Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1008/77442.html    Veröffentlicht: 24.08.2010 14:00    Kurz-URL: https://glm.io/77442

Spieletest Mafia 2

Linear ist das Mafiosi-Leben

Als Kind bettelarm, als Teenager im Krieg, als Jugendlicher hoch verschuldet: Vito Scaletta, Hauptfigur in Mafia 2, ist nicht zu beneiden. Kein Wunder, dass er bei der "ehrenwerten Gesellschaft" anheuert - und dem Spieler so eine spannende Story mit viel Action und Atmosphäre eröffnet.

Das Empire Bay der vierziger Jahre ist auf den ersten Blick ein idyllisches Örtchen. Schicke Oldtimer kreuzen durch die Straßen und Highways. Jazz-, Swing- und Blues-Töne erklingen aus dem Radio, hübsche junge Damen warten in den Cafés und Bars darauf, auf einen Drink eingeladen zu werden. Vito Scaletta hat dafür allerdings zunächst kaum einen Blick. Kein Wunder: In den ersten 15 Minuten von Mafia 2 macht der junge Italiener mehr durch, als andere Videospielhelden in ihrem ganzen virtuellen Leben.

Als kleiner Junge kommt er mit großen Hoffnungen aus Italien in die USA - um dort zunächst in armen Verhältnissen dahinzuvegetieren. Kleinkriminalität scheint der einzige Ausweg, allerdings wird er schon bald geschnappt und ins Gefängnis gesteckt. Glück im Unglück: Die US-Armee braucht Italiener für den Krieg in Italien und schickt Vito zurück in seine Heimat - wo der Spieler in einem kurzen Intermezzo erstmals Hand ans Gewehr legen darf. Richtig los geht das Spiel allerdings erst, als Scaletta nach dem Krieg in seine Wahlheimat zurückkehrt und feststellen muss, dass seine Familie in die Fänge von Kredithaien geraten ist. Er braucht so schnell wie möglich Geld, viel Geld - und kann nicht widerstehen, als ihm sein Cousin ein nicht ganz legales Angebot macht.

Fortan beginnt Vitos Aufstieg als Größe in der Mafia-Szene - die, ohne hier zu viel von der bis in die 50er Jahre reichenden Geschichte erzählen zu wollen, sicherlich einige Mafia-Klischees abarbeitet. Sie wartet aber auch mit so vielen wunderbar gestalteten und sehr gut in Deutsch vertonten Zwischensequenzen auf, dass es schwerfällt, sich der Dramaturgie zu entziehen.

Wunderschöner Metropolen-Mix

Spielerisch setzt das tschechische Entwicklerstudio auf die Stärken des Vorgängers, die größtenteils übernommen und überarbeitet wurden, und ergänzt sie um Elemente der GTA-Reihe. So kann Empire Bay - eine fiktive Stadt, die sich aber recht offensichtlich an New York orientiert, gepaart mit Inspirationen aus Chicago und San Francisco - auf eigene Faust ergründet werden. Und es lohnt für eine gewisse Zeit durchaus, zu Fuß durch die Straßen zu gehen, Läden und Lokale zu betreten oder Autos durch das Einschlagen des Fensters oder mit einem kleinen Dietrich-Geschicklichkeitsspiel zu knacken, um zu beschwingter Musik die Straßen zu erkunden. Verfolgungsjagden mit der Polizei bleiben da ebenso wenig aus wie Karambolagen mit anderen Verkehrsteilnehmern, die sich dank umfangreichem Schadensmodell optisch deutlich auswirken.

Allerdings ist Mafia 2 kein GTA-Verschnitt. Insbesondere sind die Möglichkeiten, abseits der Missionen aktiv zu werden, stark begrenzt. Zwar kann der Spieler Autos verschönern und von Zeit zu Zeit mal einen Nebenauftrag absolvieren. Insgesamt ist die Handlung aber sehr linear angelegt und zieht den Spieler wie am Bindfaden von Mission zu Mission sowie auf der Minikarte samt Navigationshilfen immer direkt zum nächsten Einsatzort.

Die einzelnen Kapitel sind sehr gut in Szene gesetzt. Autos klauen, Schutzgeld eintreiben, feindliche Wohnungen und Lager unauffällig in Sam-Fisher-Manier infiltrieren, verfeindete Mafiosi ausschalten - es gibt immer genug zu tun, um in der Karriere voranzukommen. Dafür muss Scaletta oft auf seine Schusswaffen zurückgreifen - wobei Mafia 2 nicht auf planloses Geballer setzt, sondern viel Wert auf Deckung legt. Nur wer sich hinter Pfeilern, Autos oder Hauswänden verschanzt und immer wieder aus dem sicheren Versteck das Feuer eröffnet, hat eine Chance, die Gegnerhorden zu überwältigen.

Dies gilt umso mehr, als Vito nicht viele Treffer abbekommen darf - zwei gut platzierte Kugeln können bereits das Aus bedeuten. Das kann zu Frust führen, da die Speicherpunkte oftmals weit auseinander liegen und der Spieler viele Passagen mehrfach wiederholen muss. Andererseits regeneriert die Gesundheit automatisch, wenn Vito längere Zeit keine Treffer einsteckt. Trotzdem wäre eine bessere KI wünschenswert gewesen: Wer die Deckung geschickt zu nutzen weiß, wird eher wegen der Zahl der Gegner als aufgrund ihres Verhaltens Probleme haben, gewisse Wiederholungen von Kapitel zu Kapitel bleiben nicht aus.

Kampf mit dem Keyboard

Immer wieder sprechen auch die Fäuste statt der Kanonen: Wie in Teil 1 ist der Nahkampf ein probates Mittel, um Streitigkeiten beizulegen. Auf PC sind mit Hilfe der Maustasten kurze und schwere Schläge sowie Kombos möglich, mit der Leertaste werden Angriffe geblockt. Das funktioniert recht gut, allerdings wirkt die Tastatursteuerung zunächst etwas überfrachtet. Die erste Spielstunde wird dazu benötigt, die vielfältigen Optionen wie die Auswahl der Waffe, das Suchen von Deckung und die diversen Aktionen samt dem jeweils passenden Knopf zu erlernen.

Technisch ist Mafia 2 beeindruckend atmosphärisch geworden - nicht nur die Zwischensequenzen, auch die Spielszenen überzeugen mit vielen stimmungsvollen Details und einer guten deutschen Sprachausgabe. Was stellenweise fehlt, sind Überraschungen: Abwechslung bei den Fahrten durch die Stadt gibt es ebenso wenig wie aus dem Rahmen fallende Missionen wie das legendäre, wenn auch frustrierend schwierige Autorennen aus dem ersten Teil.

Mafia 2 ist ab 27. August 2010 für Xbox 360, Playstation 3 und Windows-PC erhältlich. Das Spiel hat von der USK eine Freigabe erst ab 18 Jahren erhalten. Empfohlene Systemvoraussetzungen am Windows-PC sind ein 2,4-GHz-Quad-Core-Prozessor, 2 GByte RAM und 10 GByte Platz auf der Festplatte. Die aus der Demoversion bekannten Probleme mit PhysX sind auch in der Testversion von Golem.de aufgetreten.

Fazit

Spielerische Freiheit wird klein-, Atmosphäre und Story großgeschrieben: Wer ein GTA im Mafia-Szenario erwartet, dürfte aufgrund der Linearität und der wenigen Nebenmissionen enttäuscht werden. Zudem sind die Unterschiede zum ersten Mafia geringer als wohl von vielen erhofft. Wer sich am geradlinigen Ablauf nicht stört, bekommt allerdings filmreife Unterhaltung geboten: Die Geschichte ist trotz aller Klischees herausragend erzählt und lässt den Spieler bis zur letzten Minute mit Spannung erleben, wie sich Scalettas Leben entwickelt. Eine Offenbarung ist Mafia 2 somit nicht geworden - ein hervorragendes Actionspiel aber schon.  (tw)


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