Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1005/75237.html    Veröffentlicht: 19.05.2010 18:20    Kurz-URL: https://glm.io/75237

Cory Doctorow

Nicht die Informationen, das Internet soll frei sein

Der kanadische Autor und Blogger Cory Doctorow hat sich das alte Credo der Netzgemeinde vorgenommen, dass Informationen frei sein wollen. Dieser Satz werde von der Unterhaltungsindustrie umgedeutet, um Überwachungs- und Zensurmaßnahmen zu rechtfertigen. Doctorow empfiehlt eine Neuausrichtung.

"Information wants to be free", "Informationen wollen frei sein", lautet ein Credo der Internetgemeinde. Der Satz stammt vom US-Autor Stewart Brand. Der hatte 1984 einen wichtigen Widerspruch des aufkeimenden Informationszeitalters beschrieben: "Auf der einen Seite wollen Informationen teuer sein, denn sie sind wertvoll. Das richtige Wissen zum richtigen Zeitpunkt verändert das Leben. Auf der anderen Seite wollen sie frei sein, weil die Kosten für ihre Verbreitung stetig sinken. Das sind zwei widerstreitende Aspekte."

Wissen lässt sich nicht mehr einsperren

Besser ließen sich die Auseinandersetzungen der kommenden Jahrzehnte nicht beschreiben, sagt der kanadische Autor und Blogger Cory Doctorow: Je mehr Informationstechnologie (IT) es gebe, desto mehr Wert erzeuge sie und desto wichtiger werde das Wissen. Auf der anderen Seite helfe die IT, Wissen zu verbreiten, erklärt er in einem Kommentar in der britischen Tageszeitung Guardian. Es hinter Schranken zu sperren, werde immer schwerer.

Doch inzwischen habe die Unterhaltungsindustrie die Forderung "Information wants to be free" darauf verkürzt, dass sich die Netzgemeinde nur für Kostenfreiheit interessiere. Das nutze die Industrie zur "Rechtfertigung der stetigen Zunahme von Überwachung, Kontrolle und Zensur unserer Netze und Werkzeuge".

Freier Zugang

Kostenfreiheit sei aber nicht das Entscheidende, sagt Doctorow. Die Verteidiger der digitalen Rechte forderten einen freien Zugang zu Wissen und Informationen ohne technische Hindernisse, um damit arbeiten zu können und so das Wissen und die Gesellschaft weiterzuentwickeln.

Es sei notwendig, aus vorhandenen Werken zitieren, darauf verweisen oder darauf aufbauen zu dürfen. Nur so sei ein kritischer Diskurs möglich - zumal auch diese Werke nicht im luftleeren Raum entstanden seien, sondern ihrerseits auf Vorgängern aufbauten.

Ungehindert oder kostenlos

Dazu gehöre auch, dass Nutzer Programme entwickeln und nutzen, mit denen sie einfach und ungehindert Informationen untereinander austauschen - selbst um den Preis, "dass einige wenige diese nutzen, um an Popsongs zu kommen, ohne zu bezahlen."

Die Netzbetreiber hingegen dürften nicht die Netze regulieren, indem sie die Auslieferung der Inhalte, die die Nutzer aufrufen, verlangsamten oder verhinderten, fordert Doctorow. Sie dürften sich nicht von Inhalteanbietern dafür bezahlen lassen, deren Inhalte bevorzugt auszuliefern.

"Information wants to be free", resümiert Doctorow, bringe diesen Sachverhalt auf den Punkt und spiele schelmisch mit der Doppelbedeutung des Wortes "frei". Doch richte der Gebrauch des Satzes heutzutage mehr Schaden an, als er nutze. "Besser wäre es zu sagen: 'Das Internet will frei sein.' Oder einfach: 'Die Menschen wollen frei sein.'"  (wp)


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