Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1004/74544.html    Veröffentlicht: 16.04.2010 12:37    Kurz-URL: https://glm.io/74544

Wikileaks: Anonym für offene Informationen

Mitarbeiter müssten vor äußeren Einflüssen geschützt werden

Nur zwei Mitarbeiter des Wikileaks-Projekts treten öffentlich auf, die anderen müssen anonym bleiben, erklärt Daniel Schmitt im Interview mit Golem.de. Sie sollen vor äußeren Einflüssen geschützt werden, zum Beispiel vor Überwachung Dritter.

Über Wikileaks können Informanten anonym geheim gehaltene Informationen an die Öffentlichkeit bringen. Die Brisanz der Informationen erfordert gegenwärtig die Anonymität der an der Veröffentlichung beteiligten Mitarbeiter, sagt Daniel Schmitt, einer von zwei öffentlich auftretenden Mitarbeitern. Grund ist die Bedrohung durch Bestechungsversuche - und die mögliche Überwachung durch Dritte.

Wikileaks in Gefahr

Was klingt wie ein Roman von John le Carre, ist für Wikileaks-Mitarbeiter längst Realität. Ein 2008 auf ihren eigenen Seiten veröffentlichtes Dossier des National Ground Intelligence Center der US-Amerikanischen Armee (NGIC) unterstreicht die Gefahr, die Regierungen oder Konzerne in dem Whistleblower-Projekt sehen. Der amerikanische Geheimdienst hatte Ideen gesammelt, wie das Portal und seine bekannten Mitarbeiter in Misskredit gebracht werden könnten. Das geheimdienstliche Dokument sollte naturgemäß unter Verschluss bleiben, bis es ein sogenannter Whistleblower an Wikileaks weitergab - und damit an die Öffentlichkeit.

Wikileaks hat vor wenigen Tagen ein weiteres brisantes und bislang geheim gehaltenes Video veröffentlicht, das den Angriff auf Zivilisten im Irak durch amerikanische Kampfhubschrauber zeigt - samt zynischer Kommentare der Piloten. Gleichzeitig stellte Wikileaks eine kommentierte Fassung des Videos auf einer weiteren Webseite ins Internet. Die Trennung zwischen der reinen Veröffentlichung von Informationen, der sich Wikileaks verpflichtet hat, und redaktioneller Aufbereitung, verschwamm, was Kritik nach sich zog. Dennoch sieht sich Wikileaks nicht als Konkurrenz zum Journalismus, betonte Schmitt. Er hält die zusätzliche Veröffentlichung der kommentierten Fassung für zumindest "unglücklich".

Komplexe Technik für brisante Informationen

Die Aufarbeitung des Videoinhalts war technisch eine große Herausforderung, sagt Schmitt. Das Video sei mit einer extrem starken Verschlüsselung versehen gewesen. Um an den Inhalt zu kommen, wurde die Bruteforce-Methode angewandt. Die dafür benötigte Rechenleistung stellten Server-Clouds verschiedener Einrichtungen zur Verfügung.

Schutz für Whistleblower

Der Zugang zu der Webseite für potenzielle Informanten erfolgt generell nur über eine verschlüsselte Seite. Eingereichte Dokumente und Bilder werden zunächst auf ihre Authentizität überprüft, bei Dokumenten werden beispielsweise die Metainformationen auf etwaige Diskrepanzen untersucht, Fotos oder Bilder werden auf verdächtige Nachbearbeitungen mit entsprechender Software auf Fälschungen getestet. Später werden sowohl die Menschen als auch die von ihnen bereitgestellten Informationen von mehreren Instanzen beäugt, etwa von Rechtsanwälten, Journalisten oder Spezialisten zu einem entsprechenden Themengebiet.

Intensive Recherche

Letztlich sei das nichts anderes als solide journalistische Arbeit, so Schmitt, nur dass den Redaktionen dafür Infrastruktur und Geld fehlten. Wikileaks mit seinen über 1.000 freiwilligen Helfern will diese Lücke schließen, ohne selbst als Redaktion aufzutreten. Inhalte werden zur freien Verfügung gestellt, Journalisten können die Informationen ohne Einschränkungen weiter verwenden und sich gleichzeitig darauf verlassen, dass die Quelle hundertprozentig verlässlich ist, so Schmitt.

In erster Linie versucht die Organisation mit allen Mitteln, ihre Quellen zu schützen. Dazu gehöre auch die Beratung, wie geheime Dokumente aus Unternehmen oder Behörden geschmuggelt werden können, ohne dass man selbst als Quelle enttarnt wird. Potenziellen Informanten wird geraten, über das anonyme Netzwerk Tor ins Internet zu gehen.

Mit Technik aus der Anonymität

Mit verbesserter Technik verspricht sich Wikileaks auch die schrittweise Aufhebung der eigenen Obskurität, wie Schmitt sie bezeichnet, etwa wenn die Gefahr des Abhörens durch verbesserte Verschlüsselung wegfalle. Eine weitere Initiative soll den Schutz der Daten gewährleisten. In Island läuft eine durch Wikileaks angestoßene Gesetzesinitiative, die Teile der amerikanischen Verfassung zur Redefreiheit und dem im schwedischen Grundgesetz verankerten Schutz journalistischer Quellen vereinen soll. Sollte die Gesetzesvorlage verabschiedet werden, werde Wikileaks seine Daten auf dort platzierten Servern ablegen.  (jt)


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