Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1005/75292.html    Veröffentlicht: 21.05.2010 14:01    Kurz-URL: https://glm.io/75292

Spieletest

Red Dead Redemption - GTA im Wilden Westen

Saloon statt Sexclub, Pferderücken statt Pferdestärken und Revolver statt Raketenwerfer: Rockstar Games bietet in seinem neuen Werk spielerische Freiheit in bester GTA-Tradition, setzt aber auf die Weiten des Wilden Westens als Schauplatz - Freiheit, Abenteuer und allerlei schräge Galgenvögel inklusive.

Los geht es mit einer Zugfahrt. John Marston, Hauptfigur in Red Dead Redemption, rollt mit der Eisenbahn durch die Prärie und hört den Gesprächen der anderen Fahrgäste zu. Er lauscht, wie sich zwei ältere Damen über die unzivilisierten Ureinwohner mokieren - aber das Problem sei ja gelöst, Gott sei Dank! Er hört zu, wie ein Vater seiner Tochter die Sache mit der Bibel erklärt. Und er folgt einer Unterhaltung über einen künftigen Gouverneur, der endlich so richtig aufräumen will im Staat - aber womöglich selbst Dreck am Stecken hat... Das alles ist der Hintergrund für die Handlung, in der der ehemalige Bandit Marston im Auftrag einer ominösen Behörde - dem späteren FBI - seine früheren Kompagnons liquidieren soll. Das misslingt fürchterlich: Am Ende des Intros liegt John Marston halbtot im Staub.

Natürlich steuert der Spieler den ernsthaften, verschlossenen Marston dann doch durch eine epische Handlung - erzählt in aufwendig gestalteten Zwischensequenzen und angereichert durch eine Vielzahl von Nebenfiguren wie dem kautabakspuckenden Hilfssheriff oder der wackeren jungen Farmerin. Red Dead Redemption ist fast genauso aufgebaut wie zuletzt Teil 4 der Grand-Theft-Auto-Reihe: Der Spieler kann die Welt wahlweise auf eigene Faust erkunden, oder er begibt sich schnurstracks zur meist klar auf der Übersichtskarte markierten nächsten Hauptmission und folgt der Handlung.

Überhaupt, GTA 4: Rockstar Games vermarktet Red Dead Redemption völlig zu Recht als Wildwest-Ableger von Grand Theft Auto. Die Ähnlichkeiten sind groß und reichen vom Mix aus spielerischer Freiheit und linearer Handlung über die Karte bis hin zum Pferde-Navigationssystem, das mitten in der Wildnis den Weg zum nächsten Ziel mit einer orangen Linie auf der Mini-Map anzeigt.

Das eigentliche Highlight in Red Dead Redemption ist die Westernwelt. Marston beginnt sein Abenteuer in der kleinen Stadt Armadillo in New Austin, später gelangt er über den Fluss im Süden in die mexikanische Grenzregion Nuevo Paraiso und schließlich in das dritte große Gebiet, das im Nordosten gelegene West Elizabeth. Alle drei sind riesig - der Spieler kann gefühlt ohne Beschränkung durch enge Canyons, Kakteenfelder, Siedlungen, Wälder, über Äcker und Berge und an Minen und Flüssen entlanggaloppieren.

Wilder Western für ernsthafte Naturen

Ähnlich wie in GTA lernt der Spieler die Landschaft im Spielverlauf immer besser kennen - was anfangs eine unbekannte Weite ist, ist dann später das Gebiet, in dem es am großen roten Felsen nach links zur Farm und nach rechts zur Stadt geht. Bei der Weitsicht trickst das Programm zwar, indem es längst nicht alle Objekte in mittelgroßer Distanz darstellt. Trotzdem kann es erhebend sein, wenn der Spieler als Marston einer glutroten Abendsonne entgegenreitet und dabei ganz am Horizont allmählich sein Ziel auftaucht.

Red Dead Redemption kommt trotz des teils skurrilen Szenarios deutlich ernsthafter herüber als GTA 4. Das Spiel verzichtet weitgehend auf Ironie und Klamauk und gibt sich düster. Deutlich anders ist auch die Art, wie Marston durch die Welt reist. Nicht in schicken Straßenkreuzern, sondern auf dem Rücken von Pferden. Die steuern sich allerdings fast wie Autos - aufsteigen, vorsichtig per Gamepad-Taste Gas geben und dann die gewünschte Richtung einschlagen. Das funktioniert gut, nur bei beengten Raumverhältnissen ist die Steuerung manchmal hakelig.

Weil die Wege in der riesigen Welt lang und durch das ersatzlos gestrichene Autoradio auch etwas langweiliger sind als in GTA, haben die Entwickler für mehr Sofortreisefunktionen gesorgt: Neben Angeboten wie Postkutschen und der Bahn kann der Spieler auch jederzeit in der Wildnis ein Lager aufschlagen und dort zum einen den Spielstand sichern, sich zum anderen per Knopfdruck an früher besuchte Orte teleportieren.

Wer trotzdem per Pferd von A nach B reist, bekommt dabei jede Menge Unterhaltung in zusätzlichen Missionen geboten. Die finden meist direkt am Wegesrand statt: Beispielsweise jagt ein einsamer Reiter hinter Banditen her, möchte seinen Bruder retten und fragt nach Hilfe. Oder eine verzweifelte junge Frau wird von Ganoven belästigt, ein Überfall auf eine Postkutsche muss vereitelt werden, oder Kinder haben sich verlaufen. An derartigen Aufträgen - es gibt hunderte davon - nimmt der Spieler einfach teil, ohne es zuvor irgendwo zu bestätigen. Falls er keine Lust hat, reitet er einfach weiter. Bei allen Missionen winken neben Dollar auch Ruhmespunkte, mit denen der Spieler langfristig zum legendären Westernhelden wird. Außerdem kann er sich als eher guter oder böser Cowboy etablieren. Das hat ein paar Auswirkungen auf das Ansehen bei Banditen und Bürgern, nicht aber auf die Haupthandlung.

Feuergefechte mit Pistolen und Revolvern spielen eine deutlich größere Rolle als in GTA. Marston kämpft sowohl zu Fuß als auch zu Pferde. Wie schwierig sich Red Dead Redemption spielt, hängt vor allem von den Feuergefechten ab. Im einfachsten Modus arbeitet das Zielsystem vollautomatisch, dann ist das Spiel vergleichsweise einfach; wer eine Mission dreimal nicht schafft, kann sie übrigens überspringen. Im Standardmodus lässt sich die automatische Aufschaltung mit dem rechten Stick aushebeln, Experten müssen ihre Gegner ohne Unterstützung anvisieren. Dazu kommt noch die Dead-Eye-Zeitverlangsamung, mit der der Spieler Gegner anfangs einfach in Ruhe unter Beschuss nimmt, später lassen sich Makros für Schussfolgen erstellen.

Endlose Möglichkeiten in der Prärie

Auch sonst gibt es mehr als genug zu tun. Wer mag, kann auf die Jagd gehen und vom Kaninchen bis zum Grizzlybären rund 40 Tiere jagen, in einer ziemlich drastischen Animation häuten und die Felle an Händler verkaufen. Es gibt Massen von Minispielen wie Poker, Marston kann nach Schätzen suchen oder als Kopfgeldjäger arbeiten. Teilweise hat es Rockstar Games mit derlei Zeitfressern fast übertrieben: Wer den Protagonisten beispielsweise in besondere Klamotten stecken will, muss diese Sets nach und nach zusammentragen. Für das "Outfit der Bollard-Zwillinge" etwa sind sechs Schritte nötig: einen bestimmten Banditen erschießen, einen lebendig per Lasso fangen, beim Hufeisenwerfen gewinnen, ...

Das Programm verfügt über Multiplayermodi, in denen unter anderem bis zu 16 Spieler gemeinsam die Spielwelt erkunden oder in Trupps von bis zu acht Mitgliedern gegeneinander kämpfen können. Dazu kommen Deathmatch, Team Deathmatch und Capture The Flag und Ähnliches - weitere sollen per Download folgen. Auf der Xbox 360 wird für die Mehrspielermodi eine kostenpflichtige Gold-Mitgliedschaft vorausgesetzt.

Red Dead Redemption ist für Xbox 360 und Playstation 3 erhältlich; über eine später möglicherweise folgende Version für Windows-PC hält sich Rockstar Games bedeckt. Bei den Konsolenfassungen gibt es einige Unterschiede: Auf Xbox 360 wird das Bild maximal mit 1.280 x 720, auf Playstation 3 nur mit bis zu 1.152 x 640 Pixeln dargestellt. Die Microsoft-Konsole zeigt mehr Pflanzenbewuchs, die Sony-Hardware hingegen schönere Wolken. Schatten und das Laub in Bäumen flimmern auf der Playstation mehr. Die Xbox 360 hat wie bei GTA 4 insgesamt die Nase vorn - riesig sind die Unterschiede allerdings nicht, das Spiel sieht im echten Leben auf beiden System sehr gut aus.

Die Abenteuer von John Marston kosten für jede Konsolenvariante rund 60 Euro. Das Spiel enthält auch hierzulande die - oft schwer verständliche - englische Sprachausgabe, gut übersetzte Untertitel sind vorhanden. Rockstar Games hat die englische Version nach eigenen Angaben an keiner Stelle gekürzt. Die USK hat eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

Für Westernfans und Von-GTA-nicht-genug-Krieger ist Red Dead Redemption das Eldorado schlechthin. Die riesige, schöne und mit spannenden Erlebnissen vollgestopfte Welt bietet Spielspaß für Wochen und Monate. Ebenfalls gelungen sind die packend inszenierte Handlung und die Atmosphäre. Marston selbst kommt zwar anfangs ein bisschen hölzern über den Bildschirm, aber das ändert sich. Schön auch, dass die Entwickler das Szenario ernst nehmen und auf allzu viel Klamauk verzichten. Unterm Strich haben die Abenteuer im Wilden Westen das Zeug zum Klassiker.

Ganz nebenbei: Red Dead Redemption zeigt endgültig, dass Openworld und Sandbox auch in anderen Szenarios als der GTA-Großstadt funktionieren. Wie wäre es mit Grand Theft Altägypten oder einem Red Dead Mittelalter? Mit seinem jüngsten Werk weist Rockstar Games den Weg, wie so etwas funktionieren könnte.  (ps)


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