Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1009/77766.html    Veröffentlicht: 07.09.2010 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/77766

Spieletest Ruse

Bluffen im Zweiten Weltkrieg

Täuschungsmanöver, getarnte Einheiten, überraschende Attacken: Das Strategiespiel Ruse legt großen Wert auf Bluffs und Tricks. Damit unterscheidet es sich wohltuend von den zahllosen Strategietiteln im Zweiter-Weltkrieg-Szenario.

In Ruse trifft Fiktion auf Historie - zwar ist das Spiel Mitte der vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts und somit im Zweiten Weltkrieg angesiedelt, allerdings werden reale und erdachte Ereignisse miteinander kombiniert. Im Mittelpunkt der Kampagne steht dabei US-Major Joe Sheridan, der seine Truppen von Nordafrika nach Italien, Frankreich, Holland, in die Ardennen und schließlich nach Deutschland führt, um dort auf seinen Hauptwidersacher zu treffen - einen Spitzel, der für den Tod unzähliger Alliierter verantwortlich ist.

Auffälligste Eigenschaft von Ruse ist zu Beginn die stufenlos zoombare Ansicht - dem Spieler ist es möglich, bis ins kleinste Detail der Schlachten einzutauchen und einzelne Einheiten auszuwählen. Gleichzeitig kann er aber so weit herauszoomen, dass das Ganze einer gigantischen Risikokarte gleicht. Auf Letzterer lassen sich dementsprechend gewichtige Entscheidungen treffen - hier werden ganze Verbände und Truppen samt Panzern und Flugzeugen auf die Reise geschickt, um die feindlichen Armeen zu attackieren. Auf derartigen Entscheidungen basiert auch das Spielprinzip. Ressourcenmanagement und Kampfmechanik sind zunächst einfach gehalten und auch für Strategieneulinge leicht erlernbar.

Auf Panzerangriffe wird mit passenden Abwehreinheiten reagiert, feindliche Flieger werden mit Abfangjägern gekontert. Die Missionen der Kampagne werden mit zunehmender Spieldauer komplexer. Erst müssen einzelne Stützpunkte erobert oder beschützt, später ganze Städte an mehreren Kampfschauplätzen eingenommen werden. Allerdings geht es nicht nur darum, feindliche Stellungen und Truppen ausfindig zu machen und mit einfachen Klicks zu überrollen. Taktik und geschickte Positionierung stehen im Mittelpunkt: Unterschiedliche Landschaften wie dichte Wälder ermöglichen es, bei überlegt geführtem Truppeneinsatz aus sicherer Deckung heraus deutlich größere Feindheere zu schlagen. Wichtig dafür ist allerdings das frühzeitige Aufklären der Karte. Nur wer weiß, was ihn erwartet, kann entsprechend reagieren und erfolgreich attackieren. Für PC-Strategen mag das alles genretypisch klingen - vor allem auf Konsolen ist derartiger Tiefgang allerdings keine Selbstverständlichkeit.

Strategischer Bluff

Ruse hat noch ein zentrales Element - die geschickte Täuschung des Gegenspielers. Im Spiel selbst gibt es diverse Bluffs und Tricks, um für gezielte Fehlinformationen zu sorgen. So lassen sich Truppen und Fahrzeuge tarnen, ganze Verbände für ein paar Minuten verbergen oder auch Angaben und Zahlen ins Gegenteil verkehren - so dass ein vermeintlich klein wirkender Spähtrupp sich dann als kaum überwindbare Armee entpuppt. Diese Kniffe stehen aber nicht unbegrenzt zur Verfügung. Jede Karte ist in mehrere Sektoren unterteilt, die Spezialmanöver funktionieren nur auf dem jeweiligen Sektor. Es will also gut überlegt sein, an welcher Stelle die vorhandenen Bluffs eingesetzt werden.

Besonders reizvoll werden die Kriegslisten im Mehrspielermodus, da neben den sechs unterschiedlichen Parteien (Deutschland, Italien, Frankreich, Russland, England und die USA) mit ihren besonderen Stärken und Schwächen bei einzelnen Einheitentypen die taktischen Kniffe, Hinterhalte und Tarnmöglichkeiten gegen einen Freund doppelt so viel Spaß bereiten. Die Gefechte bekommen so ein zusätzliches Überraschungselement - dem menschlichen Kontrahenten eine scheinbar riesige, in Wirklichkeit aber kaum existente Armee vorzugaukeln wirkt sich hervorragend auf den Spielspaß aus.

Technisch ist Ruse gelungen - der stufenlose Übergang zwischen Nah- und Fernsicht beeindruckt. Die Landschaften und Einheiten setzen zwar keine neuen Genrestandards, überzeugen aber durchgängig. Musik und Sprachausgabe sind hingegen nur durchschnittlich. Die Bedienung bei der von uns getesteten PS3-Version klappte meist unkompliziert und gut. Den Entwicklern ist es gelungen, alle relevanten Aktionen problemlos aufs Gamepad zu legen, ohne dass das Spiel dadurch zu einfach oder oberflächlich wird. Übrigens: Wer bereits einen der neuen Move-Controller besitzt, kann das Spiel auch damit steuern.

Ruse ist ab 9. September 2010 für Xbox 360, Playstation 3 und PC erhältlich, hat eine USK-Freigabe ab zwölf Jahren erhalten und kostet etwa 50 (PC) beziehungsweise 60 Euro (Konsolen). Das Spiel muss auf dem PC via Valves Plattform Steam aktiviert werden. Der Einzelspielermodus kann nach einmaliger Registrierung offline gespielt werden.

Fazit

Eine spannende, wenn auch inhaltlich teils abstruse Einzelspielerkampagne, ein äußerst unterhaltsamer Mehrspielermodus und die gelungene Idee der Kriegslisten machen Ruse - zumindest auf Konsolen - zu einem der am besten umgesetzten, aber dank des überzeugenden Interfaces trotzdem gut zu bedienenden Strategietitel. PC-Strategen müssen aufgrund vielfältiger und technisch besserer Konkurrenz nicht unbedingt zugreifen, PS3- und Xbox-360-Besitzer hingegen bekommen hier ein toll umgesetztes, spannendes und immer wieder überraschendes Strategiespiel, das in ähnlicher Qualität in diesem Genre und auf diesen Plattformen seit Halo Wars nicht mehr zu sehen war.  (tw)


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