Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1006/76058.html    Veröffentlicht: 28.06.2010 15:14    Kurz-URL: https://glm.io/76058

Anonymität im Internet

Reporter ohne Grenzen eröffnet Schutzraum gegen Zensur

Die Organisation Reporter ohne Grenzen bietet in Paris Besuchern aus Ländern mit Zensur Nachhilfe im Umgang mit Anonymisierungswerkzeugen an. Sie sollen auch ausgewählten Journalisten, Bloggern und Dissidenten in diesen Ländern zugänglich gemacht werden.

Die Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen (Reporters sans Frontières, RSF) hat ein Netz zum Schutz vor Zensur eingerichtet. Das sollen Journalisten, Blogger und Dissidenten nutzen, um der Überwachung durch Behörden zu entgehen.

Anonymisieren lernen

Der sogenannte Anti-Censorship Shelter existiert dabei sowohl real als auch virtuell. Der reale Schutzraum vor Nachstellungen und Überwachung befindet sich in der Zentrale der Organisation in Paris. Dort können Journalisten, Blogger und Dissidenten aus Ländern, in denen das Internet überwacht und zensiert wird, den Umgang mit Werkzeugen lernen, mit deren Hilfe sich Überwachung und Zensur umgehen lassen.

Dazu kooperiert RSF mit dem Unternehmen Xerobank, das aus der Gruppe hervorgegangen ist, die den auf dem Portable Firefox basierenden Browser Torpark entwickelt hat. Torpark wurde inzwischen in Xerobank Browser umbenannt. Xerobank stellt eine Reihe von Diensten wie anonymisierten Internetzugang und anonymisierte E-Mails kostenlos zur Verfügung. Der Datenverkehr wird über ein von Xerobank eingerichtetes virtuelles privates Netz (Virtual Private Network, kurz VPN) abgewickelt.

Sammlung zensierter Inhalte

Die Besucher können in dem Antizensur-Schutzraum, der montags bis freitags von 10 Uhr bis 18 Uhr geöffnet ist, die Werkzeuge nutzen oder den Umgang damit erlernen. Geplant ist zudem eine Plattform, über die anonym Bilder und Videos verschickt werden können, sowie eine Website, auf der Inhalte, die in bestimmten Ländern gelöscht wurden, veröffentlicht werden sollen.

Um die Anonymisierungswerkzeuge nutzen zu können, bedarf es nicht der Anwesenheit in Paris: Auch die Kontakte der Besucher sowie von RSF ausgewählte Journalisten, Blogger oder Menschenrechtsaktivisten, die sich in zensierenden Ländern befinden, sollen Zugang zu dem VPN und den Werkzeugen bekommen, um sicher kommunizieren zu können.

Mehr Zensur, mehr Inhaftierte

"Nie zuvor saßen so viele Netizens in Ländern wie China, Vietnam und dem Iran im Gefängnis, weil sie ihre Ansichten frei im Internet geäußert haben", erklärt die Organisation. "Anonymität wird immer wichtiger für diejenigen, die mit vertraulichen Daten zu tun haben". Das gilt übrigens nicht nur für Länder, die Zensur praktizieren: Auch der deutsche Innenminister Thomas de Maizière ist ein erklärter Gegner von anonymem Zugang ins Internet.

Immer mehr Länder überwachten oder zensierten das Internet, beklagt RSF. Die Zahl derer, die wegen freier Meinungsäußerung verhaftet werden, steige von Jahr zu Jahr. RSF gibt regelmäßig den Bericht Feinde des Internets heraus. Die aktuelle Ausgabe, die im März 2010 erschienen ist, listet etwa 60 Staaten auf, die im Jahr 2009 zensiert haben. Knapp 120 Blogger, Internetnutzer und Dissidenten saßen im Gefängnis. Diese Zahl sei noch nie so hoch gewesen - bei Erscheinen des Vorjahresberichts im März 2009 waren es rund 70 gewesen.  (wp)


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