Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/1004/74540.html    Veröffentlicht: 16.04.2010 11:59    Kurz-URL: https://glm.io/74540

Neurosky und das Spiel mit den Gehirnwellen

Neue Möglichkeiten der Spielesteuerung durch Neurologie

Computerspiele könnten künftig wissen, ob sich ein Mensch gut unterhalten fühlt oder langweilt - und entsprechend reagieren. Möglich machen das EEG-Sensoren des amerikanischen Unternehmens Neurosky. Golem.de sprach mit David Westendorf von Neurosky über Pläne im Spielemarkt.

Der Kampf gegen ein Dutzend Monster ist überstanden, der Spieler steht als Sieger auf dem Schlachtfeld. Ist es jetzt besser, ihn noch vor eine letzte Herausforderung zu stellen - oder wäre jeder weitere Gegner einer zu viel? Diese Entscheidung könnte künftig nicht mehr allein der Gamedesigner für alle Spieler fällen, sondern intelligente Technik könnte individuell auf jeden einzelnen Nutzer eingehen und dessen Stress- oder Entspannungslevel berücksichtigen. Als denkbare Datenbasis dienen Gehirnströme, wie sie unter anderem das Unternehmen Neurosky mit seinen Sensoren messen kann.

Neurosky hat sich auf die Herstellung und Vermarktung von Biosensoren spezialisiert, nun will das Unternehmen seine Technologien auch den Entwicklern von Computerspielen zur Verfügung stellen. Mit klassischem Spielzeug hat das Unternehmen Erfahrung: Es produziert die Sensoren für den Mindflex von Mattel, mit dem Spieler einen kleinen Schaumstoffball per Gedankenkontrolle durch einen Kunststoffparcours lenken können. Der Mindflex ist seit seinem Verkaufsstart Ende 2009 in den USA zum Bestseller avanciert, hierzulande kommt er im August 2010 auf den Markt. Neurosky ist auch im medizinischen Bereich tätig.

Für den Einsatz in Computerspielen hat das Unternehmen seine Sensoren nach eigenen Angaben verbessert. Marketingchef David Westendorf führt die neue Version vor, die nichts mehr mit dem Stirnband des Mindflex zu tun hat. Stattdessen tragen Spieler einen Stereokopfhörer, der zum einen für die Ausgabe von Sound gedacht ist. Zum anderen befinden sich in der linken Hörmuschel zwei Sensoren, ein dritter muss über eine Art Antenne Kontakt mit der Stirn haben.

Den Rest erledigen die Softwareroutinen von Neurosky: Nach ein paar Sekunden haben sie sich auf die Gehirnströme des Spielers kalibriert. Bei dem Vorgang müssen laut Westendorf zum einen die individuellen Gehirnströme des Nutzers gefunden, zum anderen unerwünschte Daten herausgefiltert werden. Neben allerlei Daten des Nutzers sind das auch die der Umgebungselektrizität - weshalb Neurosky-Hardware aus den USA in Europa nur in einer angepassten Version funktioniert: Die Sensoren wissen sonst nichts mit der hierzulande etwas niedrigeren Frequenz des Wechselstroms anzufangen.

Tanz der Gehirnkurvenfrequenz

Sichtbar werden die Gehirnströme in der Mindset-Software von Neurosky unter anderem in Form einer Frequenzkurve. Wenn der Benutzer mit den Augen blinzelt, ist das sofort auf dem Bildschirm zu sehen. Nett: Bei längerem Musikgenuss sollen einige Balken laut Westendorf anfangen, im Rhythmus zu pulsieren. Das System aus Kopfhörer, Software für Windows-PCs und Mac OS können Interessierte übrigens auf der Webseite des Unternehmens für rund 150 Euro kaufen; Entwicklerwerkzeuge stehen kostenlos zum Download bereit.

Aktive Kontrolle kann der Nutzer von Mindset vor allem auf zwei virtuelle Drehschalter nehmen: Einer steht für Anspannung, der andere für Entspannung. Wer sich auf irgendetwas konzentriert und seinem Gehirn das Gefühl von Konzentration und Anstrengung gibt, der sieht nach einer kurzen Zeit - je nach Typ sind es wenige Sekunden oder ein paar Minuten - tatsächlich eine Reaktion: Der Schalter dreht allmählich nach rechts und erreicht immer höhere Werte.

Umgekehrt läuft es, wenn der Nutzer versucht, unnötige Gedanken zu verhindern und sich zu entspannen - was in erster Linie heißt, dass Aktivität von den gemessenen äußeren Gehirnregionen ins Innere wechselt: Dann klettert der andere Knopf auf hohe Werte, die aber dann, wenn der Nutzer beispielsweise denkt: "Hey, super", wegen der vermehrten Anstrengung wieder nach unten fallen können. In zwei extrem einfachen Spielen lässt sich anstelle des Drehens der Schalter ein Fass in die Luft sprengen und ein Ball in die Höhe heben. Diese Anstrengung und Entspannung lässt sich laut Neurosky mit dem System trainieren.

Mit den Systemen rund um die Sensoren von Neurosky lassen sich zum einen Anwendungen in Spielen programmieren - auch zur Steuerung, indem etwa Konzentration als Vorwärtsbewegung definiert wird. Zum anderen sind die Sensoren beispielsweise für Konzentrations- oder Meditationsübungen geeignet. Zumindest momentan können übrigens auch Gamer sicher sein, dass dabei kein Monster auftaucht.  (ps)


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