Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1007/76494.html    Veröffentlicht: 15.07.2010 16:04    Kurz-URL: https://glm.io/76494

Sommerloch

High durch mp3?

In den USA bewegt ein vermeintlich neues Phänomen die Medien: Jugendliche sollen Audiodateien aus dem Internet herunterladen - und beim Hören in einen Rausch geraten. Schuld daran sollen binaurale Beats sein. Sie sind seit fast 200 Jahren bekannt und werden gern für unseriöse Zwecke genutzt.

In der zukunftsweisenden Neuromancer-Trilogie, die der US-Autor William Gibson in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlichte, verfügten die Protagonisten über sogenannte Neurokanülen, über die sich Drogen zuführten. Das war Fiktion. In der Realität kommen Nutzer 25 Jahre später mit weniger aus: Ein Kopfhörer und eine mp3-Datei sollen für den Rausch aus dem Internet ausreichen.

Digitale Droge?

I-Dosing nennt sich das Phänomen, über das US-Medien derzeit berichten und vor dem die Behörden bereits warnen. Die Nutzer laden aus dem Internet - kostenlos oder gegen Bezahlung - speziell gestaltete Musikdateien herunter. Werden sie mit einem Kopfhörer gehört, soll das den Nutzer in einen rauschhaften Zustand versetzen. Die Lieferanten der Tondateien behaupten sogar, dass sie Effekte unterschiedlicher Drogen auf diese Weise nachahmen könnten.

Was hier als digitale Droge verkauft wird, beruht auf einem Effekt, den der deutsche Physiker Heinrich Wilhelm Dove im Jahr 1839 entdeckt hat: die binauralen Beats. Hört ein Mensch mit einem Kopfhörer auf jedem Ohr einen anderen Ton, sind die beiden Frequenzen aber ähnlich, so spielt ihm das Gehirn vor, er höre einen einzigen, pulsierenden Ton. Das Phänomen wird in der Wissenschaft eingesetzt, beispielsweise in der Hirnforschung.

Alter Hut!

Auch zweifelhafte Anwendungen der binauralen Beats seien nicht neu, berichtet das US-Wissenschaftsmagazin Psychology Today: Unseriöse Geschäftemacher werben damit, dass sich damit die Produktion von körpereigenen Stoffen anregen lasse - etwa vom Neurotransmitter Dopamin oder von Endorphinen. Dadurch sollten die Nutzer besser schlafen oder lernen; oder eben in einen Rausch geraten.

Dass Musik Einfluss auf die Psyche hat, ist unbestritten. Gefühle beim Hörer zu evozieren, ist schließlich die Absicht eines Komponisten. Gelingt ihm das, hat er seine Arbeit gut gemacht. Dass Töne jedoch die Wirkung verschiedener Drogen hervorrufen können, ist Humbug.

Das Ganze erinnert ein wenig an einen Vorfall aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts: Seinerzeit bezichtigten Eltern Musiker der Mitschuld an versuchten oder vollzogenen Selbstmorden ihrer Kinder. Sie warfen Musikern wie Judas Priest oder Ozzy Osbourne vor, die Jugendlichen durch sogenannte subliminale Botschaften auf ihren Platten, die nur unterbewusst wahrgenommen würden, zu ihren Taten animiert zu haben.  (wp)


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