etwas zu viele eingespart.

Über die Sozialpolitiken wird der Kultursieg erlangt. Spieler müssen dafür fünf Sozialpolitiken komplett ausbauen, um das Utopia-Projekt zu starten und den Spielsieg davonzutragen. Die anderen Siegbedingungen sind die alten: Entweder nimmt eine Nation alle Hauptstädte ein, wird am Ende von der UN zum Sieger gewählt oder er startet als Erster das Shuttle ins Weltall.

Civilization 5 erscheint in Deutschland am 24. September für Windows-PC und kostet circa 45 Euro. Das Spiel nutzt Steam als Schutz gegen illegale Kopien und unterstützt die Steam Cloud, um Spielstände sowie Erfolge (Achievements) von einer Plattform zur nächsten zu sichern. Als Systemvoraussetzungen nennen die Hersteller einen Zweikernprozessor mit etwa 2 GHz, 2 GByte Arbeitsspeicher und eine DirectX-9-fähige Grafikkarte mit 256 MByte Speicher.

Fazit

Der Wettstreit um das erste Eisenvorkommen oder das letzte Uranfeld wird auch in der fünften Auflage nicht alt. Die neuen Ideen in Civilization 5, von den Naturwundern bis zu den Stadtstaaten, überzeugen. Das übersichtliche Interface ermöglicht zudem einen freien Blick auf die schöne 3D-Grafik. Besonders clever ist die Einführung des neuen Kampfsystems, das nur noch eine Einheit pro Spielfeld zulässt. So werden Spieler, die ihre Armeen früher immer gestapelt haben, gezwungen, taktischer zu kämpfen.

Das fabelhafte Civilization 4 kann der fünfte Teil aber (noch) nicht ablösen. Religionen mit ihren Missionaren werden genauso vermisst wie die Luftverschmutzung der Industriestädte oder Spione. Auf Seiten der Zugänglichkeit haben die Entwickler zwar etwas zugelegt und in ein ordentliches Tutorial investiert, aber auch Civilization 5 bleibt ein komplexer Zeitfresser für Fans, die den Technologiebaum im Spiel auf Kommando herunterbeten können. Neulinge sollten lieber in Civilization Revolution reinschnuppern und schauen, ob ihnen das Spielprinzip gefällt.  (mw)


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