Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1007/76596.html    Veröffentlicht: 22.07.2010 12:06    Kurz-URL: https://glm.io/76596

Echo Smartpen im Test

Der Kugelschreiber mit Kamera und Mikrofon

Ein Kugelschreiber mit Kamera, Mikrofon und 8 GByte Speicher - das ist Livescribes Echo Smartpen. Wozu das gut ist? Menschen, die häufig Notizen zu Gesprochenem machen, dürften diese Kombination sehr praktisch finden.

Livescribes Echo Smartpen ist ein etwas füllig wirkender digitaler Kugelschreiber. Hauptzweck des Geräts ist es, Notizen zu machen - und zwar mit einer gewöhnlichen Kugelschreibermine. Das Besondere sind die vorn angebrachte Kamera, die das Geschriebene aufzeichnet, und das Mikrofon, das gleichzeitig den Ton aufzeichnet.

Für Aufzeichnungen hat der getestete Stift 8 GByte Flash-Speicher. Allerdings belegen das Betriebssystem des Kugelschreibers sowie vorinstallierte Tools und Demos schon fast 1 GByte. Mit dem Speicher sollen bis zu 800 Stunden Aufnahme möglich sein - mehr als genug für ein paar Wochen Vorlesungen an der Uni. Durch installierte Anwendungen reduziert sich die Aufnahmekapazität.

Der Anfang

Anleitung und Software für Mac und PC legt Livescribe seltsamerweise nicht bei, der Nutzer muss sie herunterladen. Zumindest auf dem Stift hätte Livescribe die Daten unterbringen können, er meldet sich aber auch nicht als Wechseldatenträger.

Einfach Auspacken und Loslegen geht also nicht. Die Kurzanleitungen sagen nicht viel aus. Aus Umweltschutzgründen hat Livescribe sicher nicht auf die Anleitung verzichtet, schließlich hat die Packung ein erstaunliches Volumen - allein für einen Stift, ein Kabel und einen Notizblock.

Konstruktion

Was der Stift mit dem Mikrofon und der Kamera aufnimmt, muss auch wieder aus dem Stift herauskommen. Im Stift befindet sich dafür ein Lautsprecher, der das Aufgenommene wiedergibt oder Ansagen bei der Menüführung macht. Die Menüführung ist über ein kleines OLED-Display einsehbar. Dieses Display ist für die Navigation notwendig, denn der kleine Stift bietet zahlreiche Untermenüs an.

Doch Tasten für eine Bedienung der Menüs oder die Lautsärkeeinstellungen gibt es nicht.

Navigieren auf dem Papier

Statt Tasten zu nutzen, muss der Anwender malen und zeigen, um den Stift zu bedienen. Auf dem mitgelieferten Block gibt es dazu ein Steuerkreuz, das angetippt werden muss. Malt der Nutzer nach unten, geht es auch in der Menüführung nach unten. Wer allerdings zu häufig auf dem Menükreuz malt, hat bald Erkennungsprobleme.

Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wird eine neue Seite genutzt, oder der Nutzer zeichnet sich sein eigenes Steuerkreuz, das er fortan nutzt. Auch andere Bedienelemente wie etwa der Start einer Aufnahme, die Konfiguration oder das Springen in Audioinhalten werden mit aufgedruckten Schaltflächen gesteuert.

Der Clou ist allerdings die Möglichkeit, im Text zu navigieren. Schreibt der Nutzer etwa während einer Vorlesung mit, kann auch der Ton aufgezeichnet werden. Wer will, tippt dann kurz an die Stelle der Notizen, und der kleine Stift spielt den Ton ab, der genau zum Zeitpunkt des Schreibens aufgezeichnet wurde. Das ist vor allem bei schnell geschriebenen Notizen praktisch, die der Schreiber anschließend eventuell nicht mehr entziffern kann. Die unklare Stelle wird einfach angetippt, und schon hört der Nutzer, was der Vortragende zu dem Zeitpunkt gesagt hat, als er möglicherweise zu sehr mit dem Notieren beschäftigt war.

Gerade für Vorlesungen, wenn ein Zuhörer noch damit beschäftigt ist, die Inhalte der letzten Minuten aufzuschreiben, ist das sehr praktisch.

Die gesammelten Informationen, also der geschriebene Text und die Tonaufnahmen, können später mit dem Computer synchronisiert werden - als zusätzliches Backup der Zettelwirtschaft sozusagen. Auch auf dem Desktop lassen sich die Notizen samt Tonaufzeichnungen gut verfolgen. Klickt der Nutzer in eine Textstelle, zeigt das Programm die getätigten Schriftbewegungen in Echtzeit an und spielt ab, was der Stift gehört hat.

Stromversorgung beim Synchronisieren

Der Echo Smartpen lässt sich nur mit einem Rechner verbinden, wenn er genug Strom bekommt. Wird er etwa an einem passiven USB-Hub angeschlossen, verweigert der Stift eventuell die Mitarbeit. Das hätte Livescribe besser machen können, schließlich hat das Gerät einen Akku und sollte damit zum Synchronisieren genug Puffer haben. Ein iPad lässt sich beispielsweise auch dann synchronisieren, wenn der Strom für einen Ladevorgang nicht ausreicht.

Nach einem direkten Anschluss an den Rechner überträgt der Stift seine Daten. Die jeweiligen Notizen werden also digital gespeichert und verschiedenen Notizbüchern zugeordnet.

Die Notizen sind aber leider nicht durchsuchbar, denn im Lieferumfang fehlt eine Schrifterkennung. Die gibt es zwar, der Nutzer muss sie aber nachkaufen. Notizprogramme wie Evernote machen das besser. Und wer einen Tablet-PC hat, wundert sich, dass eine Schrifterkennung nicht mit dabei ist. Wer komplett digital arbeitet, hat also Vorteile. Allerdings ist ein Tablet-PC keine günstige Anschaffung und nach ein paar Stunden hat der Nutzer einen leeren Akku.

Textumwandlung kostet extra

Die Notizen, die mit dem Stift auf Spezialpapier gemacht wurden, liegen nun als digitale Kopie auf dem Rechner. Es bietet sich also an, diese in reine Textdokumente umzuwandeln. Doch eine Software dazu liegt nicht bei. Livescribe verweist lapidar darauf, dass eine Umwandlungssoftware bei Visionobjects zu kaufen ist. Die Myscript genannte Software kostet noch einmal 60 Euro. Der Stift selbst besitzt hingegen eine Schrifterkennung. Es gibt dafür etwa eine englische Übersetzerdemo. Der Nutzer schreibt ein englisches Wort auf - und der Stift spricht dann Wort in Spanisch.

Apps zum nachinstallieren

Interessant scheint die Möglichkeit, kleine Apps mit dem Stift zu synchronisieren und zu benutzen. Kleine Spielbretter kann der Nutzer beispielsweise selbst malen - die Spiellogik steckt im Stift. Auch Nachschlagewerke können heruntergeladen werden. So gibt es etwa eine Anwendung mit dem Namen World Series Champions, die Spielergebnisse der vergangenen Jahre für Baseball-Fans anzeigt. Auch eine Liste der US-Präsidenten gibt es als Anwendung.

Einige Anwendungen nerven allerdings in der Praxis oder sind schlecht benutzbar. Bei dünnem Papier malt der Nutzer schnell durch das Navigationskreuz und hat ein Loch in den Notizen. Manchmal springt der Nutzer versehentlich ins Hauptmenü zurück, nachdem er sich eine Zeit lang durch die Navigation gekämpft hat. Das passiert vor allem bei einem vollgekrakelten Navigationskreuz.

Ärgerlich ist der Prozess der Installation. Nutzer müssen sich für den Appstore registrieren, zusätzlich muss auch der Stift registriert werden, sonst lassen sich Apps nicht aufspielen.

Noch befindet sich der App Store aber in der Betaphase. Letztendlich ist es auch vom App-Entwickler abhängig, wie gut oder schlecht sich eine Anwendung bedienen lässt. Bis zum offiziellen Start des App Stores im Herbst 2010 erweitert sich das Angebot hoffentlich noch.

Selber ausdrucken

Der Smartpen-Nutzer kann sich sein Papier selbst ausdrucken. Die Testseiten, die wir mit unserem Drucker erzeugt haben, funktionierten einwandfrei. Das Selbstdrucken dürfte jedoch recht teuer werden. Livescribe empfiehlt einen Laserdrucker mit Farbfähigkeit, die Blätter sind leicht bläulich und 600 dpi. Hier sind die Kosten vor allem davon abhängig, ob der Nutzer einen wirtschaftlichen, aber teuren Laserdrucker oder einen typischen Heimdrucker hat, der hohe Druckkosten erzeugt.

Alternativ lässt sich das Spezialpapier nachkaufen. Vier Blöcke à 60 Seiten (76 x 127 mm) kosten ohne Versand 13 Euro. In Form eines Notizbuches (120 x 210 mm) mit Hardcover kosten zwei Bücher à 100 Seiten 20 Euro. Vier Din-A4-Blöcke à 80 Seiten kosten happige 25 Euro - auch hier ohne Versand.

Preise und Fazit

Der Stift ist vorerst exklusiv bei Unimall verfügbar. Der Preis liegt bei fast 200 Euro. Neben dem Stift findet sich ein Schreibblock, eine Ersatzmine, ein USB-Kabel und zwei Schutzkappen für den Einstieg in dem Paket. Der Stift lässt sich mit Windows (XP und neuer) und Mac OS X (10.5.5 und neuer) synchronisieren. In den USA gibt es auch ein günstigeres 4-GByte-Modell, das hierzulande erst Ende des Jahres zu haben sein wird.

Fazit

Acht Jahre ist es her, dass Logitech mit dem io ein ähnliches Konzept vorgestellt hat: Spezialpapier, ein optischer Sensor und anschließend per Schrifterkennung auf den PC. Die war zwar nicht besonders gut, aber dabei. Der Echo-Software fehlt sie, während der Stift durchaus in der Lage ist, Schrift zu erkennen. Die Audioaufzeichnungen sind allerdings praktisch und das Bedienkonzept funktioniert weitgehend.

Manches Mal hätten wir uns ein kleines Steuerkreuz oder Lautstärkeregler am Stift gewünscht. Ein bisschen Menüarbeit - und schon sind ganze Zettel mit Steuerkreuzen übersät. Schade auch, dass die Software Grundeinstellungen nicht übernehmen kann. Das Konzept des Echo erweckt den Anschein, als müssten manche Bereiche unbedingt malend gesteuert werden, weil der Stift das eben kann - und nicht etwa, weil es besonders sinnvoll wäre. Ein weiteres Problem ist das teure Spezialpapier. Selbst das selbstgedruckte Papier dürfte in vielen Fällen einfach zu kostspielig sein.

Es sind also die laufenden Kosten, die abschreckend wirken. Wären die Kosten niedriger und würde die Schrifterkennung noch dazugehören, wäre der Stift uneingeschränkt empfehlenswert. Aber auch ohne die Schrifterkennung ist der Stift eine Hilfe für die eigene Erinnerung, vor allem wenn die eigene Schrift nicht besonders lesbar ist oder der Nutzer einem Vortrag aus irgendwelchen Gründen nicht gut folgen kann. Selbst solche Notizen sind dank des Smartpens dauerhaft brauchbar.  (ase)


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