Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1009/77718.html    Veröffentlicht: 06.09.2010 12:20    Kurz-URL: https://glm.io/77718

Tablet-Schwemme auf der Ifa

Wo ist eigentlich Microsoft?

Beim Thema Tablets gehört die Ifa 2010 Google, denn weder Apple noch Microsoft sind mit ihrem Betriebssystem so präsent wie Google mit Android. Nicht alle Android-Tablets überzeugen. Eine Übersicht.

Tablets, Tablets, Tablets. Neben zahlreichen E-Book-Readern und lauter dreidimensionalem Gucken dominieren vor allem Tablets die Internationale Funkausstellung 2010. Zahlreiche Hersteller oder Marken wollen sie anbieten, um dem Erfolg des iPads von Apple hinterherzuhecheln. Das größte Potenzial, um den Markt ein wenig zu durchmischen, bieten die Android-Modelle. Golem.de hat sich einige Tablets auf der Ifa angeschaut, nicht nur mit Googles Betriebssystem.

Interpad und Hannspree

Das kleine Kölner Startup Enoa GmbH will in der Welt der Android-Tablets mitmischen. Für den Anfang heißt das: Standard-Tablet-Hardware mit Tegra-Chip, kombiniert mit einem eigenen Marktplatz und einer eigenen Oberfläche. So weit ist das Interpad aber noch nicht. Die eigene UI wurde nicht gezeigt, sie ist noch nicht fertig. Außerdem will Interpad keine falschen Hoffnungen wecken.

Das Interpad ist baugleich mit dem Hannspree-Tablet. Das Interpad soll aber eine hübschere, veredelte Rückseite haben. Ab Ende November 2010 soll es mit Android 2.2 für 399 Euro in den Handel kommen. Erst das nächste Interpad soll tatsächlich eigene Akzente bei der Hardware setzen. Es ist als 3G-Tablet geplant und für das erste Quartal 2011 vorgesehen.

Galaxy Tab

Samsungs Galaxy Tab konnte sich Golem.de etwas ausführlicher anschauen. Dabei wurde schnell klar, dass ein Gigant wie Samsung die Entwicklungsmacht besitzt, um einem Android-Tablet einen eigenen Anstrich zu verpassen. Abgesehen vom hohen Preis von rund 800 Euro ist Samsungs Galaxy Tab sicher ein Android-Favorit. Soft- und Hardware laufen gut zusammen, und dass Apps über die Samsung-Plattformen sogar bis auf die Fernseher gelangen können, ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Immerhin: In Verbindung mit einem O2-Vertrag soll das Galaxy Tab nur noch rund 100 Euro kosten. Der Rest des Preises wird über monatliche Raten abgestottert. Auch die Telekom will das Gerät in ihr Portfolio aufnehmen.

Archos' kleine Mediaplayer

Archos traut sich mit den Modellen 28, 32 und 43 in einen Bereich, in dem nicht viele herumstöbern. Es sind eigentlich kleine Mediaplayer mit 2,8-, 3,2- oder 4,3-Zoll-Display, vom Aussehen einem Handy oder einem MP3-Player nicht unähnlich. Es wäre für den Hersteller ein Leichtes, jetzt ein Android-Handy anzubieten, doch den Schritt scheut der Hersteller noch, insbesondere da dies nur in Zusammenarbeit mit einem Netzbetreiber oder Mobilfunkprovider ein lohnendes Geschäft verspricht.

Die kleinen Androids sind erst einmal Experiment genug. Archos will testen, ob sie vom Markt angenommen werden. Funktionsseitig klappte alles recht gut beim Antesten, obwohl Archos hier weiterhin auf resistive Touchscreens setzt. Die Folie ist unter dem Licht zwar gut erkennbar, aber bei der Bedienung kommt der Touchscreen einem kapazitiven Display erstaunlich nah. Auch die typischen Android-Tasten werden über diese Folie angesteuert, Multitouch fehlt.

Die größeren Modelle mit 7- und 10-Zoll-Display setzen auf kapazitive Displays und sind deutlich leichter als die Vorgänger und auch einige Archos-5-Geräte, die übrigens aus dem Programm genommen werden. Mit der höheren Auflösung offenbarte sich jedoch, dass die Anforderungen an die Hardware höher sind. Die Bedienung war nicht ganz so flott, es ruckelte zuweilen auch. Doch Archos rechnet damit, dass die Software bis zum Start weit genug optimiert ist. Während in der Ankündigung der neuen Archos-Serie noch von Android 2.2 die Rede war, konnte auf der Ifa nur die Version 2.1 gezeigt werden. Allerdings hat Archos zumindest beim 7- und 10-Zoll-Modell bis Oktober 2010 Zeit. Die kleinen Archos-Player sollen bereits im September ausgeliefert werden.

Die Preise gehen bei 99 Euro für das Archos 28 los und hören bei 349 Euro für das Archos 10 auf.

Dell Streak

Nicht unerwähnt bleiben soll Dells Handytablet Streak. So gibt es bald ein Update auf Android 2.x. Damit ist Dells Tablet vermutlich zeitgleich mit den hier vorgestellten Android-Tablets fertig. Einziger Unterschied: Es kann mit einer veralteten Android-Version schon jetzt gekauft werden. Diese Variante haben wir bereits getestet. Sie gehört wie das Galaxy Tab zu den Geräten, die auch zum Telefonieren zu gebrauchen sind. Damit hat es auch Zugang zum Android Market.



Toshiba Folio 100

Toshibas kapazitiv arbeitendes Android-Tablet mit dem Namen Folio war auf der Ifa nur als Prototyp zu sehen. Er zeigte, wie schnell der Eindruck getrübt werden kann, wenn das falsche Display verbaut wird. Das dort verwendete 10-Zoll-TN-Panel kommt hoffentlich nicht in die finale Version des Folio 100. Ein TN-Panel mag für billige Displays oder Notebooks ausreichend sein, aber ein Tablet, das in verschiedenen Ausrichtungen gehalten wird, muss eine bessere Paneltechnik haben, sonst kippen die Farben um. Es ist in typischer Notebookorientierung eingebaut, fällt also besonders nach unten hin qualitativ ab, wenn das Tablet im flachen Winkel gehalten wird. Notebookdeckel mit solchen Displays lassen sich meist nicht so weit nach hinten aufklappen, so dass die Winkelabhängigkeit nicht so stark auffällt.

Immerhin hat auch Toshiba genug Potenzial, um aus dem Folio ein gutes Gerät mit eigener Note zu machen. Ein eigener Markt für Anwendungen und Medieninhalte, die Integration in Toshibas Steuersoftware für Fernseher und Notebooks sollte das Gerät für einige attraktiv machen. Allerdings ist das Android-Tablet noch nicht fertig, selbst die Konstruktion wirkte wackeliger als bei vielen anderen Vorabversionen von Tablets. Toshiba will sich bis zum November 2010 Zeit nehmen und das Android-2.2-Tablet dann für 429 Euro auf den Markt bringen. Im ersten Quartal 2011 soll für 100 Euro mehr eine 3G-Variante folgen.

Viele ODMs

Unzählige Tablets setzen auf Android. Dabei handelt es sich um Produkte, die vor allem als Nachahmerprodukte geeignet sind. Sie warten darauf, dass eine Marke sie einkauft und weiterentwickelt. Die vielen Geräte zeigen vor allem eines: Die Hardware ist längst fertig, überzeugende Konzepte hingegen nicht. Wer will, kann derzeit einfach ein Android-Tablet auf den Markt werfen und vom allgemeinen Hype profitieren. Kurzlebige Produkte mit fragwürdigem Support sind das Resultat.

WeTab

Die Außenseiterrolle spielt das WeTab-Tablet, vormals als WePad bekannt. Es ist nämlich kein Android-Gerät, soll aber per Emulation Zugriff auf Android-Apps bekommen. Es wurde beim ersten Mal noch unter Windows präsentiert, zeigte sich dann mit einem deutlich angepassten Ubuntu und muss jetzt auf Meego wechseln. In ein bis zwei Wochen soll es bereits auf den Markt kommen. Die Geräte müssten also längst fertig produziert sein. Wir konnten nur eine Vorabversion vom WeTab in den Händen halten, mit Ubuntu wohlgemerkt. Die Ubuntu-Version war aber deutlich weiterentwickelt als die Vorabversionen der Monate davor. An Meego wird noch fleißig gearbeitet, auch von der Meego-Variante war eine Vorabversion zu sehen, aber der Feinschliff fehlte noch. Es bleibt zu hoffen, dass möglichst viele der Ubuntu-Fortschritte den Sprung auf Meego rechtzeitig schaffen.

Es wird spannend: Schaffen es die WeTab-Macher, viele Geräte mit Meego zu bespielen oder wird es ein sogenannter Paperlaunch mit WeTabs in homöopathischen Dosen? Immerhin kommt das WeTab als eines der ersten auf der Ifa präsentierten Geräte auf den Markt.

Und Microsoft?

Microsoft ließ sich beim Thema Tablets fast nicht blicken. Dabei besitzt der Konzern aus Redmond von allen Teilnehmern der Ifa die meiste Erfahrung. Tablet-PCs gibt es seit mehr als einer Dekade. Aber das nutzt Microsoft derzeit nicht, wenn es darum geht, Windows-Tablets zu ermöglichen.

Auf einer speziellen Veranstaltung abseits der Ifa waren immerhin drei Tablets zu sehen - wohl auch um zu zeigen, dass Microsoft dieser Markt wichtig ist. Eines davon war Fujitsus T580. Als Convertible-Tablet-PC mit Business-Ambitionen fällt es aber eigentlich aus der Gruppe der Endanwendertablets heraus, nicht zuletzt aufgrund des Preises von rund 1.000 Euro. Allerdings hofft Fujitsu durchaus, mit dem Profigerät mit schneller Core-i-CPU den ein oder anderen Tablet-Interessenten einzufangen. In den USA wird es gar als Slate-Killer bezeichnet. Ein weiteres Gerät zeigte MSI, das bereits auf der Computex in Taiwan vorgestellt wurde.

Ein drittes Gerät mit dem Namen Smartmobilepad war zu sehen, ein ODM-Tablet, das seinen Namen für die Veranstaltung bekommen hat und darunter möglicherweise nie erscheinen wird. Der Anbieter ist First Metropolitan. Ein paar Demoanwendungen zeigten leider auch, wie schlecht es um Windows 7 im Bereich Touch bestellt ist. Eine E-Book-Anwendung lief auf dem Tablet, das auf der Pine-Trail-Plattform basiert, nur sehr schlecht. Flüssige Animationen beim Umblättern gab es nicht, die Reaktionsgeschwindigkeit erinnerte an frühere E-Ink-Reader, da der Atom-Prozessor so langsam ist und von den 3D-Fähigkeiten des Grafikkerns kein Gebrauch gemacht wird.

Eine Aussage zu Windows Embedded Compact 7 war Microsoft auch auf dieser Veranstaltung nicht zu entlocken. Seit Steve Ballmer Ende Juli 2010 verkündet hatte, Tablets seien in Vorbereitung, ist es erstaunlich still geworden um den Windows-CE-Nachfolger.

Allgegenwärtig: Apples iPad

Apple war auf der Messe mit dem iPad nicht vertreten. Trotzdem rannten einige Messehostessen mit iPads herum, die Geräte schmückten zahlreiche Stände. Angefangen bei Ständen des Axel-Springer-Verlags, der im iPad ohnehin den Heilsbringer sieht, über Hi-Fi-Anbieter, die es als Fernbedienung nutzen, bis hin zu Zubehörmachern. Das Interesse an Apples Tablets ist weiterhin vorhanden, der Vorsprung gegenüber Android und vor allem Windows ist einfach beachtlich.

Ein Fazit lässt sich nach der Ifa ziehen: Tablets sind jetzt überall, mit Android entwickelt sich ein ernsthafter Konkurrent zu Apples iOS-Plattform. Aber Android allein genügt nicht, es muss mehr dahinterstehen: eine Firma mit viel Willen und einer aktiven Entwicklergemeinde. Daran werden viele Firmen scheitern. Hoffen kann vor allem Samsung: Im Handybereich ist der Hersteller groß vertreten und kann den Sprung auf ein Tablet leicht vollziehen. Zudem will Samsung auch Fernseher mit einer eigenen App-Plattform versorgen, die kompatibel zu den Handys und Tablets ist. Gute Chancen dürfte auch das WeTab haben. Das eigene Konzept ist da und das Marketing funktioniert zumindest in Deutschland recht gut. Viele andere müssen sich erst noch beweisen, dazu gehört auch der langsam aufwachende Riese Microsoft.  (ase)


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