Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1008/76954.html    Veröffentlicht: 03.08.2010 23:04    Kurz-URL: https://glm.io/76954

Illumos

Initiative will vollkommen freie Solaris-Version entwickeln

Unter dem Namen Illumos haben Entwickler eine Initiative gegründet, die den Opensolaris-Kern samt quelloffener Software weiterpflegen will. Illumos soll auf OS/Net basieren und dessen Entwicklung verfolgen.

Unter dem Namen Illumos soll die Entwicklung des Opensolaris-Kernels samt Core-Komponenten unabhängig vom Opensolaris-Projekt weiterentwickelt werden. Bislang unfreie Komponenten sollen als quelloffener Nachbau integriert werden. Dazu gehört beispielsweise die Komponente i18n der Libc-Bibliothek, die Projektgründer Garret D'Amore bereits portiert hat. Weitere Komponenten wie NFS/CIFS-Lock sollen folgen. D'Amore und sein Team wollen alle unfreien Komponenten und Treiber bis Ende des Jahres als quelloffene Versionen liefern. Die ABIs sollen aber weiterhin komplett kompatibel zu der OS/Net-Version von Opensolaris sein.

Illumos soll künftig als Basis für weitere Solaris-basierte Distributionen dienen. Zunächst wird Illumos für die Architekturen i386 und amd64 entwickelt werden, später soll Illumos auch auf Sparc-Rechnern laufen. Die künftig angebotenen Distributions-CDs sollen aber lediglich eine Bootstrap-Umgebung bieten, über die Illumos-basierte Distributionen installiert werden können, etwa Opensolaris oder Nexenta.

Nexenta bietet eine Opensolaris-Variante mit Software aus der Ubuntu-Schmiede. Die Firma will später stattdessen auf Illumos als Unterbau setzen, sobald die Entwicklung weit genug vorangeschritten ist. Nexenta ist gleichzeitig D'Amores Arbeitgeber. Weitere zwölf Entwickler beteiligen sich an dem Projekt: Neben Projektleiter D'Amore sind das unter anderem Nexenta-Mitarbeiter Anil Gulecha, BSD-Programmierer David Gwynne und Treiberentwickler Steven Stallion.

Kein Fork, aber doch ein Fork

Unter welcher Lizenz Illumos erscheinen soll, steht indes noch nicht fest. Die Vorschläge reichen von einer um eine SCA-Signatur erweiterten CDDL bis hin zu der Apache-Lizenz. Projektleiter D'Amore befürwortet stattdessen eine BSD- oder MIT-Lizenz. Damit könnten auch Änderungen oder Reparaturen an Illumos wieder zurück bei OS/Net oder gar Solaris landen. D'Amore hat Oracle bereits über das Projekt informiert und eingeladen, sich daran zu beteiligen. Bislang hat sich der Datenbankkonzern noch nicht bei ihm gemeldet.

Trotz des Sponsors Nexenta sei Illumos ein vollkommen unabhängiges Projekt, betont D'Amore. Es stehe auch nicht in Konkurrenz zu Solaris oder Opensolaris. Man wolle mit dem Illumos-Projekt eigentlich auch keinen Fork bilden, obwohl es streng genommen einer sei. Sollte Opensolaris aber nicht weitergepflegt werden, würde aus dem Illumos-Projekt naturgemäß ein echter Fork entstehen. Man wolle sich darum kümmern, dass Solaris-Software weiterhin auf einer Plattform lauffähig sei, so D'Amore weiter. Simon Phipps, der das Projekt befürwortet, verglich Illumos mit dem Iced-Tea-Projekt, aus dem die freie Java-Plattform OpenJDK hervorging.

Opensolaris passt nicht in Oracles Konzept

Oracle hatte sich zuletzt wenig um die Weiterführung von Opensolaris gekümmert. Ein vom Opensolaris-Gremium anberaumtes Treffen mit einem offiziellen Vertreter von Oracle platzte, nachdem der Vertreter dem Meeting unentschuldigt fernblieb. Daraufhin drohte das Führungsgremium mit der Selbstauflösung, wenn bis zum 15. August keine offizielle Kontaktperson benannt wird.

Seit der Übernahme von Sun und dessen Betriebssystem Opensolaris durch Oracle kam es immer wieder zu Spannungen wegen der quelloffenen Variante des Solaris-Betriebssystems. Das Open-Solaris-Gremium hatte Anfang Februar 2010 bemängelt, dass zunächst kein Kontakt zwischen Oracle und der Community zustande kam.

Ungeliebtes Solaris

Kurze Zeit später erklärte eine Oracle-Sprecherin, dass Opensolaris weiter von Oracle unterstützt werde. Jetzt scheint der Dialog erneut abgebrochen zu sein. Simon Phipps, Mitglied des OGB, äußerte die Befürchtung, die Community sei für Oracle nicht mehr nützlich und werde deshalb ignoriert.

Auch das Solaris-Projekt hat unter der Ägide von Oracle einige Änderungen erlebt. Sun bot Solaris noch als kostenlose Testversion an, die zeitlich unbegrenzt genutzt werden konnte. Oracle hingegen begrenzte den Testzeitraum auf 90 Tage.

Zudem investierte Oracle gleichzeitig auch in die Entwicklung von Linux und seiner eigenen Linux-Distribution Unbreakable Linux. In den letzten zwei Jahren trug der Datenbankkonzern etwa drei Prozent der Linux-Kernel-Patches bei. Oracle beteiligte sich dabei vor allem an der Entwicklung des Dateisystems Btrfs, den Cluster-Dateisystemen Crfs und Ocfs2 sowie an der Virtualisierung mit KVM. Oracles Engagement für Linux wirft die Frage auf, ob Solaris inzwischen nicht eher als lästiges Mitbringsel aus der Übernahme durch Sun gesehen wird.

Holperige Übernahme wegen Open Source

Die Übernahme von Sun und dessen Open-Source-Portfolio war zunächst ins Stocken geraten, weil die EU Bedenken bezüglich der freien Datenbank MySQL hatte, die sich im Besitz von Sun befand. Die EU hatte geprüft, ob der Erwerb der weltweit größten Open-Source-Datenbank MySQL durch Oracle, den führenden Anbieter proprietärer Datenbanken, zu einer erheblichen Wettbewerbsbeeinträchtigung führen würde. Die EU-Kommission unter Neelie Kroes gelangte aber zu der Ansicht, dass MySQL und Oracle zwar in bestimmten Segmenten des Datenbankmarktes miteinander konkurrieren, aber in anderen Teilsegmenten, zum Beispiel bei High-End-Produkten, keine engen Wettbewerber sind.

Oracle hatte daraufhin im Dezember 2009 angekündigt, weiterhin auf der Grundlage einer GPL-Lizenz neue MySQL-Versionen auf den Markt zu bringen. Inzwischen sei Oracle bereits einigen seiner Zusagen nachgekommen, sagte Kroes.

Sun hatte den Entwicklern der konkurrierenden Datenbank PostgreSQL Server für dessen Entwicklung zur Verfügung gestellt. Oracle hat seinerseits vor wenigen Tagen ohne Vorankündigung und Begründung die Serverfarm abgeschaltet. Laut Statistiken von EnterpriseDB, einer Firma, die eine kommerzielle Version der PostgreSQL-Datenbank anbietet, soll seit der Übernahme von Sun durch Oracle der Download von Migrationswerkzeugen zwischen MySQL und PostgreSQL um 60 Prozent gestiegen sein.

Mitarbeiter-Flucht

Zahlreiche ehemalige Angestellte, die im Zuge der Übernahme von Sun durch Oracle zunächst bei dem Datenbankkonzern weiterarbeiteten, haben Oracle inzwischen verlassen. Darunter auch der ehemalige Sun-Chef Jonathan Schwartz, Java-Urvater James Gosling, der ehemalige Chief Open Source Officer bei Sun Simon Phipps und zuletzt DTrace-Entwickler Bryan Cantrill.

Simon Phipps, inzwischen Mitglied im Verwaltungsrat des Open Source Instituts (OSI), hat sich bereits auf einer neuen Projektseite einem Teil der unter Sun entwickelten Software angenommen, etwa der Authentifizierungssoftware OpenSSO and OpenAM.  (jt)


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