Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1009/78004.html    Veröffentlicht: 15.09.2010 22:58    Kurz-URL: https://glm.io/78004

Kontextbezogenes Computing

Die Maschine denkt mit - und sagt, was zu tun ist

Wer jetzt schon Angst vor der Datensammelwut von Apple und Google hatte, darf nach Justin Rattners Rede auf dem IDF beruhigt in Panik ausbrechen. Geht es nach Intel, sollen mobile Geräte der Zukunft erkennen, wie sich der Nutzer fühlt und ihn entsprechend herumkommandieren.

Die letzte Keynoteansprache des IDF ist stets der Forschung gewidmet. Während CTO Justin Rattner in der Vergangenheit oft spannende Experimente wie den Strom ohne Kabel vorführte, konzentrierte er sich diesmal auf lebensnahe Anwendungen. Die am einfachsten greifbare: Nach einem Spaziergang durch San Francisco am vergangenen Sonntag, bei dem Rattner ein MID dabeihatte, erstellte das Gerät automatisch ein Reisetagebuch.

Den Weg hatte es per GPS aufgezeichnet, die Bilder, die Rattner dabei geschossen hatte, waren auch schon hochgeladen und mit Geotags versehen - und auch, wo gegessen wurde, war erfasst. Das stellte die Anwendung in einem Blog dar.

Während das heute schon geht, wurde in einem Video gezeigt, wie Smartphones in Zukunft mitdenken sollen. Eine junge, modebewusste und konsumorientierte Frau hielt dabei ihrem Handy, das neben ihr auf dem Sofa lag, einen Vortrag: "Du erkennst die Zusammenhänge nicht!" war der pointierteste Vorwurf. Das Gerät der Dame konnte nämlich nicht das, was das Smartphone ihrer besten Freundin schon beherrschte.

Deren Gerät stellte fest, dass die beiden zum Essen verabredet waren. 15 Minuten vor dem Termin schlug es eine Autoroute vor und warnte auch, dass besser ein Regenschirm mitgenommen werden sollte - die Wettervorhersage war schlecht. Was es in dem gemeinsamen Lieblingsrestaurant der beiden Frauen als Tagesgericht gab, wusste der kleine Helfer auch schon.

Daten verknüpfen und auswerten

Es geht also darum, Daten, die ohnehin schon verfügbar sind, zu verknüpfen und zueinander in Beziehung zu setzen. Dieses "context aware computing" will Intel verstärkt erforschen. Der Grund: All das braucht Rechenleistung. Im MID (Atom) und im Rechenzentrum der Cloud (Xeon).

Neben den harten Daten, die mobile Geräte unterwegs erfassen, sollen dabei auch die weichen Daten einbezogen werden, also zum Beispiel die aus sozialen Netzwerken. Intel stellt sich das so vor: Wenn sich Freunde mit bestimmter Musik wohlfühlen - das sollen die Geräte anhand von Körperdaten erkennen -, schlägt das System diese Songs auch anderen vor.

Die Erfassung von Daten des menschlichen Körpers soll auch Unfälle vermeiden. Rattner selbst trug während seines Vortrags Sensoren in den Socken, die seinen Gang aufzeichneten. Das System kann dabei Unregelmäßigkeiten erkennen. Gedacht ist es für Senioren, bei denen ein Sturz im eigenen Heim die Unfallursache Nummer eins ist. Einem Stolpern gehen aber meist schon einige unsichere Schritte voraus, so dass der Computer dann sagen kann: Bleib stehen, dir geht es nicht gut, setz dich lieber hin.

Noch persönlichere Daten als den Gesundheitszustand gibt es kaum noch - daher müssen sie besonders gut geschützt werden. Wie Rattner im Anschluss Golem.de erklärte: "Man kann sich nicht in diese Bereiche bewegen, ohne vorher zu erforschen, ob die Anwender solche Dienste akzeptieren oder ablehnen werden." Daher sollen die Menschen die Daten, die kontextbezogene Rechner erfassen, kategorisieren und gezielt freigeben können.

Seine eigenen Gesundheitsdaten, sagte Rattner, würde er nur für seinen Arzt zur Verfügung stellen - vielleicht noch für die engsten Angehörigen. Intels Softwareframework für kontextbezogene Rechner sieht für diese Freigaben einen zentralen Mechanismus vor. Dass solche Konzepte auf generelle Ablehnung stoßen könnten, befürchtet Rattner nicht: "500 Millionen Anwender bei Facebook stellen ihre Daten freiwillig, mit Freuden, ja beinahe mit Anmut zur Verfügung", sagte Intels CTO. Der nächste Schritt ist auch schon klar: Zusammen mit der Carnegie-Mellon-Universität erforscht Intel das Erkennen von Worten, an die Menschen nur denken.  (nie)


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