Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1006/75915.html    Veröffentlicht: 21.06.2010 11:59    Kurz-URL: https://glm.io/75915

Yeahyeahyeahyeahyeah

Süchtig nach dem Bilderstrom des Lebens

Die Website "Yeahyeahyeahyeahyeah" zeigt wahllos anonym eingesandte Schnappschüsse. Sonst nichts. Damit macht sie abhängig.

Vor jeder Annäherung muss man an diesem verdammt sperrigen Namen vorbei: Yeahyeahyeahyeahyeah. Außerdem erscheint die Website völlig sinnfrei und arg beschränkt. Trotzdem macht sie sofort süchtig. Und wirft auf den zweiten Blick ganz grundlegende Fragen zu Medium und Kontext auf.

Yeah, ein Ausruf, fünf Mal wiederholt. Wer diese Adresse in den Browser seines Computers oder (wahrscheinlicher) seines Mobiltelefons tippt, blickt auf eine nicht enden wollende Folge wahlloser Schnappschüsse. Und damit in die Welt. Denn jedermann, der ein sechstes Yeah hinzufügt, kann an die E-Mail-Adresse yeah@yeahyeahyeahyeahyeah.com ein Digitalfoto schicken. Nur Sekunden dauert es, bis es auf der Website erscheint.

Ein Polizeiwagen auf einer Kreuzung, eine Pizza, ein Geburtstagskaffee, Menschen am Computer, Fertigessen, Straßenschilder und Verballhornungen von Straßenschildern, viele Katzen und Hunde ... Zunächst wirkt Y5 so, als hätte ein eifriger Kurator die belanglosesten Motive der Welt für eine Ausstellung über junge Fotografen mit Talentdefizit gesammelt. Aber es dauert nicht lange, bis die Neugier einsetzt. Ist das Schwedisch auf dieser Knorr-Tütensuppe? Was für ein Senderlogo prangt auf jenem Schnappschuss von der WM-Übertragung? Was soll diese Kritzelei bedeuten?

Bald fängt der Betrachter an, nach Mustern zu suchen: Sind im Moment gerade Straßenschilder aus Toronto in? Hey, da machen sich Menschen in unterschiedlichen Ländern mit Schnappschüssen über Scientology lustig! Und wer ist dieser "Oscar", dem immer wieder Fotos ("Hi Oscar!" "Fuck Oscar!") gewidmet werden?

Y5 lädt automatisch nach, alle paar Sekunden ploppt ein neues Motiv in den Bilderstrom.



Y5: So beschränkt, nicht mal Links gibt es

Das ist meditativ, absolut linear und dient augenscheinlich keinem anderen Zweck als dem müßigen Zeitvertreib. Und es ist eine raffinierte digitale Ironie: so beschränkt, nicht mal Links gibt es. Ein auf das Wesentliche reduziertes Imageboard. Debatten sind nur über Bilder möglich.

Allem Anschein nach vergisst Y5 diese auch schnell wieder, wenn sie nach unten gewandert sind. "Der völlige Mangel an Verbindung zum Rest des Webs ist irgendwie gemütlich und erfrischend", befand Jolie O'Dell vom Blog Mashable, das Y5 Ende letzter Woche seinen ersten Popularitätsschub verpasste.

Unklar bleibt der genaue Ursprung. Sein Erfinder heiße Tyler Healy, schreibt der Kunststudent Andrew Mahon von der Parsons School of Design in New York in seinem Blog Type/Code. Dort (und nicht etwa bei Y5 selbst) schreibt Mahon (und nicht etwa Healy selbst) in einem programmatischen Aufsatz: "Y5 zollt einem der lächerlichsten Nebenprodukte des Internets Respekt: unserer jüngst realisierten Ultrahypervernetztheit." Anschließend rekapituliert er die Buzzwords der vergangenen fünf Jahre, von Smartphone über soziale Netzwerke bis Twitter. Die Technik, resümiert der Autor, mache es den Nutzern nunmehr nicht bloß möglich, sondern ermuntere sie schlechterdings "zum Überdokumentierin und Überteilen".

Den anonymen, wohl global verteilten und mit Kamerahandys bestückten Y5-Nutzern wird diese verkopfte Medienkunstperspektive egal sein. Sie machen einfach Bilder: ein asiatischer Schokoriegel, die venezianische Kirche San Giorgio Maggiore im Nebel, ein grinsender Schlipsträger auf dem Klo, Bands, Kinder und (noch mehr) Katzen - Y5 ist das neue Chatroulette. Kürzer, konsequenter, anarchistischer. Für nichts als 15 Sekunden Ruhm im Netz. [von Stefan Schmitt / Zeit Online]  (ji)


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