Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1006/75571.html    Veröffentlicht: 04.06.2010 14:30    Kurz-URL: https://glm.io/75571

Spieletest Train Simulator 2010

Schöne Landschaften im Zugsimulator

Train Simulator alias Railworks 2010 ist der Nachfolger des Rail Simulators. Golem.de hat nachgesehen, ob der Entwickler aus seinen Fehlern gelernt und einen guten Zugsimulator abgeliefert hat, der dem Anspruch einer Simulation genügt.

Etwas mehr als zwei Jahre ist es her, dass das britische Entwicklerstudio Kuju Entertainment - das schon hinter Microsofts erstem Train Simulator steckte - gemeinsam mit Electronic Arts den Rail Simulator auf den Markt gebracht hat.

Mit Train Simulator: Railworks 2010 versucht Entwickler Railsimulator.com LTD (RSC), hervorgegangen aus Kuju, es nun erneut, denn der Rail Simulator ist ein schlechter Vertreter des Genres der Zugsimulationen. Eines vorweg: Wirklich grobe Fehler, die das Spiel unspielbar machen könnten, hat Train Simulator: Railworks 2010 nicht - was gegenüber dem Vorgänger eine deutliche Verbesserung ist. Er war durch viele Fehler aufgefallen. Das Spiel, das wir der Einfachheit halber fortan Railworks nennen, ist seit einigen Monaten in Großbritannien erhältlich. Nun wurde es mit Hilfe des Simulationsspezialisten Aerosoft an den deutschen Markt angepasst.



Copy & Paste oder echte Verbesserungen?

Schon auf den ersten Blick ist viel Bekanntes zu sehen. Die Strecken von Hagen nach Siegen, von Oxford nach Paddington und von Newcastle/Gateshead nach York wurden beispielsweise vom Rail Simulator übernommen. Diese Strecken waren schon für den Vorgänger besonders liebevoll erstellt worden, jetzt sehen sie noch ein bisschen besser aus. Dazu kommen nun ein paar Fantasiestrecken - was zwar nicht unbedingt dem Anspruch einer Simulation genügt, aber die Anzahl der Strecken auf acht erhöht. Genug Abwechslung gibt es also, zumal die Strecken so lang sind, dass sie stundenlangen Spielspaß versprechen. Wer will, kann dank des Editors zudem selbst Gleise verlegen.

Auch beim Rollmaterial, also den Loks, Triebwagen und Waggons gibt es viel Bekanntes. Als schnellster Vertreter ist die Baureihe 101 unterwegs. Die E-Lok der Deutschen Bahn zieht schwere und schnelle Intercitys durch Deutschland. Wer Schnellfahrten mag, wird beim Rail Simulator aber nicht fündig. Einen ICE und eine passende Hochgeschwindigkeitsstrecke gibt es nicht. Dafür muss der Spieler eine Erweiterung kaufen.

Szenarien übernommen

Auch die Szenarien wurden bei den bekannten Strecken größtenteils übernommen, inklusive der Fahrpläne, die sich dem Verhalten des Fahrers anpassen. Wer will, kann also mit 10 km/h im Berufsverkehr fahren und erfüllt dennoch seinen Fahrplan, ohne einen Zugstau auszulösen. Einige neue Szenarien bieten aber echte Fahrpläne, die mit den tonnenschweren Zügen durchaus eine Herausforderung darstellen, wenn sich der Spieler an die Regeln hält.

Zugsimulator ohne funktionierende Zugsicherung

Doch genau am Regelwerk hapert es. Bei einer Vorabdemonstration von Railworks hatte uns Aerosoft noch versprochen, dass sich das deutsche Team darum kümmern wird, das deutsche Zugsicherungssystem PZB korrekt umzusetzen. PZB steht für Punktförmige Zugbeeinflussung, ein recht altes Sicherungssystem für Fahrten unterhalb von 160 km/h. Es regelt unter anderem die Annäherungsgeschwindigkeit vor Signalen, zeitliche Vorgaben zur Reduzierung von Geschwindigkeiten vor und hinter Halt- und Halt-Erwarten-Signalen, und was bei einer Regelverletzung passiert - nämlich meist eine gnadenlose Zwangsbremsung, die für die Fahrgäste nicht angenehm ist. Für die PZB sind Magneten neben den Schienen im Boden, und der Spieler muss im Führerstand der Lok auf diverse Anzeigen achten, denn die Lok erkennt diese Magneten und zeigt den Typ an, sofern der Magnet beispielsweise wegen eines Rotsignals aktiv ist. Soweit die Kurzfassung eines komplexen Sicherungssystems.

Davon hat das Team von RSC unter Anleitung von Aerosoft fast nichts umgesetzt. Beispielsweise fährt eine Railworks-Lok mit PZB-Regeln durchaus 200 km/h schnell und es gibt die unterschiedlichen Magneten der PZB auf der Strecke, doch sie sind funktionslos. RSC hat es zudem versäumt, die PZB-Anzeigen in der Lok zum Leben zu erwecken, obwohl sie für das korrekte Fahren eines Zuges essenziell sind. Sogar der Totmannknopf fehlt. Bei Railworks kann sich der Spieler entspannt zurücklehnen, parallel Texte schreiben oder die Toilette aufsuchen. All das blieb im Expertenmodus während des Tests ohne Konsequenzen.

Laut Aerosoft ist das Spiel so weit vorbereitet, dass über Erweiterungen eine realitätsnahe PZB-Zugsicherung möglich ist.

Wenn der Zug für den Bahnsteig zu lang ist

Statt den Platz des Fahrers mit funktionierenden Anzeigen in der Lok auszustatten, gibt es einblendbare Anzeigen, die durch ihr Layout zum Teil die Sicht behindern. Schade ist, dass es an den Bahnsteigen keine Haltetafeln gibt, damit der Spieler weiß, wo er sein tonnenschweres Gerät eigentlich zum Stehen bringen soll. Normalerweise ist es eine Herausforderung, ein derart träges Gefährt auf den Meter genau abzubremsen. Bei Railworks muss sich der Spieler entscheiden, welche Fahrgäste er überhaupt aussteigen lässt, denn oft sind die planmäßigen Züge viel zu lang für die anzufahrenden Bahnsteige.

Auch an den Nachtfahrten haben die Entwickler nicht gearbeitet. Die Loks haben zwar Scheinwerfer, die auch angeschaltet werden können, doch die dunkle Strecke wird dadurch nicht erhellt. Sogar die Zugschlussleuchte fehlt bei Personenzügen.

Allerdings arbeiten die Entwickler weiter an dem Simulator. Am 3. Juni 2010 wurden kurzfristig neue Szenarien mit einem Patch nachgeliefert. Vor allem dem Nahverkehrsszenario auf der Strecke Hagen - Finnentrop mit einer sprintstarken Baureihe 143 war anzumerken, dass hier mit Sorgfalt gearbeitet wurde. Es ist viel los auf den Gleisen, und der Fahrplan funktioniert.

Zugführer brauchen besondere Rechte

Technisch arbeitet RSC nicht so, wie es unter Windows eigentlich vorgesehen ist. Wer unter Windows einen Zug fahren will, braucht die Rechte eines Administrators. Ohne Adminrechte behauptet das Spiel, der Anwender sei nicht in Steam angemeldet und verweigert das Starten. Allerdings hilft es nicht, Railworks als Administrator zu starten, denn dann wird Railworks ja im Kontext des Administrators und nicht des Benutzers gestartet. Wer ein vorsichtig konfiguriertes Windows nutzt, muss umkonfigurieren.

Das britische Studio nutzt zudem ein US-Tastaturlayout, das in der deutschen Anleitung aber erklärt wird und eigentlich ohne Konsequenzen ist. Einen Fauxpas leistet sich das Studio mit einer Doppelbelegung. Für das Passieren zurückliegender Gefahren muss eigentlich die Kombination Shift+Tab gedrückt werden. Leider braucht Steam diese Tastenkombination für eigene Zwecke. Doch das lässt sich immerhin umbelegen.

Hardwareanforderungen und Fazit

Die Anforderungen an den Rechner sind moderat, nicht zuletzt, weil ein Spieler von Zugsimulationen keine hohen Bildraten braucht. Wichtiger ist Präzision auf einem hunderte Meter langen Weg. Besitzer eines Spiele-PCs müssen sich keine Sorgen machen, wenn es sein muss, funktioniert Railworks sogar auf einem ULV-Notebook (Core 2 Duo U7600) mit Intels GMA 3100. Das Spiel kommt bei schwachen Rechnern allerdings aus dem Takt, so dass dann eine Sekunde Spielzeit etwas länger dauert.

Train Simulator: Railworks 2010 ist für Windows-PCs erhältlich. Das Spiel ist für alle Altersklassen freigegeben und kostet rund 45 Euro. Ein Steam-Account ist zwingend notwendig, das Spiel lässt sich aber auch im Offlinemodus betreiben, ein Mehrspielermodus existiert ohnehin nicht.

Fazit

Der Train Simulator: Railworks 2010 ist wie sein Vorgänger Rail Simulator keine gute Simulation. Immerhin gibt es ein paar neue Strecken und Szenarien, wirklich grobe Fehler sind nicht mehr vorhanden. Doch der Zugsimulator simuliert wichtige Aspekte des Bahnverkehrs einfach nicht. Die KI ist schlecht, die Sicherungssysteme zum Teil nicht vorhanden und Züge steuert der Spieler nicht über die Anzeigen im Zug, sondern über HUD-Anzeigen, die auch noch die Sicht auf die Strecke versperren. Selbst die Weichen werden nicht realistisch simuliert, was allerdings nur Auswirkungen hat, wenn der Spieler wirklich schläft.

Selbst im Expertenmodus stellt das Spiel in vielen Szenarien keine Herausforderung dar und kommt nicht einmal an Hobbyprojekte wie Loksim 3D oder Zusi heran. So ist RSCs Spiel nicht mehr als ein hübsch anzuschauender Landschaftsbetrachter mit Zuggeräuschen. Immerhin wird das Spiel Patch um Patch besser. Dass die vielen konzeptionellen Fehler damit behoben werden können, darf bezweifelt werden, das wird vermutlich nur mit Erweiterungen funktionieren.

Wer einen Zugsimulator sucht, bei dem sich in der Addon-Community etwas tut, hat mit Railworks trotzdem eine Option. Der Train Simulator ist nun fast zehn Jahre alt. Der offizielle Nachfolger, dessen ICE-Strecke nach Köln fast fertig war, kommt nicht mehr. Alternativ kann sich der Spieler auf Nischen der Zugsimulation beschränken, etwa auf den U-Bahn-Simulator, der dank Patches mittlerweile recht ordentlich ist.  (ase)


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