Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1007/76174.html    Veröffentlicht: 01.07.2010 18:07    Kurz-URL: https://glm.io/76174

Eigene App Stores in Arbeit

Das Auto wird zum fahrenden Computer

Der Hubraum schwindet, die Rechenleistung steigt, die Automobilindustrie gibt immer mehr Geld für Chips und Software aus. Damit kommen zwei Welten endlich zusammen, die über Jahrzehnte hinweg keinen richtigen Draht zueinander gefunden haben. Ein Überblick.

"Meine Welt wäre einfacher, wenn es nur UKW und Kassette gäbe", sagt Peter Blum. Dann hätte der Ingenieur allerdings vermutlich keinen Arbeitsplatz mehr. Denn Blum ist Multimediaspezialist bei Audi, ein Job, der für den Autohersteller immer wichtiger wird.

Die Ergebnisse seiner Arbeit lassen sich dieser Tage in den Verkaufsräumen des Konzerns besichtigen. Monatelang hat Blum mit seinem Team am Unterhaltungspaket für den neuen Kleinwagen A1 gefeilt. "Niveau der Luxusklasse" verspricht der Autobauer seiner Kundschaft. Die vermuten die Ingolstädter vor allem in der Generation iPod, bei den 18- bis 30-Jährigen.

Diese Klientel will einen rollenden Laptop: Bis zu 60 Gigabyte wird die Festplatte des kleinsten Audis fassen. Damit lassen sich auch Video und Navigation locker in einem System vereinigen. Nur der fahrende Internetzugang ist dem Spitzenmodell A 8 vorbehalten - noch.

Die VW-Tochter liegt voll im Trend der Autobranche: Der Hubraum schwindet, die Rechenleistung steigt, die Industrie gibt immer mehr Geld für Chips und Software aus. Damit kommen zwei Welten endlich zusammen, die über Jahrzehnte hinweg keinen richtigen Draht zueinander gefunden haben.

Auf der einen Seite stehen die Fahrzeughersteller mit ihren langen Entwicklungs- und Produktzyklen. Auf der anderen Seite ist die schnelllebige IT-Branche, die Produkte mitunter schon nach einem halben Jahr aus dem Sortiment wirft. Autos hingegen laufen sieben bis zehn Jahre in derselben Form vom Band - für Apple, Google oder Microsoft sind das erdgeschichtliche Zeiträume.

Windows schon in vielen Autos

"Die Leute wollen im Auto genau die gleichen anspruchsvollen Angebote wie auf dem Handy oder dem PC", betont Walter Sullivan vom Softwarehersteller Microsoft. An elektronische Helfer wie das Anti-Schleuderpogramm (ABS), ausgefeilte Motorsteuerungen oder Satellitennavigation haben sich inzwischen selbst die Besitzer von Kleinwagen gewöhnt. Doch jetzt kommt der nächste Schritt: Die Computertechnik zieht in die Mittelkonsole ein. Immer mehr Autobauer nutzen inzwischen in ihren Fahrzeugen Windows, das auf PCs weltweit dominierende Betriebssystem von Microsoft. Wichtigster Kunde des größten Softwareanbieters der Erde ist Ford, auch Fiat und Kia setzen Windows ein. Darüber hinaus ist das Unternehmen von der amerikanischen Westküste mit einem halben Dutzend anderer Produzenten im Gespräch.

Der Vorteil: Für das Betriebssystem gibt es unzählige Programme, die mit einigen Anpassungen auch im Auto laufen. Zudem ist die Verbindung zu Geräten wie Handys einfach. Noch etwas ist wichtig: Die Kunden wissen vom heimischen PC her, wie Windows funktioniert. Dennoch bleiben die Berührungsängste vor allem auf Seiten der Autoindustrie groß: "Die Hersteller lassen nicht zu, dass Sublieferanten das hochprofitable Geschäft mit Sonderausstattungen übernehmen", sagt Stefan Lippautz von der Unternehmensberatung Arthur D. Little. Bis zu 4.000 Euro kostet ein kombiniertes Sound- und Navigationssystem der Spitzenklasse, das sind Umsätze, die jeder gerne für sich verbucht. "Die Autohersteller werden Softwarehersteller und Datenanbieter einbinden, aber ihnen nicht das Feld überlassen", glaubt Lippautz.

Ein Auto bleibt ein Auto - vorerst

IT-Branche und Fahrzeugproduzenten brauchen daher viel Geduld, um miteinander ins Geschäft zu kommen. Seit vier Jahren arbeitet der Münchner Autobauer BMW bereits mit dem US-Konzern Intel zusammen. Doch erst 2012 wird ein BMW mit einem Prozessor des größten Chipherstellers der Welt aus der Fabrik rollen. Im neuen 7er, dem Flaggschiff der Bayern, stecken dann dieselben Bauelemente wie in einem leistungsstarken, modernen Notebook.

Bislang mussten sich die Kunden vor allem am Ende des Lebenszyklus' eines Autos mit veralteten Systemen zufriedengeben. Damit ist künftig Schluss: "Die Autohersteller wollen nun jährliche Updates", sagt Intel-Manager Thomas Kellerer, der das Vorhaben von Beginn an betreut hat. Eine kleine Revolution.

Es hat seinen Grund, warum die Mühlen so unglaublich langsam mahlen. "Im Auto darf keine Software ausfallen, unsere Anforderungen an die Betriebssicherheit sind höher als bei anderen Produkten", unterstreicht Audi-Manager Blum. Was auch immer sich gerade auf dem Bildschirm in der Mittelkonsole tut, es darf den Fahrer nicht ablenken und muss leicht zu bedienen sein. Doch das ist noch nicht alles: Ein PC darf abstürzen, ein Auto nicht. Noch ist die Internetverbindung während der Fahrt der automobilen Luxusklasse vorbehalten. Doch auch das wird sich in den nächsten Jahren ändern. "Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis alle Autos einen Internetanschluss haben", prognostiziert Dirk Schlesinger, Chef der Beratungssparte des amerikanischen Netzwerkspezialisten Cisco.

Die Hersteller könnten dann neue Software aufspielen, während der Wagen nachts in der Garage steht, Versicherungen könnten online überwachen, ob die Verträge eingehalten werden und vor einer langen Fahrt könnten sich Autobesitzer Hörbücher oder Reiseführer herunterladen. Die Möglichkeiten sind fast grenzenlos. Längst arbeiten die großen Automarken nach dem Vorbild von Apple an eigenen App Stores, in denen sie künftig online kleine Zusatzprogramme fürs Auto anbieten werden.

Wird das Drumherum damit bald wichtiger als das Auto selbst? Die Fahrzeughersteller machen sich Mut: "Infotainment wird nie die fahrdynamischen Qualitäten eines Autos ersetzen, sondern rundet das Angebot ab", sagt Audi-Techniker Blum. Ein Auto bleibt ein Auto. Vorerst. [von Markus Fasse, Joachim Hofer und Mark Christian Schneider / Handelsblatt]  (wp)


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